Belästigungsdebatte Jeder ist Zeuge

Kevin Spacey entschuldigt sich für einen Übergriff, an den er sich nicht mehr erinnern kann? Das ist exemplarisch. Denn nichts zu hören und zu wissen, ist ein Privileg der Mächtigen.

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Kevin Spacey hat eingestanden und sich dafür entschuldigt, dass er vor längerer Zeit einen 14-jährigen Jungen belästigt hat.An diesem Statement gibt es etwas Außergewöhnliches und etwas erschreckend Gewöhnliches.

Das Außergewöhnliche ist, dass er es mit seinem Coming-out als schwul verbindet. Was das eine mit dem anderen zu tun haben soll, dürfte nur zwei Menschen klar sein: Kevin Spacey und dem "FAZ"-Kommentator, der schon einen direkten Zusammenhang zwischen der Ehe für alle und Pädophilie gesehen hat. Letzterer wurde vom Presserat wegen seiner diskriminierenden Aussage offiziell gerügt, Spacey kriegt hoffentlich noch mehr Ärger von der gay community für das Befeuern von Ressentiments gegenüber Homosexuellen.

Das Gewöhnliche an Spaceys Statement ist, dass er sich nicht an den Vorfall erinnern kann - wie er sagt. Ich glaube ihm das. Wie ich auch vielen Männern glaube, die sagen, dass sie sich an mögliche Übergriffe und Belästigung schlicht nicht erinnern können. Das ist keine Entschuldigung. Denn oftmals können sie sich nicht erinnern, weil es für sie nichts Erinnernswertes an einer Situation gibt, in der sie die Oberhand hatten. In der es ein Machtgefälle zu ihren Gunsten gab. Und das sie für sich genutzt haben.

Eine historisch einzigartige Situation

Und da bildet Spacey keine Ausnahme. Wie dieses Un-Bewusstsein im Alltag greift, hat der Kollege Jochen-Martin Gutsch im aktuellen SPIEGEL offengelegt, wenn auch eher unfreiwillig. "Ich bin ein Mann, und mir fehlt der Erfahrungshorizont, was sexuelle Belästigung angeht", schreibt er in seinem Text. Er schreibt das ziemlich am Anfang, was gut passt, denn es ist der Kern des Problems. Jeder Mann in Deutschland hat einen Erfahrungshorizont, was sexuelle Belästigung angeht. Nicht immer als Täter und auch nicht unbedingt als Opfer, aber in jedem Fall als Zeuge.

Es gibt nämlich kein halbes Land, in dem Frauen über den Mund gefahren wird, sie sexistisch beleidigt werden, angegrapscht und vergewaltigt, und ein anderes halbes Land, in dem Männer eine gute Zeit haben. Beide Teile gehören zusammen, und sie zusammen zu denken, ihre Wechselwirkung zu verstehen, ist die Herausforderung, der sich Männer, die etwas ändern wollen, stellen müssen.

Nichts zu sehen und nichts zu hören, ist nämlich ein Privileg, das nur der hat, der die Deutungshoheit über eine Situation für sich in Anspruch nehmen kann. Die Deutungshoheit in Sachen Belästigung verschiebt sich durch die Weinstein-Affäre allerdings gerade merklich - am radikalsten in Hollywood, wo sich nun auch ein eher unbekannter Schauspieler wie Anthony Rapp traut, seine Stimme gegen den Oscar- und Emmy-Gewinner Kevin Spacey zu erheben.

Auch in Deutschland wird Frauen, die Vorwürfe erheben, plötzlich ganz grundsätzlich Vertrauen geschenkt. Ihnen wird zugehört. Das ist eine historisch fast einzigartige Situation. Und jede Frau, die diese Gelegenheit nutzt, um endlich Gehör für ihre Erlebnisse zu finden, ist dabei gut beraten. Bald schon könnte es wieder vorbei sein mit der Offenheit und dem Vertrauen - der Backlash nimmt nämlich bereits Gestalt an, zum Beispiel in Form von Gutschs Text.

Wer nicht Teil der Lösung werden will

"Sexismus ist ein starkes Wort. Man sollte es wohldosiert einsetzen, sonst verliert es seinen Schrecken", steht als Zusammenfassung der Gutsch-Thesen, später ist noch von "Jungen auf der Anklagebank" und "Frauen auf dem Richterstuhl" die Rede. Offensichtlicher kann man der Verschiebung der Deutungshoheit kaum den Kampf ansagen. Nun ist es nicht das Problem von Frauen und all denen, die ernsthaft gegen Sexismus vorgehen wollen, wenn manche einfach nur ihren Abwehrreflexen freien Lauf lassen. Wer nicht Teil der Lösung werden will, wird es auch nicht.

Vielleicht hilft es trotzdem, den nötigen gesellschaftlichen Prozess zur Überwindung von Sexismus nicht als Verlust männlicher Deutungshoheit zu beschreiben, sondern als das Teilen ebendieser. Soziale Situationen sind überaus komplex. Sie zu verstehen und womöglich sogar sinnvoll zu steuern, setzt eine hohe Kompetenz und viel Erfahrung voraus. Solche Kompetenz und Erfahrung werden aber in der Regel nur von Frauen erwartet. Sie sollen einen Raum "lesen", sie sollen verstehen, welche Dynamiken zwischen verschiedenen Personen herrschen und ihr Verhalten, ihre Stimme und natürlich auch ihre Kleidung entsprechend anpassen.

Von viel zu vielen Männern werden diese Kompetenz und Erfahrung nicht erwartet. Die Folge ist, dass sie viele Situationen - und vor allem ihre Rolle darin - nicht verstehen. Wenn daraufhin ein Übergriff erfolgt, ist es immer noch die individuelle Schuld desjenigen, der sich für den sexistischen Witz, den Klaps auf den Po, den Griff zwischen die Beine entscheidet. Nichts zu wissen und nichts zu hören, ist ein Privileg, das man nicht einmal qua Geburt zugewiesen bekommt, sondern von dem man immer und immer wieder Gebrauch macht.

Nachfragen! Und dann: zuhören!

Trotzdem ist damit auch eine gesellschaftliche Aufgabe verbunden - nämlich mehr soziale Kompetenz von Männern einzufordern. Das ist etwas anderes, als (sich) die Schuldfrage zu stellen. Wenn sich Männer im Zuge der Weinstein-Debatte die Frage stellen, ob sie sich auch etwas zuschulden haben kommen lassen, ist das überaus sinnvoll und wichtig. Wenn die Antwort ja lautet, sollte eine schnelle und bedingungslose Entschuldigung erfolgen. Aber wenn die Antwort nein lautet, ist es damit noch nicht getan - siehe Spaceys Nicht-Erinnern.

Verstehe ich, in welcher sozialen Situation ich mich befinde? Welche Rolle ich und welche die anderen darin spielen? Gibt es ein Einvernehmen unter allen Beteiligten über diese Dinge? Das sind Fragen, die sich jeder und jede stellen sollte. Und wenn man/frau keine Antworten darauf weiß: nachfragen! Und dann den Antworten der anderen Gehör schenken.

Dabei können auch unangenehme Dinge zur Sprache kommen, Dinge, die man lieber ignorieren oder abwehren würde. Aber darum geht es ja, etwas Neues zu erfahren, über sich und über gesellschaftliche Zusammenhänge, in denen Frauen massenhaft und systematisch Herabsetzungen, Übergriffen und Gewalt ausgesetzt sind. Die Folgen könnten unabsehbar sein - nicht zuletzt ein deutlich erweiterter Erfahrungshorizont, was sexuelle Belästigung angeht.

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