Kerkelings Comeback "Herr Jauch, jetzt erotisch gucken!"

TV-Anarchist Hape Kerkeling hat wieder zugeschlagen. "Hape trifft" heißt die neue Sendung. Mit Günther Jauch und Yvonne Catterfeld als Witzableiter begab sich Kerkeling für anderthalb Stunden in die eigene humoristische Vergangenheit. Fazit: Gelungene Parodien, mäßige Blockflötensoli und ein toter Hamster.


Redakteur Schlämmer alias Kerkeling: Zehrende Sehnsucht des medialen Niemands
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Redakteur Schlämmer alias Kerkeling: Zehrende Sehnsucht des medialen Niemands

"Say hello to German television", forderte Hape Kerkeling eine junge US-Amerikanerin auf. Mit seiner bewährten Interviewmethode, die unnachgiebige Penetranz und jungenhaften Charme vereint, befragte der Entertainer in Los Angeles halb konsternierte, halb amüsierte Passanten: "Welchen Beruf übt der Mann auf dem Foto aus?" Die Antworten der ratlosen Testpersonen reichten von "Geschäftsmann" bis "Transvestit", was sehr zur Erheiterung des deutschen Studiopublikums von Kerkelings neuer RTL-Show "Hape trifft" beitrug. Denn das besagte Bild im vorproduzierten Einspieler zeigte Über-Moderator Günther Jauch, der gerade als erster Stargast auf der Couch Platz genommen hatte.

Der Auftakt der gestern um 21.15 Uhr ausgestrahlten Sendung gab die Richtung für die folgenden anderthalb Stunden vor, in denen Kerkeling konsequent seine in 20-jähriger TV-Erfahrung etablierten Humorstandards recycelte. Nach schwankenden Erfolgen mit oft unausgegorenen Formaten, sowie diversen Senderwechseln in den neunziger Jahren, versuchte sich der 1964 in Recklinghausen geborene Grimme-Preisträger nun an einer Synthese aus Personalityshow und jener überfallsartigen Improvisationskomik, die Kerkelings innovative Nummernrevue "Total Normal" einst zum Apex westdeutscher Fernsehunterhaltung machte.

Der milde Anarchist

Und für diese Pionierreise in die eigene Künstler-Vergangenheit hätte er sich keinen besseren Begleiter aussuchen können als Günther Jauch, den augenscheinlich nicht nur eine gemeinsame Generation und die öffentlich-rechtliche Herkunft mit dem westfälischen Allroundtalent verbindet. Bei Weizenbier und Schnittchen, ihrerseits traditionelle Insignien der sanft ironisch gebrochenen Pantoffelheimeligkeit Kerkelings, plauderte Jauch bereitwillig über die tödlichen Ohrräude seines Hamsters aus Kindertagen und zeigte sich genuin amüsiert, wenn ihn der gespielt genervte Moderator unleidig unterbrach: "Oh Gott, lassen Sie das, dies ist eine Familiensendung."

Ebenso kompatibel erwies sich Jauch als komödiantischer Sparringspartner im ersten der längeren Filme, in denen Hape Kerkeling seine diversen Alter Egos mobilisierte. Dabei rekurrierte die von Kerkeling verkörperte niederländische Paartherapeutin Efje van Dampen, die im Clip einen leidensfähigen Günther Jauch durch die Fauna des Duisburger Zoos scheucht, deutlich auf die Hapesche Paraderolle der Königin Beatrix - körperlich etwas in die Breite gegangen und mental gekreuzt mit dem sinnleeren Sex-Säuseln einer Erika Berger: "Was ist so Animalisches in Günther Jauch drin?"

Jedenfalls genügend, um den gelassenen Witzableiter als äußerst mäßigen Blockflötensolisten zum gemeinsamen Musizieren mit einer Elefantendame zu animieren. Nachdem er sich zurück auf der Showbühne noch zu seiner Patenschaft für eine exkrementförmige Seegurke bekannte, durfte Günther Jauch kurzzeitig pausieren. Dafür präsentierte Kerkeling seinen nächsten verfilmten Feldversuch, für den er in der Maske des schwiemeligen Provinzreporters Horst Schlämmer, seines Zeichens Redakteur des Grevenbroicher Tagblatts, die Landtagswahlen in Kiel heimsuchte.

Schmierenjournalist Schlämmer, der äußerlich am ehesten an Thomas Roth in der Mauser und verbal an Rainer Calmund nach dem zwölften Pils erinnerte, sprengte erst das TV-Interview der SSW-Spitzenkandidatin Anke Spoorendonk und konfrontierte dann einen sichtlich überforderten Peter Harry Carstensen mit der Gretchenfrage: "Deutschland ist ein Bus. Aber wohin geht die Reise?" Sein immer noch beeindruckender Mut zur Hässlichkeit machte Kerkeling zumindest für schleswig-holsteinische Spitzenpolitiker unidentifizierbar, und mit enervierender Hartnäckigkeit drängte sich der lernschwache Leitartikler Schlämmer in die Sucher der zahlreichen Kameras. Die zehrende Sehnsucht des medialen Niemands - " Die ganzen Karnickelzüchter gucken" - nach dem 15-Minuten-Ruhm gehört seit dem Film "Kein Pardon" (1993) zum festen Repertoire Kerkelings, der wie sonst nur Harald Schmidt ein bewusst schizophrenes Verhältnis zum Fernsehen pflegt. Frenetische Begeisterung für das Medium wechselt mit wissender Distanz, die Kerkeling in Hochform zum milden Anarchisten in der TV-Welt werden lässt.

Teewurst für Teeniestars

Wenn Schlämmer sich selbst in die Taschen seines spackigen Trenchcoats lügt ("Ich habe nie nach Höherem gestrebt"), oder voller Neid gegenüber mediengeschulten Politikern zum giftigen Wadenbeißer mutiert ("Das ist jetzt Zweckoptimismus. Aber was sollen sie auch sagen"), dann artikuliert Kerkeling damit auch überspitzt die insgeheim empfundene Ohnmacht seines Publikums. Doch im Gegensatz zu Schmidt erhebt er sich nie über den gemeinen Zuschauer: Kerkeling hakt sich unter, lässt Kölsch verteilen und demontiert zuallererst immer seine eigene TV-Persona.

Kerkeling, Jauch: Komödiantische Sparringpartner
RTL

Kerkeling, Jauch: Komödiantische Sparringpartner

Diese Souveränität unterscheidet ihn von den überheblichen Comedians aktueller Provenienz, die ihre humoristischen Defizite durch fehlgeleitete Aggressivität überspielen und denen jegliches Verständnis für ihre Funktion innerhalb des Medienapparats abgeht: Kerkeling aber ist ein Star, weil er glaubwürdig die Freude an seiner Arbeit transportiert und dennoch immer seine Fähigkeit zur Reflexion durchscheinen lässt.

Letztgenannte Qualitäten machten auch erträglich, dass Hape gestern fast ausschließlich auf RTL-Eigengewächse traf. Im Rahmen des senderinternen Product Placements bewältigte er einen Gastauftritt im Serienmarathon "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", wo er als liebestoller Möbelpacker zumindest handfest die Illusionsbildung bemängelte. Der beiläufige Dialog bei der Verköstigung eines falschen Cognacs: "Was ist das für eine Scheiße, die wir da trinken?" Die darauffolgende Antwort könnte glatt als dramaturgisches Geheimrezept des RTL-Endlosformats durchgehen: "Cola, mit Wasser verdünnt."

Aus "GZSZ" wurde denn auch gleich der zweite Studiogast Yvonne Catterfeld importiert, die zunächst den klebrigen "Walflosse vor Vollmond"-Poster-Pop ihrer Single "Bitte glaub an mich" lancieren durfte. Doch danach hieß Kerkeling sie auf dem Sofa willkommen, und schwor den Teeniestar durch Schnittchenkunde erfolgreich auf das Konzept der Sendung ein: "Teewurst haben wir auch für dich."

Zwischen Euphorie und Hysterie

Flankiert von Kerkeling und Jauch, die sich längst wie zwei kicheranfällige Gymnasiasten die Bälle zuspielten, konnte denn auch Schlagerheimchen Catterfeld angenehm auffallen. Ob beim Zungenbrechertraining für das Publikum - "Die Uschi nicht ihr Sushi mag, weil's Sushi auf der Heizung lag" - oder bei der "Wer wird Millionär?"-Improvisation unter Leitung von Kerkelings Kunstfigur Sigi Schwäbli, das Trio entwickelte zwar albernen, aber nicht unbeträchtlichen Charme. Selbiger ist nicht hoch genug einzuschätzen, denn wie nah der Abgrund ist, zeigte im letzten Werbeblock der Trailer für die nachfolgende Sendung "Frei Schnauze. Deutschlands wildeste Comedy-Show" mit Pointenverweser Mike Krüger.

Kerkeling, der seine Gäste mit entwaffnender Gestelztheit siezte und sich selbst abschließend ein Duett mit Yvonne Catterfeld schenkte, verbreitete hingegen in seinen besten Momenten wieder jene ansteckende, spätpubertäre Euphorie des Gastgebers, der alles gleichzeitig machen will: "Herr Jauch, jetzt erotisch gucken", rief er zwischen seinen Gesangparts im Schmuseklassiker "Something Stupid".

Doch dumm ist sein humanistisch-hysterischer Humor, der "Mad Magazine" und Marx Brothers ebenso beleiht wie "Das goldene Blatt" und Heinz Schenk, mit Sicherheit nicht. Selbstverständlich wirkt Kerkelings Witz nach all den Jahren weitaus vertrauter und harmloser als noch Ende der Achtziger, und auch ein neo-dadaistisches "Hurz"-Husarenstück zeigt sich vorläufig nicht am Horizont. Darum lässt sich das nach Dschungelcamps und Teufelsküchen so erfreuliche Wiedersehen mit dem sensiblen Schnittchenpapst am ehesten in den Worten zusammenfassen, mit denen sich Kerkeling für seinen Auftrittsapplaus bedankte: "Das ist sehr, sehr lieb."



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