Kiez-Doku Zwischen Banken und Bordellen

Polizisten und Puff-Betreiber, Service-Mitarbeiter und Junkies: Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist ein sozialer Brennpunkt und symptomatisch für die Situation in deutschen Großstädten. Ulli Rothaus und Bodo Witzke haben dem härtesten Kiez von Hessen ein so umsichtiges wie kritisches Porträt in vier Teilen gewidmet.


 Szene aus "Das Bahnhofsviertel": Marktfrau Gisela bleibt im Gespräch - auch mit den Behörden
ZDF / Bodo Witzke

Szene aus "Das Bahnhofsviertel": Marktfrau Gisela bleibt im Gespräch - auch mit den Behörden

Auf den ersten Blick ist Jupp "ganz schrecklich normal". In seiner Freizeit sitzt das 1,74 Meter große Muskelpaket am liebsten zu Hause auf der Terrasse. Doch nur selten kommt der gebürtige Kölsche Jung in diesen Genuss. Jupp hat einen anstrengenden 16-Stunden-Tag in einem zwielichtigen Gewerbe: Er betreibt ein Eros-Center im Bahnhofsviertel von Frankfurt am Main.

Die Autoren Ulli Rothaus und Bodo Witzke sowie Kameramann Jürgen Rapp haben Jupp und andere Bewohner des Stadtteils sechs Monate mit der Kamera begleitet. Das Ergebnis ist ab heute um 21.00 Uhr in der vierteiligen ZDF-Dokumentation "Das Bahnhofsviertel" zu sehen.

Der Tod eines Freundes verhalf Jupp vor einigen Jahren unverhofft zum Etablissement in der Bankenmetropole - ein Schritt, den er bislang nicht bereut hat. Inzwischen ist sich der von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" einst als "jovialer Hüne" Titulierte sogar sicher: "Ich bin als Bordellbesitzer geboren." Und tatsächlich, sein Laden läuft wie geschmiert. In den 33 Zimmern arbeiten Prostituierte aus allen Winkeln der Welt: Afrikanerinnen, Latinas, Thais. Durch das so genannte Laufhaus streifen Tag für Tag und Nacht für Nacht bis zu 2000 Männer.

Das knapp ein Quadratkilometer große Frankfurter Bahnhofsviertel zählt zu den bekanntesten in Deutschland. Es umfasst vier Parallelstraßen, inklusive 14 Puffs. Der von Bankentürmen und Bürgerhäusern umstellte Ort ist bunt, extrem, ein hartes Pflaster eben. Dort gibt es alles: prächtige Gründerzeitvillen und leerstehende Elendshäuser, solides und unsolides Gewerbe, Pelz- und Menschenhandel, Mode- und Drogengeschäfte, Luxus- und Stunden-Hotels, bürgerliche und weniger bürgerliche Gaststätten, coole Szene-Bars und vermüllte Fixerstuben.

Bordellbesitzer Jupp: Schwarze Zahlen schreiben im Rotlichtmillieu
ZDF / MAZ

Bordellbesitzer Jupp: Schwarze Zahlen schreiben im Rotlichtmillieu

Rothaus, Witzke und Rapp haben sich von April bis Oktober 2003 in einem Büro direkt an den Gleisen einquartiert. "Es hat ein Weilchen gedauert, bis wir uns in dem Viertel zurechtgefunden haben", berichtet der Autor. Doch wie schon bei der gemeinsamen Arbeit zu den Dokumentationen "Frankfurt Airport" und "Hamburger Hafen" seien sie innerhalb der langen Drehzeit ein Stück des Stadtteils geworden.

So hat das Fernsehteam Komisches, Tragisches und Widersprüchliches beobachtet, verwirrte Gestalten und aufgeräumte Bürger getroffen. Neben Bordellbesitzer Jupp porträtieren sie auch den liebenswürdigen Fixer Moses, die originelle Marktfrau Gisela, die nachsichtigen Polizisten Alex und Dany, die verwegenen Männer Steffen und Jörg in ihren dampfenden Lokomotiven und die schlagfertige Service-Mitarbeiterin Trixi vom Hauptbahnhof.

"Wir haben nichts inszeniert. Wir zeigen echte Menschen und echte Geschichten in einem Teil Deutschlands", unterstreicht Rothaus. Das Frankfurter Bahnhofsviertel sei mehr als nur ein bunter Multikulti-Zoo, es sei ein wilder Kiez voller Überraschungen und gleichzeitig für viele ein Stück alte oder neue Heimat. Die Reihe zeigt nach Angaben von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender "Menschen in ihrem turbulenten Lebenskampf, der für einige am Rande unserer Gesellschaft stattfindet, im Drogen- oder im Rotlichtmilieu".

Junkie Moses: Feste Größe auf dem härtesten Kiez Hessens
ZDF / MAZ

Junkie Moses: Feste Größe auf dem härtesten Kiez Hessens

Dafür hat auch Jupp Türen geöffnet, die sonst verschlossen bleiben. "Die Menschen sollen sehen, wie es in einem Puff wirklich funktioniert", begründet er seine Entscheidung, schließlich "kann es auch hier manchmal ganz schön langweilig sein."

"Das Bahnhofsviertel" startet am Dienstag mit der Folge "Rotes Licht und Grüne Soße". Es folgen am 7. Juli "Ein Schuss, ein Treffer", am 13. Juli "Leben in der Wundertüte" und am 14. Juli "die Königin vom Kaisersack", jeweils um 21.00 Uhr.

Anne Przybyla, ddp



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