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S.P.O.N. - Der Kritiker: Ins falsche Leben gefallen

Eine Kolumne von

Fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien. Auch in Italien, Frankreich und England sind die Raten hoch. Mit welchen Folgen? Eine Ausstellung von Larry Clark und der Briefwechsel von Jack Kerouac und Allen Ginsberg zeigen Jungsein als Zustand wütender Sinnsuche.

Es gibt ein Wort für den Zorn, die Verachtung, den Stolz, für das Tempo, das Verlangen, die Sehnsucht, für all das, was gefährlich schien im Blick der Jungen, die noch nicht Teenager hießen, weil dieses Wort erst erfunden wurde, von ihnen, für sie. Im Blick der Hipster lag dieser Hochmut, weil sie am Rande der Vernunft entlang balancierten, damals, als die Welt jung war, als die Welt jung wurde, es ist lange her: Wasted Youth.

"Schau dir die Mädels an darum dreht sich die Welt", schrieb Jack Kerouac am 10. Mai 1952 an seinen Freund Allen Ginsberg, inklusive Kommafehler. Er war am "Strand von Mazatlan wo wir den fünf Meilen entfernten Mädchen nachgeschaut hatten, in der Ferne rote, braune und schwarze Pferde, die Stiere und Krähen, die riesigen ebenen saftgrünen Wiesen, die riesige Sonne die über den Three Islands im Pazifik versank, das war einer der großen mystischen aufrüttelnden Momente meines Lebens", so geht dieser lange, drängende, tolle Brief weiter, in "Mexico City kamen wir in der Dämmerung an. Um Bill nicht zu wecken gingen wir zu Fuß in die Slums und schliefen in einer Bruchbude für Kriminelle für fünf Pesos, ganz aus Stein und pissten, und kifften, und schliefen auf einer miserablen Pritsche ... er sagte ich solle auf der Hut vor dem Revolverhelden sein."

Das ist der Ton, aus dem die Revolte stammt, das ist der Mythos von Begehren und Aufbegehren, das ist die Selbstfeier all derer, die romantisch genug waren und außerhalb der Gesellschaft nach etwas suchten, das sie am Ende selbst sein sollten, aber, schreibt Ginsberg irgendwann an Kerouac zurück, "ich habe mit einer Abstraktion (der Gesellschaft) gekämpft und wollte von ihr bestraft werden, und ich habe die Strafe in mir selbst gefunden."

Worte voller biblischem Zorn

Es sind große, wilde Worte, die die beiden hin- und herschicken, voller biblischem Zorn und voller Verachtung nicht nur den anderen gegenüber, "der Gesellschaft", sondern auch sich selbst gegenüber, es ist ein Ringen mit sich, um Ruhm und Größe, um das richtige Wort, den richtigen Jungen, das richtige Mädchen, die Verzweiflung ist immer da, weil sie ja so jung sind und so wund - und der Briefwechsel dieser beiden mystischen, wütenden, drogenverwehten Sinnsucher aus Amerikas goldener Unschuldszeit, dieser Briefwechsel, der gerade auf Deutsch erschienen ist (Jack Kerouac, Allen Ginsberg: "Ruhm tötet alles". Die Briefe, Verlag Rogner & Bernhard), diese Notizen eines manischen, panischen Lebens lesen sich heute so berauschend: Weil wir das Tempo, die Wut, den Stolz brauchen, weil es das ist, was uns voran treibt.

Auch aus den Bildern von Larry Clark spricht dieser Furor, diese Verlorenheit, sie sind gerade in Berlin in einer Ausstellung zu sehen (c/o Berlin, bis August), es sind Fotos von Drogenabhängigen, Kleinkriminellen, Drop-outs, Schwänzen, Spritzen, nackten Mädchen im Matsch, nackten Jungen im Brunnen, hier eine Waffe, dort ein Fick, es sind harte Bilder, intime Bilder, die von einem existentiellen Pathos getragen werden - Ende der sechziger Jahre wurden die ersten dieser meist schwarz-weißen Fotos gemacht, und wenn Kerouac und Ginsberg Vorboten der sexuellen und sonstigen Revolution der sechziger Jahre waren, dann sind die Menschen, die Larry Clark zeigt, schon mittendrin im Mahlstrom ihrer Zeit: Sie können oder sie wollen nicht anders leben, das ist die leere Mitte, um die diese Bilder kreisen, sie leben schon nach der Utopie und haben nur noch sich selbst.

"Ich will in Ruhe gelassen werden. Ich will im Gras sitzen. Ich will auf meinem Pferd reiten. Ich will eine Frau nackt im Gras an einem Berghang flachlegen. Ich will denken. Ich will beten. Ich will schlafen. Ich will die Sterne betrachten. Ich will was ich will", das schreibt, das schreit Kerouac am 10. Juni 1949 an Ginsberg. "Ich will Bücher lesen. Ich will Bücher schreiben. Ich werde in den Wäldern Bücher schreiben. Thoreau hatte Recht, Jesus hatte Recht. Es ist alles verkehrt und das prangere ich an und alles kann zur Hölle gehen. Ich glaube nicht an diese Gesellschaft; aber ich glaube an die Menschheit."

Europas verlorene Jugend

Etwas ist an diesen Worten, etwas ist an den Bildern von Larry Clark, und das hat nicht nur damit zu tun, dass etwa die Menschen auf seinen Fotos aussehen wie Dealer, Fixer, Charaktere aus der gefeierten amerikanischen Drogen-Serie "Breaking Bad": Es ist eher die Frage, was Jugend ist, was Wut ist, was Sehnsucht ist, was es bedeutet, am Rand der Gesellschaft, am Rand des Wohlstands, am Rand der Liebe zu leben - es sind diese Dinge, über denen man meditieren kann, wenn man mal wieder liest, dass sie in Spanien fast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit haben, in Italien 30 Prozent, in Frankreich 25 Prozent, in England 20 Prozent, dass Europa eine "verlorene Generation" produziert, Wasted Youth.

Denn was heißt das genau? Was bedeutet das? Was macht das? Was also, ganz ulrichbeckhaft gefragt, sind die Folgen?

Das erste Foto in der Larry-Clark-Ausstellung zeigt einen jungen Mann mit einer schönen, langen, schwarzen Pistole, er hält sie vor der nackten Brust, phallisch fast, es ist nicht klar, ob die Waffe Schutz ist oder Bedrohung, sie ist am Ende, was sie ist.

Und Jack Kerouac, der Mystiker, hat eine Vision: "Was ist das Geheimnis der Welt", schreibt er am 13. Januar 1950 an Ginsberg. "Niemand weiß, dass wir Engel sind. Gottes Engel bezaubern und täuschen mich. Sah eine Hure und einen alten Mann an einem Imbisswagen - und o Gott, ihre Gesichter! Habe mich gefragt, was Gott sich dabei wohl gedacht hat. In der U-Bahn wollte ich aufspringen und schreien: "Was sollte das denn jetzt? Was ist da oben bloß los? Was willst du uns damit sagen? Herrgott (noch mal), Allen, das Leben ist der Mühe nicht wert, das wissen wir alle, es stimmt doch fast nichts daran, aber wir können nichts dagegen tun, und das Leben ist der Himmel."

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 35 Beiträge
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1. Genial !
2049er 01.06.2012
wieso gibts nicht ein paar mehr von solchen Texten ?
2.
Glückshormon 01.06.2012
Zitat von sysopFast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien. Auch in Italien, Frankreich und England sind die Raten hoch. Mit welchen Folgen? Eine Ausstellung von Larry Clark und der Briefwechsel von Jack Kerouac und Allen Ginsberg zeigen Jungsein als Zustand wütender Sinnsuche. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,836418,00.html
"Es ist alles verkehrt und das prangere ich an und alles kann zur Hölle gehen. Ich glaube nicht an diese Gesellschaft; aber ich glaube an die Menschheit." D a s ist der Satz, der systemische Gültigkeit hat... Die Gesellschaft fügt sich ein in Zwänge, Kredite, Leasingraten, Hypotheken, Steuerabgaben, Verordnungen, Vorgaben, Gesetze, Ängste, Sanktionen und Vorschriften. Wo hat es sie hingeführt? In den moralischen und finanziellen Bankrott. 5 Billionen Schulden in Deutschland, 14 Bilionen in den USA... Und der Planet kurz vorm Exitus. So wie der realexistierende Kapitalsimus. Kaputte Menschen, kaputte Wirtschaftssysteme, kaputte Lebensräume. Und die Menschen lauschen ihren Heilsbringern, die uns in diese interessensgesteuerte Sch...e geritten haben und glauben an deren Rezepte. Eine doofe, eine naive Gesellschaft, die schäfchengleich geschlachtet wird. Ich hoffe auf die Intelligenz der Menschheit, die Dummheit der Gesellschaften scheint grenzenlos.
3. Sowas kann nicht jeder schreiben.
Medienbeobachter 01.06.2012
Dazu gehört die Kunst Fluchtorte für sich gefunden zu haben, um der Welt der Gefühllosen zu entrinnen. Doch gefühlvolle Worte haben in der falschen Welt keine Macht. Leider. Und so blinkt der Neon weiter und die Befürworter des Verelendungsgeldes Hartz 4 dürfen sich unfassbarerweise weiter für Menschen mit Anstand halten. Welch ein Wahnsinn.
4. Neoliberale Heilsbringer
hypnos 01.06.2012
Zitat von sysopFast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien. Auch in Italien, Frankreich und England sind die Raten hoch. Mit welchen Folgen? Eine Ausstellung von Larry Clark und der Briefwechsel von Jack Kerouac und Allen Ginsberg zeigen Jungsein als Zustand wütender Sinnsuche. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,836418,00.html
Wir haben es immer wieder vorgebetet bekommen: "Wer (wirklich) will, findet Arbeit. Auch, wer etwas kann, findet immer Arbeit" - natürlich nicht vor der Haustür. Alle anderen sind faul, dumm, oder beides, oder wollen sich in der sozialen Hängematte ausruhen (beispielsweise Hartz-IV in Deutschland). So die Neoliberalen Heilsbringer der Banken, der FDP, der SPD; von "Röschen". Deshalb lügt jeder, der anderes behauptet.
5. Sinnvoll leben
Spiegelkritikus 01.06.2012
Zitat von sysopFast 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in Spanien. Auch in Italien, Frankreich und England sind die Raten hoch. Mit welchen Folgen? Eine Ausstellung von Larry Clark und der Briefwechsel von Jack Kerouac und Allen Ginsberg zeigen Jungsein als Zustand wütender Sinnsuche. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,836418,00.html
Jede neue Generation wächst in eine bestehende Gesellschaft hinein und muss ihren Weg finden. Sie kann sich anpassen und und eine bürgerliche Existenz aufbauen - sofern die Voraussetzungen vorhanden sind -, oder aber rebellieren und neue Lebensentwürfe ausprobieren. Es geht um Sinn, Erfüllung, Bestätigung, Erfolg und vieles mehr, konventionell oder unkonventionell. Herr Diez schlägt den Bogen zur grassierenden Jugendarbeitslosigkeit in etlichen europäischen Ländern und stellt die Frage nach deren Folgen, ganz ulrichbeckhaft. Eine soziologische Antwort bleibt er freilich schuldig. Nehmen wir als Beispiel Spanien, dessen junge Bevölkerung (bis über 30) am stärksten betroffen ist. Länger andauernde Arbeitslosigkeit bedeutet zunächst materielle Deprivation, d.h. ein selbstbestimmtes Leben ist deutlich erschwert. Viele Betroffene können sich keine eigene Wohnung leisten und wohnen notgedrungen noch bei den Eltern. Da ein solches Leben unbefriedigend und perspektivlos ist, entscheiden sich viele, ihr Glück im Ausland zu suchen. Inzwischen kommen immer mehr junge Leute aus den südlichen Krisenstaaten in die nördlichen Länder, um dort Arbeit zu suchen und eine neue Existenz aufzubauen. Falls es mit der Arbeit nicht klappt, vertraut man auf die vergleichsweise guten Sozialsysteme. Die in den Heimatländern verbleibenden jungen Leute organisieren sich, um gegen ihre gesellschaftliche Benachteiligung zu demonstrieren. Sie sind nämlich vor allem deswegen ausgeschlossen, weil die Vorgängergenerationen eisern am Prinzip der Besitzstandswahrung festhalten und nicht bereit sind, Arbeit gerechter aufzuteilen bzw. auf etwas zu verzichten. Dabei werden sie von Gewerkschaften nach Kräften unterstützt. Es dreht sich also um einen ausgeprägten Generationenkonflikt, der in unterschiedlicher Ausprägung für die meisten europäischen Länder typisch ist. Die sozio-ökonomischen Folgen in den Ländern mit hoher Jugendarbeitslosigkeit und vor allem der Exodus vieler Menschen sind gravierend und befördern den wirtschaftlichen Niedergang, sofern keine grundlegenden strukturellen Veränderungen vorgenommen werden, die eine angemessene soziale und ökonomischeTeilhabe der jüngeren Generation ermöglicht. Eine Gesellschaft, die ihre Jungen massen- und dauerhafthaft exkludiert, produziert unweigerlich schwere soziale Verwerfungen umd Konflikte. Solange der Jugend keine Arbeitsmöglichkeiten geboten werden, müssten sie zumindest über eine ausreichende soziale Absicherung inkludiert werden. Zur Finanzierung müssen die Reichen dieser Länder endlich herangezogen werden, diejenigen, die gnaden- und mitleidlos hunderte von Milliarden ins Ausland transferieren. Vor diesem Hintergrund erscheint die "wütende Sinnsuche" eines Kerouac und Ginsberg fast wie ein Luxusproblem. Jede Gesellschaft muss den nachwachsenden Generationen eine Perspektive und die Chance zu einem selbstbestimmten, sinnvollen Leben bieten!
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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