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Killerspieldebatte im TV: "Weg mit dem Virtuellen!"

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Wer über Killerspiele diskutiert, sollte wenigstens wissen, was ein Joystick ist. Die Gäste von Frank Plasbergs "Hart aber fair"-Runde hatten jedoch nur einen Stock verschluckt. Kein Wunder: Sie waren für das brisante Thema einfach zu alt.

Die Schulministerin hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Barbara Sommer, in Nordrhein-Westfalen zuständig für Bildung und Weiterbildung, hat keine rechte Meinung. Würde sie die Computerspiele, die nach dem Amoklauf im westfälischen Emsdetten die Medien erregen, Killerspiele nennen? Die Politikerin zögert, das Wort will ihr nicht über die Lippen gehen. Nach einem Einspieler, in dem trocken die Handlung des Schnellfeuer- und Autoraserschockers "Grand Theft Auto" referiert wird, meldet sie sich dann doch eifrig zu Wort: Das sei ja nun mal wirklich ein Killerspiel!

Moderator Plasberg: Hart, fair und machtlos gegen Altersstarrsinn
WDR/Fürst-Fastré

Moderator Plasberg: Hart, fair und machtlos gegen Altersstarrsinn

Das Zaudern der Ministerin, dem die plötzliche Eingebung folgt, ist symptomatisch für den Streit, der zurzeit um einschlägige Computerspiele tobt. Indifferenz und Handlungsfreude gehen hier oft eine unheilige Allianz ein. Mit Verbotsforderungen sind ja nicht nur Reflexpolitiker wie Stoiber und Beckstein schnell bei der Sache, doch kaum einer hat sich wirklich mit der Materie beschäftigt. Über was redet man eigentlich, wenn man über Killerspiele redet?

Von "Hart aber fair", dem freisinnigsten Debattierclub im deutschen Fernsehen, darf man sich da Aufklärung erhoffen. Eineinhalb Stunden lässt man sich beim WDR Zeit, um in ein Thema einzutauchen. Die gestrige Ausgabe stand zwar unter dem ungewohnt polemischen Titel "Vom Ballerspiel zum Amoklauf – Was treibt Jugendliche in die Gewalt?", leuchtete aber auch durchaus unpolemisch unterschiedliche Aspekte der Killerspiel-Verbotshysterie aus.

So wie man in einem Beitrag nüchtern den Ablauf einiger Gewaltspiele nacherzählte, so ließ man in einem anderen einen beredten Journalisten die Komplexität und soziale Kraft des digitalen Amüsements loben. Und Moderator Frank Plasberg, der widerborstige WDR-Mann, den man sich anstelle des geschmeidigen Jauch als Christiansen-Nachfolger gewünscht hätte, agierte wach und unnachgiebig wie eh und je.

So weit, so gut. Doch nun hatte man ungünstigerweise ein Plenum zusammengestellt, das in Anbetracht des aktuellen Themas heillos überaltert wirkte. Keiner der Talk-Teilnehmer war unter 50. Gegenüber von Schulministerin Sommer, die ihre Ausführungen mit Zitaten aus Gitte-Henning-Schlagern begann, saß da zum Beispiel Heiner Sievert, ein grundsympathischer Realschullehrer aus Berlin-Reinickendorf, der – irgendwie verständlich – lieber in seinem Garten arbeitet als Killerspiele zu spielen.

Und neben Josef Bausch-Hölterhoff, dem medienaffinen Gefängnisarzt, der nebenberuflich als Pathologen-Darsteller des Kölner Tatorts mit dem WDR verbandelt ist, lärmte Dr. Michael Heilemann herum. Der Psychotherapeut und Dozent für Anti-Aggressionstraining mutete an wie eine in die Jahre gekommene Kiezgröße und kraftmeierte ohne Unterlass über die "Dünnarmigen", die auf dem Schulhof von den "Dickarmigen" auf die "Fresse bekommen". Sein Heilslehre schrie er mehrmals unaufgefordert in die Runde: "Weg mit dem Virtuellen!"

Immerhin bot ihm Professor Christian Pfeiffer, als Kriminologe und Talkshow-Dauergast ein patenter Kontrahent für den Psycho-Darwinisten, Paroli und bügelte Heilemanns Anti-Agressionsprogramm als unseriös ab. Pfeiffer war denn auch der einzige Gast, der mit Fakten und nicht nur mit gefühltem Wissen argumentieren konnte – doch auch er musste zur Beglaubigung seiner Thesen immer wieder den eigenen Sohn ins Feld führen.

Daran kranken ja die meisten Fernsehdispute über Jugendgewalt: Dass ältere Herrschaften immer wieder ihre Elternschaft betonen, als ob sie dieser Umstand alleine schon zur Analyse des schwierigen Stoffes qualifizierte. Auch Plasbergs Gesprächspartner hatten allerlei ermutigende Geschichten über die eigenen Kinder parat. Diese hatte man natürlich, das wurde immer wieder betont, ferngehalten von den Auswüchsen der Computerspielindustrie.

Die Frage war deshalb nach einer Dreiviertelstunde Gerede drängender als am Anfang: Über Was macht ein Spiel zum Killerspiel? Das Plasberg-Team war schlau genug, einen eloquenten Kenner der Materie zu verpflichten: Tom Westerholt vom WDR-Jugendradio Eins Live klärte in einem Einspielfilm darüber auf, dass die umkämpften Objekte durchaus wie komplexe Strategiespiele funktionierten, den sportlichen Ehrgeiz förderten und im sozialen Verbund genutzt würden.

Doch ach, die Alten wollten dem Jungen gar nicht zuhören! Fortan nannten sie den Computerspiel-Befürworter nur noch den "jungen Mann", da konnte Plasberg noch so oft fordern, dem seriösen Kollegen doch bitte den angemessenen Respekt entgegen zu bringen. Ministerin Sommer erinnerte sich an die schönen Waldläufe ihrer Jugend, die doch wohl mehr mit Sport zu tun hätten als diese elenden Killerspiele. Und Doc Heilemann fiel nichts Besseres ein, als erneut sein martialisches Mantra "Weg mit dem Virtuellen!" anzustimmen.

Insgesamt wurde die Diskussion von einer eigentümlichen Abneigung gegen die neuen Medien geprägt. Eine Stimmung, die Moderator Plasberg gegen Ende ironisch aufgriff, indem er die Frage stellte, ob man nicht über einen internetfreien Tag in der Woche nachdenken sollte. Fanden sie natürlich alle gut, die älteren Damen und Herren. Im Garten muss ja auch noch das Laub zusammengeharkt werden.

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