Kitsch-Künstler Buthe Blütenträume eines Sonnenkönigs

Als Paradiesvogel der Kunstszene ist er legendär: Michael Buthe nahm vier Mal an der Kasseler Documenta teil - trotzdem sind seine Werke heute nur noch selten zu sehen. Nun gibt es eine der raren Chancen.


Künstlerpersönlichkeiten wie aus dem Märchenbuch der Kunstgeschichte gibt es nicht mehr häufig. Michael Buthe, 1944 geboren und 1994 gestorben, gehört mit Sicherheit dazu. Der Maler, Bildhauer und Environment-Künstler war ein charismatischer Selbstdarsteller der Siebziger-Jahre-Kunstszene, ein legendärer kosmopolitischer Nomade zwischen Orient und Okzident, der manchen Kritiker mit seiner Arbeit befremdete und zu verächtlichem Spott veranlasste, andere zum Nachdenken über eine radikal persönliche Kunst jenseits der kunsthistorischen Ratio brachte.

Buthe war ein Exzentriker, der sich wie ein Prinz aus einer Tausendundeine-Nacht-Traumwelt inszenierte, sich bewusst Kitsch- und Talmi-Vorwürfen aussetzte und damit in der Kunstszene enthusiastische Fans, Sammler, Gönner und Freunde fand. Und respektvolle Kollegen.

Zu Michael Buthes ersten Bewunderern gehörte der Ausstellungsmacher Harald Szeemann, der den damals gerade 25-Jährigen 1969 in seine legendär gewordene Ausstellung "When Attitudes Become Form" in die Kunsthalle Bern einlud und dessen Arbeiten drei Jahre später auf der Documenta 5 in der Sektion "Individuelle Mythologien" zeigte. Das war nicht der einzige Documenta-Auftritt Buthes, drei weitere folgten 1977, 1982 und 1992, außerdem nahm Buthe an wichtigen, internationalen Ausstellungen wie der Sidney- und der Venedig Biennale teil.

Während der Wahlkölner als Legende und schillernder Paradiesvogel nach wie vor auch bei jüngeren Künstlern präsent ist, sind seine Werke weitgehend aus dem internationalen Kunstbetrieb verschwunden. Denn viele seiner Arbeiten sind heute verloren, weil sie situativ entstanden sind und Teile seiner performativen Ausstellungen und Environments waren.

"Was blieb, ist meist äußerst fragil und oft auch von wenig reisefreundlicher Dimension - und so kann eine Ausstellung, die Buthes Werk ohne Zutun des Künstlers präsentieren muss, zentralen Aspekten seines Schaffens nicht mehr gerecht werden", schreiben die Kuratoren Karsten Müller und Oliver Kornhoff, die trotzdem gerade eine Buthe-Ausstellung erarbeitet haben.

Das Hamburger Ernst Barlach Haus im Jenisch Park ist die erste Station dieser Schau mit 85 Zeichnungen, Collagen und Objekten der sechziger und siebziger Jahre und einer kleinen Auswahl dreidimensionaler Arbeiten aus den achtziger Jahren. Anschließend wird die Schau ins Arp Museum Bahnhof Rolandseck wandern.

Im ersten offenen Raum des Barlach Hauses stehen auf Sockeln drei spröde Skulpturen von Ernst Barlach, an der Stirnwand hängt, wie ein Leitmotiv durch die Schau, Buthes "Rosensonne" von 1980. Eine große Scheibe wie eine rote goldene Blüte, bestreut mit Rosenblättern, die von brüchigem Wachs fixiert sind. Im Zentrum des Bildes ist ein kleines Muttergottes-Bild mit dem Jesusknaben wie eine Reliquie eingelassen.

Als "unerschöpfliche Energiequelle" durchzieht die Sonne Buthes gesamtes Werk: vom spiraligen zarten Bleistiftkreis mit glühendem Mittelpunkt auf der frühesten Zeichnung "Die Sonne" von 1962 bis zur großen, mit Wachs und Goldbronze beträufelten runden Scheibe von 1974. Viele andere Zeichnungen und Collagen in der Ausstellung haben das gleiche Thema, wobei glitzerndes Konfektpapier oder ein Stück Stanniol als Sonne genauso taugen wie ein rostiges Dosenblech oder Pfauenfedern und Pailetten.

Eigene Welt zwischen Orient und Okzident

Von hier aus kann der Besucher von Raum zu Raum nachvollziehen, wie sich die Arbeit des Künstlers aus einer fast minimalistischen, an die asketische "Arte Povera" erinnernden Haltung zur phantastischen Buthe-Welt entwickelt hat. Die neun abstrakten Zeichnungen, alle "ohne Titel", lassen mit ihren zarten Bleistiftlinien-Kompositionen und den wenigen warmen Blau-, Gelb- und Brauntönen an Beuys denken; die Skulpturen aus rauen Holzlatten, aus denen zarte, eingefärbten Stoffe quellen, thematisieren die Gegensätze von weichem und hartem Material, dem schmucklosen einfachen Holz und dem seidig schimmernden Stoff.

Ab 1970 änderten sich Buthes Arbeit und sein Leben. Er begann zu reisen, pendelte zwischen dem Rheinland und Marokko, bereiste Schwarzafrika, den Nahen Osten und Südeuropa. Er erweiterte seinen eigenen Kosmos mit den Erfahrungen archaischer und religiöser Rituale, mit Magie und der lauten Alltags- und Festkultur außereuropäischer Kulturen. Er holte orientalische Farben und Ornamente in sein Werk und lernte in Fez bei den einheimischen Färbern ein giftiges Gelb und ein knalliges Grün zu mischen.

Und er trennte nicht mehr Kunst und Leben, sondern gestaltete sich eine eigene Welt zwischen Orient und Okzident, sperrte die Realität anscheinend aus seinem Leben und seinem Alltag aus, inszenierte sich und seine Wohnungen und Ateliers in Köln und Marrakesch zu märchenhaften Behausungen, in denen er legendäre Feste feierte und als "Michel de la Sainte Beauté" auftrat.

Auf der Documenta 5 wurden seine neuen Arbeiten unter der Bezeichnung "Individuelle Mythologien" gezeigt, ein Jahr später trat Buthe selbst im Kölner Kunstverein in seiner Ausstellung "Le Dieux de Babylon" auf, mit grüngoldenem Umhang, Vogelperücke und sehr viel goldenem Schmuck an Hals und Gürtel.

Am Rand von Kitsch und Klischee

Die schrillen Inszenierungen Buthes und seine Grenzüberschreitung zu Kitsch und Klischee, sein Jonglieren mit Hochkultur und Trash, seine Vorliebe für das Süßliche, Schwülstige und Theatralische verunsicherten die meisten Kritiker, und oft übernahmen sie Szeemann's Documenta-Titel von der "individuellen Mythologie" und erklärten Buthes Arbeit damit kurzerhand zur "Privatsache".

Dabei habe Buthe "in seiner Kunst selbstironisch nach der Künstlichkeit gesucht und sie deshalb bis an den Rand von Kitsch und Klischee getrieben", schreiben die Kuratoren im Katalog, "stets in dem Bewusstsein, dass jedes europäische Orientbild Projektion und Phantasma bleiben muss".

Das klingt heute sehr modern, in einer Zeit, in der ein Künstler wie Jonathan Meese nicht nur in einem kleinen Kunstszene-Kreis wie ein Popstar gefeiert wird und in der sich viele Mitteleuropäer auf eine Sinnsuche in andere Kulturen begeben.

Was wird aus solchen Wünschen, Ansprüchen und Träumen im Laufe der Zeit, was vermittelt sich noch von einem so persönlichen Werk eines Künstlers, wenn die Arbeit ohne ihn auskommen muss? Sicher gibt die Ausstellung darauf keine allgemeingültige Antwort. Aber ansehen sollte man sich die seltene Schau auf jeden Fall, zumal sie in diesem Umfang wohl nie wieder zu sehen sein wird, denn fast alle Arbeiten kommen aus Privatbesitz. Ob Buthes Blütenträume im Barlach-Haus noch so üppig wie früher blühen, ob sie noch empören und Aufsehen erregen oder zu Kitsch und kurioser Kunstgeschichte geworden sind, sollte unbedingt bei einem Besuch überprüft werden.


Ausstellung Michael Buthe. Der Engel und sein Schatten. Bis 1.6., Hamburg. Ernst Barlach Haus. Tel. 040/82 60 85. Anschließend wandert die Ausstellung ins Arp Museum Bahnhof Rolandseck.

Der Katalog zur Ausstellung, herausgegeben von Karsten Müller, ist im Kerber Art Verlag Bielefeld/Leipzig erschienen und kostet 27 Euro in der Ausstellung.



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