Kerryisms Die menschliche Nebelmaschine

Jedes Mal, wenn George W. Bush den ständigen Kampf mit seiner Muttersprache verliert, erblickt ein neuer "Bushism" das Licht der Welt. Auch Herausforderer John Kerry produziert denkwürdige Zitate - dass er fehlerfreies Englisch spricht, macht die Sache nicht besser.


US-Demokrat Kerry: "Menschlicher Nebel"
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US-Demokrat Kerry: "Menschlicher Nebel"

New York - "Mehr und mehr unserer Importe kommen aus dem Ausland." Das Online-Magazin "Slate" dokumentiert diese als Bushisms bekannt gewordenen Zitate des US-Präsidenten seit mehreren Jahren. Und der Amtsinhaber, der zurzeit wahlkampfbedingt viele Reden hält, liefert stetig Nachschub. Mal beglückt er Bushism-Fans mit Aussagen, die sich einer allzu linearen Logik entziehen ("Mein Job ist, sozusagen, über das Jetzt hinauszudenken") oder er erfreut sie mit frontalen Angriffen auf die englische Sprache als solche ("They misunderestimated me").

Der weit gereiste Diplomatensohn John F. Kerry hat gegenüber seinem Yale-Kommilitonen Bush den Vorteil, die englische Sprache vollständig zu beherrschen. Wer sich je einer Kerry-Rede ausgesetzt hat, stellt allerdings schnell fest, dass dies nicht unbedingt ein Vorteil ist. Bush neigt zu schrägen, dafür aber erfreulich kurzen Sentenzen. Kerry hingegen ist ein Freund des Schachtelsatzes. Mächtig sind die Wortgebäude, welche der Senator auftürmt, und um seinen Zuhörer zusätzlich zu beeindrucken, verstuckt Kerry sie mit einem Übermaß an Adjektiven und Floskeln. Dass er zudem betont langsam spricht und dabei dreinschaut wie Baumbart der Ent, macht die Sache nicht besser. Reichlich Potenzial für Spott und Häme scheint also vorhanden.

Das haben sich auch die Journalisten von "Slate" gedacht. In der Hoffnung, den Erfolg der Bushisms wiederholen zu können, unterhält das Magazin neuerdings eine Rubrik mit Kerryisms. Dort finden sich täglich Zitate wie dieses:

"Lassen sie mich lediglich sehr schnell sagen, dass diese schrecklichen Misshandlungen irakischer Gefangener, welche die Welt nun gesehen hat, völlig unakzeptabel und unentschuldbar sind. Und die Reaktion der Regierung, vor allem des Pentagons, kam zu langsam und war nicht angemessen. Ich glaube, der Präsident muss garantieren, dass die Welt eine Erklärung erhalten wird. Was dort geschehen ist, hat unseren Soldaten, die mit großer Tapferkeit und noch größerem Heldenmut und ich denke ausgezeichnet, dienen, Schaden zugefügt. Und es untergräbt zudem Amerikas eigene Anstrengungen in der Region."

Aus dieser Kerry'schen Langversion entfernt Slate-Autor William Saletan in der Folge alles, was seines Erachtens überflüssig ist:

"Lassen sie mich lediglich sagen, dass die Misshandlungen irakischer Gefangener völlig unakzeptabel sind. Und die Reaktion der Regierung war nicht angemessen. Ich glaube, der Präsident muss eine Erklärung [abgeben]. Was dort geschehen ist, hat unseren Soldaten Schaden zugefügt. Und es untergräbt zudem Amerikas Anstrengungen in der Region."

Diese sprachhygienische Übung soll belegen, dass Kerry viel redundantes, gestelztes Zeug quasselt. Ganz fair ist dieses Vorgehen allerdings nicht. Sprachpolizist Saletan muss tatsächliche Kerry-Zitate zunächst langwierig redigieren, um deren Autor als Dampfplauderer zu "entlarven". Zudem entfernt "Slate" nicht nur Füllstoff ("ich denke", ich glaube"), sondern verändert auch die inhaltliche Aussage ("vor allem des Pentagons").

Rhetorik-Talent Bush: "They misunderestimated me"
DPA

Rhetorik-Talent Bush: "They misunderestimated me"

Ist das komisch, so komisch gar wie die Bushisms? Deren Faszination lag darin, dass man den ungeschminkten George W. Bush zu sehen bekam. Der Mann hat wirklich gesagt, dass "mehr Handel mehr Kommerz bedeutet". Da musste textlich nichts frisiert werden. Zu Saletans Ehrenrettung muss man wiederum anführen, dass er sich ein besonders schwieriges Ziel ausgesucht hat. John Kerry ist einfach zutiefst unkomisch. Auch der vielköpfige Pressestab des Senators bemüht sich seit Monaten, etwas Humor in den Kandidaten Kerry hineinzuredigieren. Bisher ohne erkennbaren Erfolg.

Lustig oder nicht, Kerrys Zitate sagen einiges über den Mann aus. Eine kleine Archivsuche genügt, um eine Reihe kürzerer Bonmots zutage zu fördern, die man ebenfalls unter dem Oberbegriff Kerryisms zusammenfassen könnte. Ihr gemeinsamer Nenner: Der demokratische Senator schafft es, jeder noch so einfachen Frage auszuweichen. Einige Beispiele:

  • Kerrys Antwort auf die Frage, ob er einen Spritfresser der Marke Chevrolet Suburban in der Garage stehen hat:
  • "Die Familie hat einen. Ich habe keinen."

  • Kerrys Antwort auf die Frage, warum er gegen zusätzliche Finanzmittel für US-Soldaten im Irak gestimmt hat:
  • "Tatsächlich habe ich für die 87 Milliarden Dollar gestimmt, bevor ich dagegen gestimmt habe."

    Sätze wie diesen verwenden die Republikaner in ihren Wahlkampfspots, um Kerry als "Flip-Flopper" hinzustellen - als einen der erst Hüh und dann Hott sagt. "New York Times"-Kommentator David Brooks verhöhnt den Senator wegen seiner oft allzu wolkigen Aussagen als "John Kerry, den menschlichen Nebel". Es ist schon paradox: Eigentlich sollte es Kerry der Wortgewandte sein, der George den Stammler vorführt; tatsächlich ist es Bush, der mit seinem sprachlichen Defizit punktet.

    Aus Sicht der Bushhasser sind die Bushisms zwar der Beweis dafür, dass der Amtsinhaber ein Kretin ersten Grades ist. Mit den Ansichten eines Politikers, der nicht einmal richtig sprechen kann, so deren gängige Meinung, muss man sich gar nicht erst auseinander setzen. Vor allem in ländlichen Teilen der USA wird dem Präsidenten die Neigung zum frakturierten Hauptsatz aber nicht als Schwäche ausgelegt, sondern als positiver Charakterzug. Bush, so die Wahrnehmung, ist keiner von diesen Washingtoner Sprachakrobaten; er ist ein straight talker. Außerdem: Kann jemand, der so viele Lacher produziert, ein übler Bursche sein?

    Bushisms sind ein Bonus, Kerryisms ein Malus. Natürlich hat Kerrys Verhalten viel mit seiner zwanzigjährigen Sozialisation in Washington zu tun. Wie die meisten Spitzenpolitiker hütet er sich vor allzu klaren Aussagen, auf die er später festgenagelt werden könnte. Doch auch wenn man Kerry diese "Umwelteinflüsse" in Rechnung stellt, ist es erstaunlich, wie sich die "Nebelmaschine aus Boston" (Brook) selbst bei politisch unverfänglichen Fragen gewohnheitsmäßig ein Hintertürchen zimmert. Mitunter wirkt das pathologisch. Als Kerry kürzlich während eines Kurzurlaubs in Idaho gefragt wurde, ob er denn heute Ski oder Snowboard fahren werde, antwortete der Senator:

    "Es ist ein Ski-Tag, ein Teil des Tages."



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