Klingonisch als Fremdsprache TaH pagh taHbe' - Sein oder nicht sein

Die aus dem "Star Trek"-Kosmos stammende Phantasiesprache der Klingonen erfreut sich weltweit immer größerer Beliebtheit. Ein Landkreis im US-Bundesstaat Oregon war nun sogar kurzzeitig auf der Suche nach einem Dolmetscher, der das kehlige Idiom beherrscht. Die Verwaltungsbeamten wollten sich für extreme Fälle psychischer Störung wappnen.

Von Mario Sixtus


Klingonischer "Hamlet": "Restaurierung des historischen Originals"

Klingonischer "Hamlet": "Restaurierung des historischen Originals"

"Sie werden Shakespeare erst richtig genießen, wenn sie ihn im klingonischen Original lesen", wurde der verdutze Captain Kirk in dem Kinofilm "Star Trek VI - Das unentdeckte Land" belehrt. Anhänger und versierte Adepten der knarzigen Sprache, die zu einem guten Teil aus Kehlkopflauten besteht, konnten sich sogar für kurze Zeit Hoffnung auf einen staatlich finanzierten Job bei der Bezirksverwaltung von Multnomah County im US-Bundesstaat Oregon machen. Das dort angesiedelte Department of Human Services hatte sich - neben Übersetzern für 55 andere Sprachen - um einen Mitarbeiter bemüht, der das Alien-Idiom fließend beherrscht, um für Fälle psychischer Störungen gewappnet zu sein, bei denen die Rachenlaute vom Planeten Klingon der einzige Weg sind, den Kranken zu erreichen. "Es gibt ein paar Fälle, in denen dies die einzige Sprache ist, in der die Patienten sprechen wollen", wurde die Leiterin des dortigen Beschaffungsamtes zitiert.

Was auf den ersten Blick wie ein verspäteter Aprilscherz klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als pragmatischer Realismus: die Science-Fiction-Sprache aus Gene Roddenberrys Enterprise-Welt entwickelt sich offenbar langsam, aber unaufhaltsam von einer Phantasie- zu einer Verkehrssprache. Während der letzte Star-Trek-Film "Nemesis" an den Kinokassen floppte und die aktuelle TV-Inkarnation "Enterprise" unter enttäuschenden Einschaltquoten leidet, gewinnt die Muttersprache der kriegerischen und trinkfreudigen Außerirdischen immer mehr Anhänger, auch jenseits der Trekkie-Gemeinde.

Film-Klingone Worf (Michael Dorn): Gelegentliches Anspucken
SAT.1

Film-Klingone Worf (Michael Dorn): Gelegentliches Anspucken

Das 1992 gegründete "Klingon Language Institut" (KLI), eine Non-Profit-Organisation, die sich der internationalen Koordinierung der Weltall-Linguisten verschrieben hat, zählt Sprachwissenschaftler, Philologen und Psychologen ebenso zu seinen Mitgliedern, wie Serien-Fans und Computer-Spieler.

Die Tatsache, dass es sich bei Klingonisch um eine reale Sprache handelt, anstatt um ein sinnfreies Aneinanderreihen von Phantasielauten, verdankt die Welt dem Sprachwissenschaftler Marc Okrand, der 1984 von Paramount Pictures beauftragt wurde, für den Dreh zu "Star Trek III - Auf der Suche nach Mr. Spock" eine Grundlage für möglichst realitätsnahe Dialoge zwischen den Stirnpanzerträgern zu schaffen. Okrand machte sich die Mühe, ein rund 2000 Vokabeln fassendes Wörterbuch zu verfassen, entwarf eine eigenständige Grammatik und stattete die Kämpfernaturen mit so bildreichen Redewendungen aus wie 'Hab SoSlI' Quch!', was übersetzt so viel bedeutet wie "Deine Mutter hat eine flache Stirn", was die schlimmste Beleidigung ist, die man einem Klingonen an die Schädelplatten werfen kann.

Mittlerweile sind etliche Sprachkurse und Konversationslexika in Buch- und CD-Form erschienen und selbst bei Google kann über eine original klingonische Oberfläche gesucht werden - im "Daqmey pat" (zu deutsch: im "Web")

Im Windschatten der Terror-Bekämpfung nach dem 11. September hielt KLI-Gründer Dr. Lawrence Schoen sogar einen Vortrag vor Geheimdienstmitarbeitern der National Security Agency (NSA), welche die Möglichkeit ausloten wollte, ob al-Qaida-Kämpfer ihre Nachrichten womöglich klingonisch verschlüsseln könnten. Ähnliches hatte eine Spezialabteilung der US-Armee praktiziert, die während des zweiten Weltkriegs ihre Funksprüche in der Muttersprache der Navajo-Indianer austauschten.

Klingonisches Wörterbuch von Marc Okrand: Möglichst realitätsnahe Dialoge

Klingonisches Wörterbuch von Marc Okrand: Möglichst realitätsnahe Dialoge

Laut Angaben der KLI wird die Kunst des klingonischen Parlierens mittlerweile in fünfzig Ländern und auf allen Kontinenten (inklusive der Antarktis) gepflegt. Eine erstaunliche Karriere für eine Kommunikationsform, die zwar keine Entsprechungen für die Begriffe "Bitte" und "Danke" kennt, deren korrekte Aussprache es aber zwangsläufig mit sich bringt, sein Gegenüber gelegentlich ein wenig anzuspucken. Mittlerweile liegt auch eine klingonische Variante von Shakespeares "Hamlet" vor, die von KLI-Mitgliedern aus aller Welt erarbeitet wurde. Keine Übersetzung, sondern eine "Restaurierung des historischen Originals", wie die Linguisten betonen.

Am Dienstag dieser Woche zog die Gesundheitsbehörde von Multnomah ihre ungewöhnliche Job-Ausschreibung jedoch wieder zurück, nachdem sie in der lokalen Presse mit Hohn und Spott überzogen worden war. Eilig versicherte man den Steuerzahlern, dass man bislang keinen einzigen Penny für die Dienste eines Klingonisch-Übersetzers ausgegeben habe und bezeichnete das Unternehmen in einer öffentlichen Mitteilung als "Fehler". Bei dem Versuch, das Sicherheitsnetz des Countys für alle Kunden und Klienten abzusichern, sei man wohl "über das Ziel hinaus geschossen", zitiert die Nachrichtenagentur AP die County-Vorsitzende Diane Linn.

Dass die Befürchtungen der übervorsorglichen Behörde dennoch gar nicht so abwegig sind, zeigt auch ein Fall aus dem Jahre 1998, in dem das Jugendgericht von Sedgwick County in Wichita einem Vater das Sorgerecht für seine vier Kinder entzog. Der Mann hatte mit seinem Nachwuchs in einem verwahrlosten Wohnmobil gehaust, dass mit Star-Trek-Devotionalien und Fan-Magazinen voll gestopft war. Als Polizeibeamte die Wohnsituation inspizieren wollten, war anfangs keinerlei Kommunikation mit dem Enterprise-Fan möglich. Er sprach nur klingonisch.



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