Klaus Maria Brandauer "Schauspieler sind keine Sklaven"

Der Schauspieler Klaus Maria Brandauer über das Glück, im Kölner Dom zu lesen, warum er bei dem Gedanken an Europa weint und was er von der #MeToo-Debatte hält.

Klaus Maria Brandauer
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    Klaus Maria Brandauer, Jahrgang 1943, ist in Bad Aussee (Steiermark) geboren. Brandauer arbeitet als Schauspieler und Regisseur. Er unterrichtet auch am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Seinen internationalen Durchbruch hatte er in der Rolle des "Mephisto" (1981), der Romanverfilmung von István Szabó, und als Gegenspieler von James Bond in "Sag niemals nie" (1983). Seitdem zählt Brandauer zu den besten deutschsprachigen Schauspielern, der u.a. für seine Rolle des Baron Bror Blixen-Finecke in "Jenseits von Afrika" einen Golden Globe erhielt. Seit 1972 ist Brandauer Ensemblemitglied und Regisseur am Wiener Burgtheater.

SPIEGEL ONLINE: Herr Brandauer, Sie werden das Literaturfestival Lit.Cologne eröffnen und im Kölner Dom den Großinquisitor aus "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski vortragen. Ist der Dom ein besonderer Ort für Sie?

Brandauer: Ja. Ich bin katholisch aufgewachsen. Mir ist es damit gut gegangen. Ich weiß, was die Kirche an Gutem getan hat und auch, welche Verbrechen auf uns liegen. Aber das kann mich nicht hindern, mich immer wieder mit den Fragen des Glaubens auseinanderzusetzen. Man möchte in diesen Dingen keinen Unsinn sprechen. Aber Sie müssen gelegentlich Unsinn reden dürfen in dieser entscheidenden Frage. Weil, tja, wer weiß schon was?

SPIEGEL ONLINE: Wo sind Sie, wenn Sie lesen? Im Dom oder im Kerker?

Brandauer: Verdammt noch mal, wo bin ich denn dann? Also, ich bin selbstverständlich im Kölner Dom. Und ich bin der, der ich bin. Ich möchte vielleicht einfach so tun, als wäre ich der, den ich da verhandle. Im Kerker zu sein, und zwar zu zweit, diese Vorstellungskraft möchte ich gerne haben und zugleich erreichen, dass sich das auch anderen Menschen mitteilt.

SPIEGEL ONLINE: Spüren Sie denn beim Lesen das Publikum, ist das präsent?

Brandauer: Ein Abend, ganz gleich in welchem Auditorium, ist ein gemeinsamer. Menschen sind lebendig anwesend. Und das schafft eine Spannung, und mit dieser Spannung ist zu arbeiten. Das ist zu erspüren. Man erzählt eine Geschichte und entwickelt sie. Auch wenn ich kein Priester bin, möchte ich doch, dass diese Texte ihren Adressaten erreichen, jeden einzelnen. Es könnte sogar so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl entstehen und sein, dass ein Engerl durch den Dom schwebt und uns alle auf etwas einstimmt. Das wäre ein großes Glück. Das muss dann gar nicht von mir kommen. Das kann das Es sein. Oder "Er".

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht sind weltliche Ideen einfach stärker als religiöse. Zum Beispiel Europa.

Brandauer: Ich könnte manchmal richtiggehend weinen, wenn ich sehe, wie es mit unserer europäischen Idee ausschaut. Sie ist dermaßen großartig. Europa bedeutet, auf einer riesigen Fläche und für viele Millionen Menschen ein gemeinsames Haus zu errichten. Mit Wohnungen für alle. Und auch mit offenen Armen für Hinzukommende. Das wäre schon nicht schlecht.

Kölner Dom
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Kölner Dom

SPIEGEL ONLINE: Wie schaffen Sie es, angesichts dieses Kleingeistes nicht zu toben? Einen schäumenden Brandauer kann man sich da sehr gut vorstellen ...

Brandauer: Der Groll würde zu groß sein. Entweder verglühe ich darin. Oder ich sage, so platt das klingt: Dann geh halt in die Politik. Und das kann ich nicht. Wissen Sie auch, warum?

SPIEGEL ONLINE: Nein.

Brandauer: Weil Sie da mit Menschen zusammensitzen müssen, von denen Sie wissen, dass sie nicht meinen, was sie sagen. Und das ist sehr gefährlich für jemanden, der entflammbar ist, es sein muss. Einer, der sich aus dem Stand heraus, für nichts und wieder nichts, so aufregen kann, dass er sagt (braust gewaltig auf): "DEIN GERUCH IST MORD!", der also weiß, dass er die Gelassenheit nicht hat, die es bräuchte für die Politik.

SPIEGEL ONLINE: Die Gelassenheit ist nicht spielbar?

Brandauer: Ich müsste einen Dauerkurs belegen. Um mich zurückzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Kann eine Probe am Set oder am Theater ein angstfreier Raum sein?

Brandauer: Ein angstfreier Raum?

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SPIEGEL ONLINE: Als Sie mich gerade angeblafft haben, auch wenn es ein Zitat aus Schillers "Don Carlos" war, fand ich das schon beängstigend.

Brandauer: Es ist, wie wir beide wissen, zunächst eine berufliche Betätigung, die ich hoffentlich so veranlagen kann, dass man es im Moment für gelebtes Leben hält. Und das ist ein völlig angstfreier Raum. Weil ich weiß, dass ich darin niemanden bedrohe. Aber es muss wirken, als sei es eine unglaubliche Bedrohung.

SPIEGEL ONLINE: Es geht bei dieser Betätigung auch um Macht. Ein Regisseur kann ein Gott sein, auch ein schlechter. Haben Sie die #MeToo-Debatte verfolgt?

Brandauer: Ich habe das, was geschrieben und gesagt wurde, nie erlebt. Ich weiß nicht einmal, warum nicht. Ich bin 50 Jahre am Wiener Burgtheater, insgesamt 60 Jahre auf der Bühne. Ich will mich jetzt nicht wichtig machen. Aber ich glaube, wenn dergleichen auf Proben sich abgespielt hätte und ich wäre dabeigewesen - das wäre nur einmal passiert! Und das hat nichts damit zu tun, dass man auch mal streitet. Auch nichts damit, dass man als Schauspieler gelegentlich etwas ausprobiert, das so ausschaut wie was, das weit über das Gebotene hinausgeht. Es soll darüber hinausgehen ... wenn wir wissen, warum. Aber Menschen zu diskreditieren, zu unterjochen? Nein, das hat mit künstlerischem Arbeiten nun gar nichts zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Aber sind die Bedingungen am Theater nicht manchmal doch ausbeuterisch?

Brandauer: Nein. Schauspieler sind keine Sklaven. Auch wenn sie sich in den Zustand von Sklaven hineindenken können. Ich glaube, man vermischt da etwas. Es ist kein Zustand am Theater, dass man sagt: Man muss andere Menschen verletzen. Wieso? Komisch ist, dass wir das wieder an der Backe haben, als Schauspieler. Was ist denn da los?

Klaus Maria Brandauer spielt in der Inszenierung von Samuel Becketts "Das letzte Band"
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Klaus Maria Brandauer spielt in der Inszenierung von Samuel Becketts "Das letzte Band"

SPIEGEL ONLINE: Es schauen halt alle hin.

Brandauer: Das wird mir jetzt zu kitzelig. Das hat angefangen mit der Frage, was ist, wenn sich Schauspielerinnen oder Schauspieler ungerecht behandelt fühlen. Ja, was ist damit? Was ist, wenn sich jemand bei Blohm + Voss ungerecht behandelt fühlt? Das ist doch überall der Fall, dass Leute schlecht behandelt werden. Leider.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Kunstwerk vom Künstler zu trennen?

Brandauer: Ich bin zu müde, um das zu beantworten. Ich fürchte, ich habe dazu nicht viel zu sagen. Kunst ist ein Zusammenschluss der Interessen. Dazu brauchen Sie Freude. Nicht Angst.

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