Kleinkrieg mit Bauer Verlag "Spiesser" darf mit Auflagenzahlen werben

Wie misst man genau die Verbreitung von kostenlos ausgelegten Zeitschriften? Der Bauer-Verlag zog gegen die Werbeäußerungen des Gratismagazins "Spiesser" vor Gericht - und kassierte einen Rückschlag. Beendet ist die Auseinandersetzung damit aber wohl noch nicht.

Jugendmagazin "Spiesser": "Grundsätzliche Bedeutung"

Jugendmagazin "Spiesser": "Grundsätzliche Bedeutung"

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Es ist ein Streit zwischen zwei ungleichen Partnern, in der Medienbranche sorgt er für Aufmerksamkeit: Der Hamburger Bauer-Verlag, Dickschiff mit zumeist bunten Zeitschriften wie "Adel exklusiv" oder "InTouch", lieferte sich ein gerichtliches Scharmützel mit einem vergleichsweise kleinen Verlag aus Dresden, dessen Hauptmarke die Jugendzeitschrift "Spiesser" ist. Grund: "Spiesser" wird kostenlos verteilt und wirbt damit, dass das zweimonatlich erscheinende Heft im 4. Quartal 2010 767.110 Mal verbreitet wurde.

Und an genau dieser Zahl hat der Bauer-Verlag offenbar Zweifel. Denn Bauer verlegt auch die angejahrte Jugendpostille "Bravo" (verbreitete Auflage im 4. Quartal 2010: 394.224). Beide Verlage konkurrieren also um Anzeigenkunden, die Jugendliche mit ihrer Werbung erreichen wollen. Das Landgericht Hamburg hatte nun zu klären, ob die "Spiesser"-Werbung mit der verbreiteten Auflage zulässig ist. "Die Auseinandersetzung hat für die Bauer Media Group grundsätzliche Bedeutung", betont eine Verlagssprecherin.

Wie hoch die Auflagen aber nun tatsächlich sind, wird von der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern, weniger sperrig IVW, gemessen. Doch bei kostenlos verbreiteten Exemplaren ist das ein bisschen knifflig. Wie kontrolliert man, ob die Hefte wirklich, wie im Falle des Magazins "Spiesser", in Schulen ausgelegt worden sind? Werden die Zeitschriften angeliefert, müssen "Empfangsbescheinigungen der Auslegestellen mit Stempel und Unterschrift, Ausgabenummer und Exemplarmenge" nachgewiesen werden, heißt es in den IVW-Bedingungen. Prüfer der IVW kontrollieren diese Bescheinigungen. Zusätzlich werden manchmal von den Auslieferungsfirmen Fotos angefertigt, auf denen die Zeitschriften am Zielort zu sehen sind.

Weil der "Spiesser" hauptsächlich an Schulen im ganzen Bundesgebiet ausgelegt wird, hetzte die Bauer Media Group ihre "Stabsstelle Medienrecht" auf verschiedene Bildungsstätten los. Die Bauer-Juristen forderten von den Schulleitern Auskunft darüber, "auf welcher rechtlichen Grundlage die Verbreitung des 'Spiesser' an Ihrer Schule" erfolge. Sollte die jeweilige Schule sich nicht melden, sei man gehalten, sich an "die zuständige Schulbehörde bzw. das verantwortliche Ministerium zu wenden". Manche Schulen antworteten, dass sie den "Spiesser" zwar geliefert bekämen, die Hefte jedoch nicht auslegen würden; andere teilten gar mit, sie würden das Magazin gar nicht geliefert bekommen.

Naturgemäß Messungenauigkeiten

Das Landgericht Hamburg urteilte nun, dass der "Spiesser" auch weiterhin mit seinen IVW-Zahlen werben dürfe. Die Zahlen seien nur für Anzeigenkunden interessant. Der "durchschnittliche Leser" könne damit zum einen "gar nichts anfangen", zum anderen interessiere er sich hierfür auch nicht. Werbemanager hingegen wüssten die Zahlen richtig zu interpretieren und würden nicht davon ausgehen, dass tatsächlich an allen Auslagestellen "der tatsächliche Zugang zu den Schülern" auch gewährleistet sei, es gebe bei Gratiszeitschriften "naturgemäß" eben "Messungenauigkeiten". In der Folge sei "stets damit zu rechnen", dass es zur tatsächlichen Auslage und damit zu tatsächlichen Leserkontakten in Einzelfällen nicht kommt.

Auch die Rückantworten der Schulen an den Bauer-Verlag relativierte das Gericht: Der Verlag habe eine Frist zur Auskunftserteilung unter Ankündigung weiterer Schritte gesetzt. "Es liegt nahe, dass sich die Schulen nicht zuletzt unter dem Eindruck dieser 'Drohung' teilweise nur unklar zur Verteilung des 'Spiesser', insbesondere in der Vergangenheit, geäußert haben", heißt es in der Urteilsbegründung, die dem SPIEGEL vorliegt.

Doch der Bauer-Verlag gibt nicht auf. Er will offenbar das IVW-Messverfahren in Frage stellen: "Dem Gericht hat der Nachweis der bloßen Anlieferung im Rahmen seiner vorläufigen Beurteilung gereicht. Wir halten diese Ansicht für falsch. Entscheidend ist aus unserer Sicht die Erwartungshaltung eines normalen Anzeigenkunden. Dieser wird natürlich davon ausgehen, dass die Hefte nicht nur angeliefert, sondern den Schülern dann auch tatsächlich zugänglich gemacht werden", sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Man prüfe daher derzeit die seit Kurzem vorliegenden Urteilsgründe und werde zeitnah über die Fortsetzung des Verfügungsverfahrens oder die sofortige Einleitung eines ordentlichen Klageverfahrens entscheiden. Bei der IVW heißt es, man kenne den Streit bisher "nicht lückenlos". "Wir beobachten das", sagte IVW-Geschäftsführer Michael Schallmeyer.

Zuletzt nahm der Streit zwischen dem Bauer-Verlag und dem "Spiesser" eher obskure Züge an: So wollte Bauer den Satz "Scheiß Bauer-Verlag!" verbieten lassen und ist damit ebenfalls beim Landgericht Hamburg gescheitert. Der Leserkommentar stammte angeblich von Besucher "phil_98"; die inkriminierte Aussage war auch auf der Homepage des Magazins zu lesen. Über die inhaltliche Zulässigkeit machten die Richter keine Aussage. Vielmehr ging es um die Frage, ob "Spiesser" den Kommentar manuell auf die Startseite gehoben habe. Das Gericht glaubte offenbar einer eidesstattlichen Versicherung des "Spiesser"-Geschäftsführers, dass auf der Startseite immer nur Teile des jeweils zuletzt abgegebenen User-Kommentars angerissen werden. Ob man gegen das aus "rein formalen Gründen ergangene Urteil" vorgehe, prüfe man derzeit, teilte der Bauer-Verlag mit.

Anmerkung der Redaktion: Das UniSPIEGEL-Ressort von SPIEGEL ONLINE unterhält seit längerer Zeit eine redaktionelle Kooperation mit dem Magazin "Spiesser".



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