Saisonauftakt am Münchner Residenztheater Prinz voll Humbug

Mit einem überaus laschen "Prinz von Homburg" ist das Münchner Residenztheater in die neue Saison gestartet. Wenn das ein Zeichen in Richtung Konkurrenz von den Kammerspielen war, dann war es eine Kampfansage mit Samthandschuhen.

Inszenierung von "Prinz von Homburg" am Residenztheater
Andreas Pohlmann

Inszenierung von "Prinz von Homburg" am Residenztheater


Eins ist sicher: das Resi! Während Münchner Theatergänger in beziehungsweise wegen schäbiger Shabby-Behausungen voll verunsicherter Spannung auf die Eröffnung der Kammerspiele unter dem neuen Intendanten Matthias Lilienthal warten und schon die schlimmsten Event-Träume träumen, setzt man gegenüber in der Maximilianstraße in Martin Kusejs Haus wie zum Trotz auf das Bewährte. Ein wenig kam es einem bei der ersten Premiere im Residenztheater so vor, als sollte auch hier eines dieser derzeit inflationären Zeichen gesetzt werden: Was auch immer drüben im städtischen Haus künftig an Irritierendem passieren mag, hüben im staatlichen ist Verlass auf gediegene Kunst, auf unverfälschte Klassik. Wie sie im Reclam-Heftchen steht. Eine Kampfansage mit Samthandschuhen.

David Bösch, den man mal wild nannte und kannte, hat sie sich übergestreift und in diesem Sinne einen "Prinz von Homburg" auf die Bretter getuscht, der im Grunde so wenig Anlass für Kritik liefert, dass man ihn höchstens etwas fade finden kann. Bösch macht nichts falsch, aber deshalb kommt nicht selbstverständlich richtig Gutes heraus.

Diese kompakte 90-Minuten-Fassung des Kleist'schen Dramas um Gesetz und Gnade, Pflicht und Gehorsam, ein bisschen Liebe und um einen freilich längst schwer angeranzten Gehorsam ist so publikumsfreundlich kalkuliert, ebenso perfekt und sauber gespielt, wie alles auch gediegen ausgestattet und nur mit gelegentlichem fernen Kanonendonner dezent bedrohlich unterlegt ist.

Der Krieg in Fehrbellin bleibt hinter den Kulissen, die grauen Mäntel der Militärs sind vorgeschmutzt und wenn die wackeren Kämpfer doch einmal aus dem grellen Licht einer Blitz- und Theaterdonner-Schlacht auftauchen, klebt ihnen das Blut wie ein Abziehbild auf der sauberen Haut. Die Damen tragen kecke Reiterhosen oder schon mal die Robe in rot, die Herren zücken ihre schwarzen Moleskine-Büchlein und notieren den Tagesbefehl.

Schon wieder im Schlamassel

Zwar mag das Leben in dem bunkerartigen, edel dunkel marmorierten Raum, den Falko Herold mit einer großen und eigentlich ziemlich sinnlosen Treppe gebaut hat, beklemmend sein, aber das lässt sich keine der Figuren rund um den Kurfürsten Friedrich Wilhelm (Oliver Nägele gibt ihn altväterlich verbockt) wirklich anmerken. So richtig drängt es sie alle nicht in die Schlacht und zum Sterben fürs Vaterland, und so ernst nehmen sie auch die Sorgen des Prinzen nicht: Immerhin hatte der eigenmächtig und ohne kurfürstlichen Auftrag zur Attacke geblasen.

Zwar trug das brandenburgische Heer den Sieg davon, aber derartige Alleingänge schätzt die Generalität nun mal gar nicht, mögen sie auch ruhmvoll ausgehen: Dem nassforschen Prinzen droht das Todesurteil. Dieser Friedrich Arthur aber hat in dieser Inszenierung nicht nur ein Problem, er ist auch eins. Shenja Lacher spielt ihn als einen Typen, dem man eigentlich überhaupt nichts zutraut und der selber überrascht erscheint, in welchen Schlamassel er sich da (wieder mal?) reingeritten hat.

Wenn er am Anfang erschöpft einschläft, und nachdem man ihm als Somnambulen den garstigen (folgenschweren und staatserschütternden) Streich mit dem Handschuh gespielt hat, liegt er da wie ein selig schlummerndes, unschuldiges Kind. Kaum erwacht, gibt er sich putzig täppisch und plappert wirr daher und mehr wie ein Prinz voll Humbug, um gleich darauf schon als erwachsener Krieger der Gefahr ins Auge zu blicken.

Lacher lässt keinerlei Entwicklung erkennen (und Bösch lässt ihm dazu auch gar keine Zeit und Ruhe), nichts Zwingendes ist da zu spüren, kein Widerstreit im Inneren, keine Zerrissenheit angesichts der finalen Wahlmöglichkeit zwischen Leben und Tod. Seine Not ist eine steile Behauptung. Er führt ein paar unterschiedliche Typen vor, aus denen sich der Zuschauer sein Charakterbild des Helden basteln mag: ein wenig moderater Draufgänger, ein paar Wimpernschläge Träumer, hoffnungsloser Jammerlappen und plötzlich Märtyrer in eigener Sache - Lacher beherrscht viele Prinzenrollen, eine wirkliche Person (geschweige denn Persönlichkeit) zeigt er nicht.

Aber vielleicht war das ja auch gar nicht gewollt in dieser Inszenierung, die sich als eine steife Klassik-Musterstunde erweist, in der das ordentlich gesprochene Dichter-Wort noch etwas gilt. Es gibt hier keinen interpretatorischen Ausreißer, keinen Moment, zu dem Bösch irgendeine eigene Idee beigesteuert hätte, keinen Bruch, keine Kanten, keinen Funken Zweifel, der möglicherweise gar nicht so unangebracht wäre an einem Stück, in dem ganz zentral und unwidersprochen zum Beispiel von der Verherrlichung des Gesetzes durch den Tod die Rede ist. Das könnte man heftig verlachen oder brutal illustrieren - es jedoch einfach im leeren Raum verhallen lassen?

Ganz am Schluss erlaubt sich David Bösch dann doch noch eine Schrecksekunde, einen kleinen Schabernack gar. Der Prinz, aus Ehrgefühl bereit zum Sterben, wird erschossen. Aber halt! So nicht im Residenztheater! Bösch spult die Szene zurück - und dann krachen die Kanonen zum Begnadigungs-Salut, und es regnet silberne Streifen am Horizont. So soll es sein und bleiben auf dieser Seite der Maximilianstraße. Mag drüben der "lustige Mann aus Berlin" in zwei Wochen machen, was er will.



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