Kindsmörderinnen-Drama Dorfschönheit auf dornigen Wegen

Gerhart Hauptmann war Nobelpreisträger, sein Stück "Rose Bernd" jedoch ist eher unbekannt. Zu Unrecht, findet der junge Regisseur Enrico Lübbe. Er inszeniert die Leidensgeschichte einer starken Frau nun auf der Bühne eines Renommierhauses.

Darsteller Lucy Wirth, Marcus Calvin: Leidensgeschichte einer starken Frau
Thomas Dashuber

Darsteller Lucy Wirth, Marcus Calvin: Leidensgeschichte einer starken Frau

Von Rita Nikolow


Wahrscheinlich liegt es am schlesischen Dialekt: Gerhart Hauptmanns Kindsmörderinnen-Drama "Rose Bernd" steht deutlich seltener auf den Spielplänen als etwa "Die Ratten". "Dabei ist die Geschichte so klar, emotional und heutig", sagt Regisseur Enrico Lübbe, 35, der das Stück am 9. Juli auf die Bühne des Münchner Residenztheaters bringt.

Die Affäre des schönen Bauernmädchens Rose (gespielt von Lucy Wirth) mit dem breitschultrigen Christoph Flamm (Dirk Ossig) ist vorbei, doch sie haben sich einmal zu oft getroffen: Rose erwartet ein Kind von ihm. Ihre letzte Begegnung hat zudem der Maschinist Arthur Streckmann (Marcus Calvin) belauscht, der Rose nun erpresst. Immerhin ist Flamm verheiratet, noch dazu mit einer gelähmten Frau (Juliane Köhler).

Rose hofft inzwischen auf eine Hochzeit mit Mann Nummer drei, dem braven Buchbinder August Keil (Thomas Gräßle) - der auch der Wunschkandidat ihres Vaters (Ulrich Beseler) ist. Doch Maschinist Streckmann zerstört Roses Traum, so dass sie am Ende nur einen Ausweg sieht: ihr Baby zu töten. Heiratskandidat Keil kann da nur noch ausrufen: "Das Mädel ... was muss die gelitten han!"

Kunstsprache mit musikalischen Energieschüben

Für den schlesischen Dialekt hat Lübbe eine Lösung gefunden: "Unsere Schauspieler lesen und sprechen das Stück wie eine Kunstsprache." Das führe zu einer reizvollen Verfremdung.

Hauptmanns Fünfakter hat Lübbe auf 90 Minuten eingedampft. Rose ist für ihn eine starke Figur - so wie seine Hauptdarstellerin: "Lucy Wirth ist kein zartes Mädchen, sie ist burschikos und gibt der Figur sehr viel Kraft und eine Riesenenergie." Energieschübe wird dem Abend wohl auch die Musik von Bert Wrede verpassen, die Lübbe als sehr "hart und klar" beschreibt. Das passe gut zu den harten Übergängen des Stücks.

Die Figur der Frau Flamm hat er aus dem Rollstuhl befreit: "Für mich ist das eine wahnsinnig moderne, kluge und weitsichtige Figur, die gar keinen Rollstuhl benötigt." Ihn erinnere sie an Hannelore Kohl - eine Frau, die sich an der Seite eines einflussreichen Mannes arrangieren muss.

Vom kindlichen Pechvogel zum Karriereregisseur

Lübbe selbst erinnert einen irgendwie an früher - als Elfjähriger hat er in einer DDR-Kinderserie den kindlichen Pechvogel "Alfons Zitterbacke" gespielt. Als Regisseur ist er heute ein Glückskind, hat rasend schnell Karriere gemacht.

"Eigentlich wollte ich Musik studieren", sagt Lübbe. Aber dann fiel die Mauer, und er studierte Kommunikations-, Medien- und Theaterwissenschaften in Leipzig. Am dortigen Schauspiel arbeitete er Ende der neunziger Jahre als Regieassistent, unter anderem an der Seite von Wolfgang Engel und Armin Petras, später wurde er fester Hausregisseur. Regiearbeiten in Köln, Stuttgart, Magdeburg, Tübingen und Nürnberg folgte vor zwei Jahren ein erster Karrierehöhepunkt: Er wurde Schauspieldirektor in Chemnitz, mit Anfang 30.

Mit "Rose Bernd" unternimmt er nun seinen ersten Regieausflug ans Münchner Residenztheater, eines der deutschen Renommierhäuser. Das naturalistische Stück basiert auf dem Fall der ledigen Landarbeiterin Hedwig Otte, die im April 1903 im schlesischen Hirschberg wegen Meineids und Kindsmordes vor Gericht stand. Unter den Geschworenen war Gerhart Hauptmann - der für Hedwigs Freispruch stimmte.

So wie er in seinem Stück auch Rose freispricht.


Rose Bernd: Premiere am Freitag, 9. Juli, um 19 Uhr, weitere Vorstellungen am 10., 16., und 28. Juli, jeweils um 20 Uhr, im Residenztheater München, Kartentelefon 089/21851940.



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deuterius 03.07.2010
1.
"Kindsmörderin", "starke Frau", Leidensweg" hört sich ganz nach dem an, was täglich bei uns passiert: Eine Mutter ermordet ihre Kinder und die "emanzipierte" Gesellschaft tut ihr Bestes diesen Mord schön zu reden. Dazu auch noch ein Theaterstück? Zuviel des Guten: Wöchentlich sterben bei uns durchschnittlich 2 Kinder gewaltsam (2007 waren es 173 Kinder). Waren es Mütter sind, die ihre Kinder ermordeten, gehen diese "hilfebedürftigen und fehlgeleiteten" Frauen üblicherweise straffrei aus. Die Realität ist längst so absurd, dass sie ein Theaterstück nicht überzeichnen kann.
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