"Kinder des Olymp" Die Trauer hinter der Maske

Die "Kinder des Olymp" verzauberten ihr Publikum bei der Premiere im Hamburger Thalia Theater. Andreas Kriegenburgs Bühnenfassung des Filmklassikers ist ein verträumter Bilderreigen.

Von Carolin Ströbele


Bretter, die die Welt bedeuten - darum geht es in dem bekannten Film "Kinder des Olymp" von Marcel Carné. Auch in der Bühnenadaption des Klassikers im Hamburger Thalia Theater sind diese Bretter allgegenwärtig. Die Darsteller bewegen sich in einem lichten Kubus aus zusammengenagelten weißen Holzlatten. Dieser Raum ist für die Schauspieler, Gaukler und Lebenskünstler Heimat, aber auch ein Gefängnis, dem sie nicht entfliehen können.

Der romantische Pantomime Baptiste (Hinnerk Schönemann), der vorlaute Emporkömmling Frédérick (Felix Knopp), der Verbrecher und Dichter Lacenaire (Helmut Mooshammer) und der reiche Graf de Montray (Stephan Schad) - sie alle lieben dieselbe Frau: die schöne Garance (Judith Hofmann), die durch Paris schwebt, als sei sie nicht von dieser Welt. "Ach, die Liebe ist doch so einfach", erwidert sie jedem Verehrer, der versucht, ihr zu nahe zu kommen. Für niemanden will die Lebenskünstlerin ihre Freiheit aufgeben. Schließlich muss sie sich jedoch an einen vermögenden Grafen verkaufen, weil er sie vor dem Gefängnis gerettet hat. Jahre später kehrt Garance zurück nach Paris und trifft Baptiste wieder, ihre einzig wahre Liebe. Doch das Leben hat sich geändert, die Unbeschwertheit ist neuen Verpflichtungen gewichen. Was als leichtes Spiel begonnen hat, endet als Drama.

Gaukler und Ganoven

Regisseur Andreas Kriegenburg hat sich daran gewagt, den Filmklassiker für das Theater zu adaptieren und hat gewonnen. Es ist ihm gelungen, die flirrende Atmosphäre des Originals, das tosende, überbordende Leben der Schauspieler und Gaukler im Paris des angehenden 19. Jahrhunderts einzufangen. Neben dem überragenden Bühnenbild und den phantasievollen Kostümen (beides Robert Ebeling) war sicher auch die Tatsache, dass sich Kriegenburg streng an die Originaldialoge des Dichters Jacques Prévert gehalten hat, ausschlaggebend für den Erfolg.

Das Stück ist aus einem Guss, alles passt zusammen. Die leichte Surrealität, die über vielen Szenen liegt, verleiht der Inszenierung ein ganz besonderes Flair: Die Gaukler des Hinterhoftheaters "Funambules" tragen merkwürdig ausgestopfte Kostüme, die ihnen eine unförmige Statur verleihen, in der Künstlerkneipe sitzen die Menschen verkehrt herum an der Decke. Der Kommissar (William Workman) spricht seine Anklage, während er kopfüber an einem Drahtseil hängt.

Auch die musikalische Untermalung ist ein sinnlicher Genuss: Drei Musiker (Fritz Feger, Philipp Haagen und Michael Verhovec) begleiten die Handlung, angeführt von einer phantastischen Sängerin (Claudia Renner), die mit Akkordeon und Liedern à la Edith Piaf das Liebesstraucheln der Protagonisten illustriert.

Mordende Dichter und Musen

Viel Geschick hat der Regisseur auch mit der Wahl seiner Darsteller bewiesen: Bis in die Nebenrollen hat er die Charaktere exzellent besetzt. Großartig ist vor allem Hinnerk Schönemann als sanftmütiger Pantomime Baptiste. Er verkörpert den lustigen Clown, der unter der weißen Maske ein so unendlich trauriges Gesicht trägt, eindringlich und überzeugend. Die schillernde Figur des mordenden Dichters Lacenaire gibt Helmut Mooshammer mit exaltierter Grimassenvielfalt und überbordendem Sarkasmus. Und Felix Knopp lässt seinen Frédérick stets auf einem schmalen Grat zwischen Anmaßung und Charme marschieren. Einzig Judith Hofmann als Garance fällt ein bisschen heraus. Ihr nimmt man die unbeschwerte, freiheitsliebende Muse nicht ganz ab, zu abgeklärt und überheblich wirkt sie in manchen Szenen.

Gegen Ende der dreieinhalbstündigen Aufführung scheint auch Regisseur Kriegenburg die Luft ausgegangen zu sein. Während die Inszenierung in der ersten Hälfte sehr kurzweilig und spannend ist, verliert sie in der zweiten zunehmend an Kontur. Hier hätte man sich einen dramatischeren Ausklang gewünscht. Die Seelenqual Baptistes, der hin- und hergerissen ist zwischen seiner Rolle als Ehemann und Vater und seiner große Liebe Garance, wird zu flüchtig erzählt. Bei der Kürzung des Stücks, das ursprünglich sechs Stunden dauerte, sind offensichtlich einige erklärende Szenen weggefallen.

Nichtsdestotrotz ist "Kinder des Olymp" eine einfallsreiche Hommage an einen großen Film. Und ein zauberhafter Ausflug in das Reich der Phantasie.



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