Kevin Spaceys Videobotschaft "Vermisst Ihr mich?"

Am 7. Januar steht Schauspieler Kevin Spacey wegen sexueller Übergriffe vor Gericht. Am Tag der Vorladung versucht der Oscarpreisträger per Video die Selbst-Rehabilitierung - ein überaus verstörender Auftritt.

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Gut sieht er aus. Erholt. Irgendwie aufgeräumt. Mit souveränem Gestus bewegt sich Kevin Spacey vor der Kamera, spricht mit sonorer, warmer Stimme. Mimik und Körpersprache stützen perfekt seine verbalen Botschaften, Andeutungen, Appelle. Er sucht den Augenkontakt mit seinem Zuschauer, baut emotionale Brücken, schmeichelt. Es ist wie ein Gespräch unter Gleichen, unter Kumpanen, unter Komplizen. Das Video unterstreicht eindrucksvoll, warum man Kevin Spacey durchaus vermissen kann: Der Mann ist als Schauspieler eine Klasse für sich.

Und er ist weder blass noch abgemagert, seitdem er im Oktober 2017 arbeitslos wurde. Ach was, arbeitslos: Zum Paria wurde er, über den viel geredet wurde, aber nicht mehr mit ihm. Er verlor seine Jobs, aus seinen letzten Filmen schnitt man ihn heraus. Seine Agenten und die Studios distanzierten sich von ihm. Aus dem umworbenen Oscarpreisträger wurde ein Gemiedener.

Als der Schauspieler Anthony Rapp im Oktober 2017 öffentlich machte, im Alter von 14 Jahren von Spacey sexuell bedrängt worden zu sein, bestritt Spacey das nicht grundsätzlich. Er könne sich daran nicht erinnern, sagte er, aber wenn Rapp das damals so empfunden habe, dann entschuldige er sich dafür. Er werde wegen seiner Probleme in Therapie gehen.

Rapp ist heute 47, und was immer damals geschah oder nicht, es ist wahrscheinlich verjährt. Das gilt für etliche der Vergehen und Verbrechen, die Spacey im Weinstein-Herbst 2017 nach und nach vorgeworfen wurden. Der Imageschaden für den Schauspieler war desaströs, aber es mag sein, dass er da noch glaubte, straffrei davonzukommen. Wenige Monate nach den ersten Vorwürfen zählte man 16 mögliche Opfer. Die Vorwürfe reichen von exhibitionistischen Irritationen bis hin zur Vergewaltigung Minderjähriger.

Das sind keine Kavaliersdelikte. Aber bis ein Gericht darüber urteilt, sind es zunächst auch "nur" Vorwürfe. Das nutzt Kevin Spacey jetzt für den Versuch einer Selbst-Rehabilitierung. Dass diese Videobotschaft am selben Tag veröffentlicht wurde wie die Bekanntgabe, dass er am 7. Januar dem Haftrichter vorgeführt wird, um in Massachusetts vor Gericht zu stehen, kann, muss aber kein Zufall sein.

Man muss kein guter Mensch sein, um ein guter Schauspieler zu sein

Denn es braucht Zeit, so etwas zu produzieren. Hatte Spacey es für den Fall einer Anklageerhebung vorbereitet? Oder als Versuch, sein Comeback einzuleiten? Schließlich hatte sich erst Ende November der Regisseur Paul Schrader mit dem Appell vorgewagt, Spacey wieder zu besetzen: "Gestern hab' ich ein sehr gutes Drehbuch bekommen, das nach Kevin Spacey in der Hauptrolle schrie."

Dass seine Produzenten das abgelehnt hätten, schrieb Schrader bei Facebook, halte er für falsch. Er unterscheide zwischen den Verbrechen der Person und ihrem Wert als Künstler: "Ihn als Künstler zu bestrafen setzt nur die Kunst herab."

In dieser Argumentation schwingt die Denke mit, dass der Zweck die Mittel heilige. Spacey bewegt sich in seinem einerseits recht professionell produzierten, andererseits recht verstörenden Video genau auf dieser Linie. "Ich weiß, was Du willst", raunt er dem Zuschauer zu. "Sie haben versucht, uns zu trennen, aber was uns verbindet, ist zu stark, zu mächtig. Letztlich haben wir doch alles miteinander geteilt: Ich habe Dir meine tiefsten, dunkelsten Geheimnisse gezeigt. Ich habe Dir gezeigt, wozu Menschen fähig sind, ich hab' Dich mit meiner Ehrlichkeit geschockt."

Nein, nicht wirklich: Geschockt hat Spacey seine Fans mit den Dingen, die er heimlich tat. Aber es ist ja auch nicht Kevin Spacey, der da spricht, sondern Frank Underwood, seine berühmteste Rolle: der intrigante Politstratege, der sich bis ins Weiße Haus meuchelt. Spacey zeigt damit, was Schrader gemeint haben mag: Er, der begnadete Künstler, kann vor der Kamera überzeugend ein Anderer sein. Einer, der uns auf angenehme Weise schockiert hat, der uns unter Verletzung der "vierten Wand" immer wieder zu Komplizen machte, indem er aus der laufenden Handlung heraus einfach den Zuschauer ansprach.

Unschuldig - oder unfähig, die eigene Schuld einzugestehen?

Und wir, sagt Underwood, genossen es, seine Komplizen zu sein. Das stimmt. Aber das heißt nicht, dass wir auch Spaceys Komplizen sein wollen.

Frank Underwood ist ohne jede Frage jemand, den man vermissen kann. So wie all die anderen großen Rollen des Kevin Spacey, die er im Wortsinn verkörperte. Aber Underwood/Spacey deutet auch an, dass wir "die ganze Wahrheit" noch nicht kennen. Dass "die Dinge in der Politik wie im Leben" nicht immer so einfach seien wie dargestellt. Ehrlich?

Das behauptet er zumindest: Das Video hat er vieldeutig "Let me be Frank" genannt. Übersetzen kann man das mit "Lasst mich Frank sein", aber auch mit "Lassen Sie mich ganz offen sein". Er sagt darin: "Ich werde mit Sicherheit nicht den Preis für etwas bezahlen, das ich nicht getan habe." Nur, wer spricht da? Frank Underwood oder Kevin Spacey? Dass das so ganz nicht zu trennen sei, ist durchaus der Subtext des Videos. Es ist so brillant wie bizarr.

"Vermisst Ihr mich?", fragt er am Ende. Und weiß, dass es darauf nur eine Antwort geben kann: Klar vermissen wir Dich!

Er bleibt, wer er ist

Das Problem ist nur, dass die Dinge, wie Spacey richtig sagt, so einfach nicht sind. Dass der perfekte Schauspieler in Rollen verschwinden kann, bedeutet nicht, dass er wirklich verschwindet. Er bleibt, wer er ist. Und möglicherweise ist das eine Person, die sich 14-Jährigen aufdrängt und ihnen gegen ihren Willen an die Genitalien fasst. Ein Serientäter, dessen aggressives sexuelles Werben moralische wie gesetzliche Schranken überschreitet. Ein Verbrecher, den sicher niemand vermissen würde.

Ob das so ist, wird allerdings erst ein Gericht entscheiden können. Am 7. Januar wird er sich dem Nantucket District Court in Massachusetts stellen müssen, wo er dem Haftrichter vorgeführt werden wird. Auch in Kalifornien wird noch gegen ihn ermittelt und in sechs Fällen in Großbritannien. Allein in Massachusetts könnten ihm wegen sexueller Gewaltanwendung und Körperverletzung bis zu fünf Jahre Haft drohen.

"Falls er unschuldig sein sollte", resümiert da ein Kommentator bei Youtube das Spacey-Video, "dann wäre das hier brillant. Sollte er schuldig sein, dann wäre es bestürzend."

So ist das.



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