Kaukasus-Krise bei Illner Posttotalitärer Blitz und Donner

Droht ein Kalter Krieg, fragte gestern Maybrit Illner in die Runde, die mit russischen und deutschen Betonköpfen besetzt war. Aber nicht nur: Am Ende siegte politische Umsicht - den Grünen sei Dank!

Von Reinhard Mohr


Das irritierende Phänomen war schon während der Olympischen Spiele zu beobachten: Diktaturen üben eine große Faszination aus - auch in der westlichen Welt; nicht zuletzt bei jenen Intellektuellen, die Humanismus und Aufklärung mit der Muttermilch aufgesogen haben. Während man zu Hause jede vorbeugende Datenspeicherung als Vorboten eines digitalen Faschismus brandmarkt, sieht man in China auch über brutalste Menschenrechtsverletzungen hinweg.

Dabei bedient sich der China-Versteher eines beliebten Tricks, der den moralischen Relativismus politisch-historisch zu begründen vorgibt: Erstens müsse man China so viel Zeit geben wie dem europäischen Abendland, also mindestens noch 300 Jahre. Und zweitens sei der Westen ja auch kaum besser. Schon gar nicht Amerika, der wahre Hort des Bösen. Obama hin, Obama her.

Nach der offen völkerrechtswidrigen Aggression Russlands gegen Georgien wiederholt sich das Phänomen: In unzähligen Leserbriefen, in Talkshows und Zeitungsartikeln wird dem neuen, skrupellosen Großmachtstreben Moskaus ganz unverhüllt Beifall gezollt oder wenigstens Verständnis entgegengebracht.

Laut Umfragen gilt einer Mehrheit der Bürger im Zweifel Amerika gefährlicher als Russland. Selbst im Feuilleton der bürgerlich-konservativen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ("FAZ") wandte sich jüngst ein Redakteur gegen die angeblich vorherrschende reflexhafte "Russophobie" und mutmaßte dunkel über verborgene Interessen Amerikas und Israels.

Kalter Krieg? Ein Kalter

Am Donnerstag legte ein Kollege nach - kein "imperialistischer Wille" leite Putin und Medwedew, sondern allein die Absicht, "für Sicherheit zu sorgen". Originalton "FAZ": "Wenn Russland wieder Einfluss gewinnt in ehemaligen Sowjetrepubliken und unter seinen Nachbarn, dann ist das ein Zeichen der Normalisierung."

In Tallinn, Prag, Warschau und Budapest, um nur ein paar europäische Hauptstädte zu nennen, die ein wenig praktische Erfahrung haben mit "Normalisierung" à la russe, sieht man das anders. Inzwischen auch in Oslo, Stockholm, Kopenhagen, Paris, Rom und Berlin.

"Moskaus Muskelspiele - droht ein neuer Kalter Krieg?" - so lautete der Titel der ersten Talkshow von Maybrit Illner nach der Sommerpause, und man merkte allen Beteiligten, die teils frisch gebräunt von Europas Urlaubsküsten zurückzukehren schienen, die Verwunderung an. Wie, was, wo? Kalter Krieg in Europa?

Um es vorwegzunehmen: Er wurde abgesagt, obwohl sich Peter Scholl-Latour gewohnt eisenhaltig ins Zeug legte und abermals den lodernden Weltenbrand beschwor: "Zentralasien!", das sei der wahre Konfliktherd, nicht das bisschen Kaukasus-Kabale.

Der einzige, der einen Eishauch Kalten Kriegs (für die Jüngeren: bis zum Fall der Berliner Mauer im November 1989) im Berliner ZDF-Studio Unter den Linden verströmte, war Igor Maximytschew, Politologe, Diplomat, einst Gesandter der sowjetischen Botschaft in der DDR. Wie eine Reinkarnation des hochfahrend beleidigten Sowjetmenschen polterte er gegen den Westen, gegen EU und Nato, verteidigte Putin und Medwedew und warnte schon mal die Ukraine vor einem Angriff auf Russland.

"Wir stehen mit dem Rücken zur Wand", sagte er in unfreiwilliger psychologischer Selbstoffenbarung. Seit Michail Gorbatschows unseligem Wirken, das zum Zerfall des Sowjetreichs geführt hatte, sei Russland auf dem - wir verstehen: schmachvollen - Rückzug.

Menschen, Rechte, Marktwirtschaft

Doch statt einer Belohnung durch den Westen werde man immer noch wie ein "Aussätziger" behandelt. Genau hier wurde sie manifest, die große Kränkung des einst roten Riesenreiches, der tief sitzende Minderwertigkeitskomplex - das eigentliche Motiv der kaukasischen Racheaktion.

Die Antwort der deutschen Gesprächsteilnehmer war von fast therapeutischer Natur und zeigte nebenbei, dass politische Freiheit doch dem klaren Denken nützt. Sie benannten die Lage, ohne sie rhetorisch unnötig zu verschärfen.

Dabei ergab sich eine symptomatische Arbeitsteilung: Marie-Luise Beck von den Grünen beharrte dankenswert offen auf Demokratie und Menschenrechten und erinnerte an Tschetschenien. Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe gab den Pragmatiker.

Und Klaus Mangold, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, warb für die zivilisierende Wirkung des globalen Kapitalismus: "Reden Sie mal mit einem russischen Unternehmer. Der ist abhängig vom deutschen Maschinenbau!"

Der aus Tiflis zugeschaltete georgische Präsident Michail Saakaschwili nutzte die Gelegenheit und kritisierte ausführlich den "lange geplanten" Angriff Moskaus wie die Vertreibung Hunderttausender Georgier aus Abchasien und Südossetien.

Maybrit Illner gelang es nur mit letztem Einsatz, ihn zu unterbrechen und eine neue Frage zu stellen. Prompt gab Saakaschwili zurück: "Das ist eine falsche Frage", aber nur, um zum nächsten Monolog anzusetzen.

Keinesfalls dürfe es nun zur Anerkennung vollendeter Tatsachen kommen, "zur Kapitulation vor dem Bösen". Zwar sei die Moskauer Führung "arrogant und irrational", doch für einen neuen Kalten Krieg habe sie "gar nicht die Ressourcen".

Scholl-Latour hielt dagegen: "Doch, wir sind ja schon im Kalten Krieg." Er könnte sogar "brisanter werden als der letzte", denn die Nato sei "zu einem Kriegsinstrument gegen Russland geworden". Da brandet Beifall auf im Studio. Ein klassischer Scholl-Latour, der seine antiamerikanischen Ressentiments inzwischen selbst beim Namen nennt, freilich nur, um sie anschließend zu bestreiten. Igor Maximytschew sekundierte: Nicht Russland, sondern Amerika betreibe Muskelspiele, siehe Osterweiterung der Nato und Raketenschild in Polen.

Posttotalitärer Blitz und Donner

Da wurde es Marieluise Beck zu bunt: "Hatten die Polen etwa nicht das Recht, in die Nato einzutreten? Oder gibt es nur ein Recht auf Imperium?", unterbrach sie ihn und zog sich sogleich eine schwere Rüge des Russen zu. Doch diese Art posttotalitärer Blitz und Donner hat etwas Anachronistisches, und wenn es auch nur eine Talkshow war, so spiegelte sie doch die augenblickliche Isolation Russlands eindrucksvoll wider.

Genau das weiß natürlich Volker Rühe, und so hieß sein beruhigendes Mantra: sich ein eigenes Bild machen, die Wahrheit herausfinden und, statt Russland zu bestrafen, lieber Georgien helfen. Kurz: Positiv denken. Motto: Attraktivität ist besser als Abschreckung. Und: "Es gibt keine Einkreisung Russlands durch die Nato."

Dies sei eine neue Nato, die Freiheit und Stabilität schaffe. Das freilich wollte Igor Maximytschew ganz und gar nicht glauben. Auf Maybrit Illners Frage, wer ihm als künftiger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika denn lieber sei, John McCain oder Barack Obama, antwortete er in altsowjetisch-Chruschtschow'scher Klarheit: "Schwierige Frage. Beide sind schlecht."



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