Kirmestheater Attraktionen! Attraktionen!

Der Hamburger Dom bietet dieses Jahr mehr als Riesenrad und Bierrondell: Künstler bespielen eine mobile Schaubude. Im Programm: Zauberei und zeitgenössischer Tanz, Wrestling und Lecture Performances, Hypnose und Re-Enactments berühmter Kunstaktionen.

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Geheimagentur

Was haben Performancekunst und Schaustellerei gemeinsam? Ziemlich wenig: Der Performance geht es um Authentizität, der Schaustellerei um Illusion; die Performance setzt auf unwiederholbare Erfahrungen, die Schaustellerei zeigt wieder und wieder identische Shows; die Performance verweigert sich dem privaten Kunstmarkt, die Schaustellerei zieht den Gästen auf dem Jahrmarkt das Geld aus der Tasche.

Und doch verbindet Performancekunst und Schaustellerei mehr, als man auf den ersten Blick vermutet: Beide kreieren besondere Erlebnisse für die Anwesenden, beide riskieren mitunter Verletzungen, beide arbeiten schon mal mit Voyeurismus. Und: Beide haben eine Geschichte, in der sie als potentiell gefährlich galten, als anrüchig, als marginal. Als Angelegenheit von Freaks.

Was zu der Frage führt: Wären viele Performer nicht bestens aufgehoben auf dem Jahrmarkt?

Die Performancegruppen geheimagentur und random people schicken sich nun an, genau diese Frage zu beantworten. Von Freitag an bespielen sie einen Monat lang eine mobile Schaubude auf dem Hamburger Frühlingsdom: eine Bühne zwischen Schießstand, Riesenrad und Bierrondell.

Schwebende Jungfrauen und Damen ohne Unterleib

Die Schaubude haben sie von der Schaustellerin Gaby Reutlinger geliehen, die mit ihrer "Revue der Illusionen" auch schon auf dem Hamburger Dom gastierte und die Passanten mit Shows wie "Die schwebende Jungfrau" oder "Die Dame ohne Unterleib" anlockte. Im 19. Jahrhundert waren solche Nummernprogramme aus Tanz und Akrobatik, Magie und Freakshow groß in Mode, heute haben Fress- und Fahrgeschäfte sie fast völlig von den Jahrmärkten verdrängt. Reutlinger bewirbt ihre "Revue der Illusionen" als letztes reisendes Illusionstheater Deutschlands. Eine aussterbende Kunstform.

Die geheimagentur und random people bespielen die Schaubude nun mit einer Mischung aus klassischer Schaustellerei und Performance-Kunst: mit Zauberei und zeitgenössischem Tanz, mit Wrestling und Lecture Performances, mit Hypnose und Re-Enactments berühmter Performances von Yoko Ono, Marina Abramovic und Valie Export. Erwachsene zahlen drei Euro Eintritt, Kinder zwei, aber im Unterschied zu Schaustellern müssen die Performer ihr Programm nur zu einem kleinen Teil aus diesen Eintrittsgeldern finanzieren: Koproduzent ist die Kulturfabrik Kampnagel, Förderer sind die Kulturbehörde Hamburg, die Hamburgische Kulturstiftung und der Fonds Darstellende Künste.

Performance vor Partyproleten

Anders als im Theater oder im Museum, werden die Performer mit einem prekären Publikum konfrontiert sein: mit den flanierenden, vergnügungswilligen, nur kurz zu haltenden Gästen des Jahrmarkts. Im Laufe des Tages und der Woche wird sich das Publikum zudem immer wieder ändern: Mal dominieren Familien mit Kindern, mal Teenager, mal besoffene Partyproleten. "Nach dem Monat kann uns auf der Bühne sicher nichts mehr aus der Ruhe bringen", sagt einer der Performer, der seinen Namen ebenso wie seine Kollegen nicht nennen möchte. Der Grund: Die geheimagentur ist gedacht als offenes Kollektiv, als freies Label, unter dem jeder jederzeit arbeiten darf. So weit die Theorie. In der Praxis freilich verbirgt sich hinter der geheimagentur meist ein und dasselbe Kernteam.

Auf dem Dom wird ein Conférencier die Passanten ankobern, ähnlich wie die Portiers der Nachtclubs auf der Reeperbahn. Haben sich genug Passanten nach innen locken lassen, geht die Show los. Vier bis sechs Attraktionen füllen dann etwa 30 Minuten; das Programm wechselt mindestens wöchentlich. Zu Gast sind unter anderem der Magier Manuel Muerte aus Hamburg, der Performer Florian Feigl aus Berlin sowie die Performancegruppen Red Park aus Frankfurt und Wien, God's Entertainment aus Wien und goodcopbadcop aus Cardiff.

Wie unter Schaustellern üblich, heißt es zudem: "Junge Frau oder junger Mann zum Mitreisen gesucht". Was nicht ganz wörtlich gemeint ist, denn die Performer werden nach dem Dom nicht auf weitere Jahrmärkte reisen. Was aber dennoch ein ernsthafter Aufruf ist: Wer eine Attraktion zu bieten hat, soll sich am Kassenhäuschen melden. "Wir werden sicher einen Slot für ihn finden."


Aktionen/Attraktionen. Freitag, 22. März, bis Sonntag, 21. April, auf dem Hamburger Frühlingsdom, Heiligengeistfeld. Öffnungszeiten: Montags bis Donnerstags 15 bis 23 Uhr, Sonntags und Ostermontag 14 bis 23 Uhr, Gründonnerstag 15 bis 24 Uhr, Ostersonntag 14 bis 24 Uhr, Karfreitag geschlossen.

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