Kiffer-Serie "Weeds" Erstklassiger Stoff

Das Gras ist immer grüner auf Nachbars Seite – diese Feststellung bekommt bei "Weeds" eine völlig neue Bedeutung. Denn die gefeierte US-Serie, die ab heute bei ProSieben läuft, erzählt vom Alltag einer Hausfrau, die aus purer Not einen schwungvollen Marihuana-Handel aufzieht.


Das klingt zunächst arg spekulativ und die Kampagne, welche ProSieben im Vorfeld des deutschen Serienstarts lanciert hat, reiht in gefälligen Trailern so viele absurde Szenenschnipsel und Einzeiler aneinander, als gelte es hier einen Slapstick-Parcours unter Drogeneinfluss zu bewältigen. Tatsächlich aber ist "Weeds" nichts Geringeres als eine Offenbarung im ohnehin respektgebietenden Oeuvre der jüngeren amerikanischen TV-Produktionen: Das Serienkonzept von Autorin Jenji Kohan vereint Drama und Satire in unwiderstehlicher Weise und dringt mit eleganter Leichtigkeit in die dunkelsten Winkel der weißgetünchten Suburbia vor. Kurzum, dank "Weeds" kann man vermeintlich revolutionäre Formate wie "Desperate Housewives" getrost in der Pfeife rauchen.

Dabei zeigt sich die narrative Ökonomie der auf Sitcom-Länge verschlankten Episoden bereits in der Pilotfolge: Enddreißigerin Nancy Botwin (Mary-Louise Parker) hat nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes Judah mit dem Verkauf von hochklassigem Cannabis begonnen, damit sie und ihre heranwachsenden Söhne Silas und Shane weiterhin in der wohlhabenden Siedlungsanlage Agrestic am Rande von Los Angeles leben können. Sieht man Nancy in der ersten Szene noch als Elternratsvorsitzende an der Seite der spitzzüngigen Vorstadtkönigin Celia (Elizabeth Perkins) über die Gefahren zuckerhaltiger Limonade dozieren, so steht sie im nächsten Moment in der hektischen Wohnküche ihrer Gras-Großhändlerin Heylia (Tonye Patano) und diskutiert mit der resoluten Afro-Amerikanerin über die aktuellen Grammpreise für Hasch.

Ohne langatmige Einführungen ist hier bereits die reizvolle Schizophrenie in Nancys Alltag offensichtlich: Das abgeschirmte Dasein in der weißen Luxusenklave mit ihren sozialen Repräsentationsritualen kann nur durch die Hilfe jener Menschen finanziert werden, denen niemals eine Parzelle in Agrestic angeboten würde. Virtuos spielen die Dialoge zwischen Nancy, Heylia und insbesondere Conrad (Romany Malco), Heylias hellsichtigem Neffen und Botanikexperten, die unterschiedlichen Wahrnehmungen gesellschaftlicher Realitäten aus.

Inwieweit eine deutsche Synchronisation überhaupt die Prägnanz dieser Wortwechsel und den scharfen Kontrast zwischen Black und All American Englisch übersetzen kann, bleibt abzuwarten: Sprache ist in "Weeds" das furioseste Actionmoment und selten gab es in einer Serie eine derartige Dichte an brillanten – und oft schmerzhaft komischen – Dialogen, die gleichzeitig vor den Kopf stoßen, die Seele entblößen und das Herz zerreißen können.

Vorhölle der Mittelklasse

Nicht minder überzeugend wird die Fallhöhe Nancys mit jedem abgeschlossenen Deal und jeder kleinen Notlüge weiter angehoben. Derweil wachsen sich die feinen Haarrisse in der Fassade der Vorzeigegemeinde zu unübersehbaren Abgründen aus, was die harsche, aber verbindliche Gemeinschaft in Heylias Küche zum eigentlich grundehrlichen Gegenmodell macht. Agrestic jedoch ist die veritable Vorhölle eines in Auflösung begriffenen Middle Class Amerikas: Eltern die ihren übergewichtigen Kindern heimlich Abführmittel in die Schokolade mischen, Haushalte ohne Kohlehydrate aber mit vollem Arzneischrank und paranoide Hypothekenzahler, die sich in ihren Minivans und Swimmingpools verschanzen.

Ausgerechnet hier muss die Restfamilie Botwin den traumatischen Verlust des Vaters und Ehemanns verarbeiten. Teenager Silas entdeckt erst den Sex mit Celias frühreifer Tochter Quinn und dann die erste große Liebe mit der stummen Megan, während der 10-jährige Shane seine Ängste in der Nachinszenierung von Entführungsvideos aus dem Irakkrieg auslebt. Nancy will ihren experimentierfreudigen Kindern dabei durchaus liebevoll zur Seite stehen, entwickelt im alltäglichen Umgang aber immer öfter Paten-ähnliche Züge.

Mary-Louise Parker, die für ihre Darstellung der wohlmeinenden und innerlich aufgeriebenen Drogenmama völlig zu Recht einen Golden Globe bekam, vermittelt in dieser widersprüchlichen Rolle geerdete Sinnlichkeit, pragmatischen Humor und den glaubhaften Mut der Verzweiflung. Flankiert wird sie dabei von einem großartigen Ensemble, dass selbst überlebensgroß schillernden Figuren wie etwa dem devianten Stadtrat Doug oder Nancys unberechenbarem Schwager Andy Glaubhaftigkeit verleiht.

Mit Kiffern kann man keinen Krieg verhindern

Die Haltung der Serie zu Drogen ist indes neutral, aber keineswegs blauäugig: Die saturierten Mittelklasse-Potheads beweihräuchern ohnehin nur ihre Ignoranz gegenüber den Problemen, seien sie nun lokal oder global. Und in einer der späteren Folgen wird ein langgehegter Verdacht mittels eines wunderschönen Dialogs bestätigt: Mit Kiffern kann man vielleicht keinen Krieg führen, aber verhindern werden sie ihn sicher auch nicht.

Für den produzierenden Kabelsender Showtime ist "Weeds" ein Erfolg im ungleichen Wettkampf mit dem mächtigen Serien- und Senderprimus HBO, der seit Jahren mit weltweit erfolgreichen Formaten reüssiert, darunter "Sex and the City", "Six Feet Under" und "The Sopranos". Showtime versucht mit noch ambitionierteren Themen und radikalen Prämissen zu punkten: "The L Word" handelt von lesbischen Lebens- und Liebesgemeinschaften, in der Thrillerserie "Dexter" ist der Held ein Serienmörder und "Huff" begleitet einen Psychotherapeuten durch die Sinnkrise. Allerdings produziert Showtime selten mehr als eine oder zwei Staffeln der jeweiligen TV-Avantgarde.

"Weeds" wurde in den USA nach den ersten 10 Folgen immerhin um 12 weitere Episoden verlängert. Es dürfen gerne mehr werden, denn der Suchtfaktor ist hoch.


"Weeds", ProSieben, mittwochs, 22.10 Uhr



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