Klassiker-Neuinterpretation Antigone, diese publicitygeile Figur!

Zwei Männer und ein Glamrock-Spektakel: Friederike Heller ist bekannt für ihre geistreiche Interpretation von Theatertexten. Jetzt inszeniert sie an der Berliner Schaubühne Sophokles' "Antigone". Mit dabei ist die Band Kante, die einen Sound zwischen Orff und Pop beisteuert.

Arno Declair

Es ist eine verfluchte Geschichte. Eine Familiengeschichte, die den gesetzwidrig handelnden Kindern, stünden sie heute vor Gericht, ein hartes Urteil ersparen würde - weil so offensichtlich ist, wo ihre Verzweiflung und ihre Wut herrühren. Der Vater hat erst den eigenen Vater umgebracht und dann seine Mutter geheiratet. Die Mutter, Iokaste, ist also zugleich die Großmutter der vier Kinder, die sie mit Ödipus zeugte. Antigone, Ismene, Eteokles und Polyneikes heißen sie.

Weil diese Geschichte aber nicht heute spielt, sondern mehr als 2000 Jahre alt ist, kennen wir das Schicksal der vier Geschwister nicht aus sozialpsychologischer Sicht, sondern aus der des großen griechischen Dichters Sophokles. Und der schildert das Ganze als Tragödie; die Sache mit den Eltern heißt bei ihm nicht familiäre Vorbelastung, sondern Fluch der Götter. Und die kennen keine Gnade.

Sie sorgen dafür, dass die Familie nicht zur Ruhe kommt, auch nachdem Ödipus seine Untat erkannt, sich selbst die Augen ausgestochen hat und als König von Theben zurückgetreten ist. Seine Söhne, Eteokles und Polyneikes, sollen sich beim Regieren von Theben abwechseln, aber Polyneikes gibt den Thron nicht frei. Eteokles versammelt die Gegner Thebens um sich und erstürmt seine Heimatstadt; dabei bringen sich die Brüder gegenseitig um. Ihr Onkel Kreon wird neuer König und ordnet an, dass Eteokles, der für das Vaterland gestorben ist, beerdigt wird - Polyneikes, der Feind, jedoch nicht. Hier kommt Antigone ins Spiel: Sie will sich den Anweisungen des Onkels widersetzen und auch den zweiten Bruder würdig bestatten; für diese Sache ist sie bereit zu sterben.

Bornierte Märtyrerin

Aber wessen Wahrheit ist die richtige? Hat Kreon recht oder Antigone? Staat oder Individuum? Macht oder Gewissen? Heutzutage heißt die Antwort meist: Antigone. "Dabei kann einem diese publicitygeile, aufmüpfige Figur auch ganz schön auf die Nerven gehen", sagt die Regisseurin Friederike Heller, 36, die das Stück nun an der Berliner Schaubühne inszeniert; die Premiere ist am kommenden Freitag.

Natürlich könne man Kreon als Tyrannen sehen und Antigone als Widerstandskämpferin, wie Brecht das in seiner Version der Tragödie tat. Aber diese Deutung ist Heller zu einfach. "Die Prinzipien sind gleichberechtigt", findet die Regisseurin und weigert sich, sich auf eine Seite zu schlagen. "Antigone sagt tolle Sachen, aber sie ist auch extrem borniert, wie sie da auf ihrem Märtyrertum beharrt", sagt Heller. "Kreon besteht darauf, dass das gleiche Recht für alle gilt; es geht ihm um das Solidaritätsprinzip." Dazwischen gibt es bei Sophokles nichts - das ist das Wesen der Tragödie. "Beide, Kreon und Antigone, scheitern an ihrer Hybris", sagt Heller.

Nur zwei Männer, Christoph Gawenda und Tilman Strauß, werden als Schauspieler auf der Bühne stehen und alle Rollen spielen, wie bei den alten Griechen. Aus Sicht der Regisseurin, die auch sonst die epische Spielweise bevorzugt, hat das den Vorteil, dass man den Text nicht auf die Psychologie reduziert. "Das strategische Denken der Figuren wird so viel klarer", sagt Heller, "es ist wie ein Schachspiel".

Die Rolle des Chors übernimmt die Hamburger Band Kante, mit der Heller schon häufiger zusammengearbeitet hat. Sie haben die Sophokles-Texte (in der klassischen Hölderlin-Übersetzung) vertont; herausgekommen ist ein Sound "zwischen Orff und Pop", sagt Heller amüsiert. Im Idealfall soll ihre "Antigone" so etwas wie ein Glamrock-Spektakel werden; aber nicht, um die Chimäre des Neunziger-Jahre-Poptheaters wieder auferstehen zu lassen, sondern um den Klassiker stilgerecht in die Gegenwart zu übertragen.

In Wirklichkeit wisse nämlich niemand, sagt die Regisseurin, ob die Schauspieler in der Antike wirklich nur steif zwischen Marmorsäulen standen und ihren hehren Text deklamierten: "Keiner weiß, mit welcher Temperatur und mit welcher Volksnähe das Ganze stattfand."

Antigone. Premiere am 4.2. in der Berliner Schaubühne. Auch am 5., 6., 9., 11.2., Tel. 030/89 00 23



insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
priexo 31.01.2011
1. Andersrum!
---Zitat--- [...]Seine Söhne, Eteokles und Polyneikes, sollen sich beim Regieren von Theben abwechseln, aber Polyneikes gibt den Thron nicht frei. Eteokles versammelt die Gegner Thebens um sich und erstürmt seine Heimatstadt; dabei bringen sich die Brüder gegenseitig um.[...] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,742306,00.html ---Zitatende--- Genau umgekehrt: Eteokles weigerte sich, den Thron frei zu geben, und Polyneikes zog daraufhin gegen die eigene Heimatstadt in den Krieg! Und von "Erstürmung" kann auch keine Rede sein: laut der Sage scheiterte der Feldzug blutig! Erst viele Jahre später wird Theben von den Nachkommen des ersten Feldzugs (den sogenannten Epigonen) erobert und zerstört.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.