Klinik-Serie "Dr. Molly & Karl" Das Monster aus der Hirnabteilung

Zeit, aus dem hirnlosen Fernsehkoma zu erwachen: Mit der Klinik-Serie "Dr. Molly & Karl" wagt sich Sat.1 an intelligente Unterhaltung, fernab von jedem Scharzwaldklinik-Kitsch. Und zeigt, dass auch Kotzbrocken sympathisch sein können.

Von Silke Burmester


Mit Patienten im Wachkoma soll man reden, sagen die Mediziner. Schließlich sei nicht auszuschließen, dass sie einen hören können. Man kann versuchen, sie über Musik zu erreichen, über Vibration, viel mehr könne man - außer der Grundversorgung - nicht tun. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass sie irgendwann aufwachen und die stirbt bekanntlich zuletzt.

Dr. Molly (Sabine Orléans, M.) und ihr Team: "Herr, wirf Hirn vom Himmel!"
Sat.1

Dr. Molly (Sabine Orléans, M.) und ihr Team: "Herr, wirf Hirn vom Himmel!"

Als Fernsehzuschauer bleibt einem seit einigen Jahren auch nicht viel anderes übrig, als zu hoffen. Zu hoffen und den Glauben daran nicht zu verlieren, dass die Verantwortlichen aus der Abteilung "Unterhaltung" irgendwann erwachen. Ganz besonders muss man sich hier Sorgen um den Patient ZDF machen, der ist quasi schon hirntot. Etwas besser ist die Situation im Nebenzimmer bei Sat.1. Hier hat man bisweilen den Eindruck, der Patient kämpfe darum, ins Leben zurückzukehren, aktuell zuckt sein Leib erheblich.

"Dr. Molly & Karl" heißt die Serie, mit der die Münchner den Sprung in die intelligente Unterhaltung wagen und man kann nur hoffen, dass sie den Verantwortlichen nicht wieder zu wenig flach ist.

Susanne Molberg, "Dr. Molly" (Sabine Orléans), ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Neurologie und die Pest im Sozialkontakt. Sie ist monströs in körperlicher und verbaler Hinsicht. Sie walzt durch die Flure wie sie über die Gefühle, Gedanken und Münder ihrer Kollegen und der Patienten hinwegwalzt, sie ignoriert die Daseinsberechtigung anderer und ist nicht einmal in schwachen Momenten schwach.

Ihr wird die Psychologin Dr. Carlotta Edelhardt (Susanna Simon) zur Seite gestellt, eine attraktive, dynamische Enddreißigerin, deren Brüste "hängen", wie Dr. Molly ihr alsbald entgegenschmettert: "Ja, Ihre Brüste sprechen zu mir. Wir sind zu zweit, alleinstehend und kinderlos. Wir hängen hier nur so rum."

Die Oberärztin lässt keinen Zweifel daran, dass sie "Karl", wie sie die Psychologin nennt, für in jeder Hinsicht überflüssig hält und macht das schon im Moment der Begrüßung deutlich: "Mein Name ist bye-bye-Psychotante. Ich hier, Du weg!"

Natürlich erinnert das sehr an "Dr. House", das humpelnde, süchtige Ekelpaket aus der amerikanischen Erfolgsserie. Auch im Aufbau der Folgen - Klinikbilder, Stadt- und Straßenansichten als Metapher für die Innen- und Außensicht und das Verstreichen der Zeit - hat man sich an US-amerikanischen Vorlagen wie der Krankenhausserie "Grey's Anatomy" orientiert.

Dennoch ist es Autor Martin Rauhaus gelungen, eine deutsche Form zu entwickeln, die nicht wie ein Abklatsch wirkt, sondern ihre eigene Sprache, Rhythmik und Witzebene gefunden hat. Eine Ebene, die fern von jedem Schwarzwaldklinik-Kitsch oder Engels-Romantik à la "Für alle Fälle Stefanie" liegt.

Die Serie lebt von der Wortgewalt der Neurologin, ihrer Schlagfertigkeit, ihrer Kaltschnäuzigkeit und ihrer unglaublich zweifelsfreien Haltung sich selbst gegenüber. Eine Haltung, aus der heraus sie auch dann noch das letzte Wort hat, wenn sie im Faktenschlagabtausch ausnahmsweise verloren hat. So erinnert ihre Figur in ihrer selbstherrlichen Ich-Bezogenheit an Wolfgang Menges legendären "Ekel Alfred". Eines der seltenen deutschen Fernsehmomente, in dem der Zuschauer einen Unsympath ins Herz schließen konnte.

Sabine Orléans gelingt es, ihre Protagonistin vor dem Absturz in die Zuschauerverachtung zu bewahren. Perfekt tariert sie das Verhältnis von Kotzbrocken und Mitmensch etwa bei 94:6 aus und schafft es, vor allem eine interessante Frau zu zeigen, der zuzuschauen einfach Spaß macht.

Ihr Konterpart, Susanna Simon in der Rolle der Dr. Edelhardt, hat es nicht ganz so leicht. Ihre Figur, die Psychologin, ist nett, klug, hübsch - und damit ziemlich langweilig. Zwar behauptet sie sich wacker gegen das Monster aus der Hirnabteilung, doch bleibt ihre Rolle austauschbar wie der Prototyp des Chauvinisten im Ärztekittel.

Bei "Dr. Molly & Karl" ist die eine Krankenschwester dumm, die andere, das "Melonenmädchen", blond. Der eine Arzt ein sympathischer aber mitunter hilfloser Klugscheißer, der andere ein Chauvi auf verlorenem Posten, und der Leiter, Professor Werner Klarholt, muss die Rolle des überforderten Dompteurs einnehmen, der, wenn er einen Vorschlag macht, von Dr. Molly ein "Herr, wirf Hirn vom Himmel!" einstecken muss.

Anders als die meisten Klinik-Serien sind zumindest die ersten Folgen nur von einem Krankheitsfall getragen. Mysteriöse Krankheitsbilder, wie das eines immer wieder völlig die Kontrolle über sich verlierenden Global Players müssen von Dr. Molberg und ihrem Team gelöst werden. Das ist mitunter spannend und interessant und dürfte vor allem Hypochondern sehr gefallen.

Da bereits in der ersten Folge ein zehnjähriger Junge in einen komatösen Zustand fällt, sollten diejenigen unter den Fernsehverantwortlichen, die zum eingebildeten Kranksein neigen, die Sendung vielleicht lieber nicht schauen. Aktuell ist die Lage besorgniserregend genug.


"Dr. Molly & Karl", Donnerstags, 21.15 Uhr, Sat.1



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Linus Haagedam, 23.10.2008
1. durchsichtig...
...ja dann schauen wir mal. Über eine Serie, die ich nicht kenne kann ich natürlich nichts sagen. Der Artikel erscheint mir aber doch sehr durchsichtig. Er ist ganz offenbar von der festen Absicht der Autorin geprägt, diese Serie nicht schon im Vorfeld schlecht reden zu wollen. So weit, so gut (schlechtreden von allem was Private so im deutschen Fernsehen produzieren ist ja tatsächlich ansonsten Pflicht für jeden Feuilletonisten). Ich möchte nur darauf verweisen, dass alle anderen Kommentare von Leuten, die schon ein paar Folgen der Serie sehen konnten und sich in Kritiker-Foren geäißert haben in die Richtung gehen: Nichts als der Versuch, Dr. House zu kopieren (was per se noch kein Verbrechen wäre) aber leider schauspielerisch von beiden Hauptdarstellerinnen unglaubwürdig rübergerbracht. Die Sprüche nicht so gut, wie bei House und insgesamt dann doch wieder leider eine misslungene Produktion. Wir werden - wie gesagt - sehen, wer Recht hat. Werde mir aber auf jeden Fall mein eigenes Bild machen und die Sache (und vor allem die verdächtige Lobhudelei der SPON-Autorin) dann in Kenntnis der Serie bewerten.
Heta 23.10.2008
2. "Dr. Molly"
Fünfzehn Minuten geguckt, abgeschaltet, genug von „Dr. Molly“. Der Typ genialer Kotzbrocken funktioniert nur mit männlicher Besetzung, und diese männliche Besetzung muss dazu noch so attraktiv wie „Dr. House“-Darsteller Hugh Laurie sein. Dem man, weil selbst Intellektueller, auch die Genialität abnimmt. „Dr. House“, besetzt mit einem dicken Nobody, würde auch nicht funktionieren. Höchstens mit Robbie Coltrane, dem dicken Kriminalpsychologen aus der englischen Serie „Cracker“, beim ZDF „Für alle Fälle Fitz“. Die Serie wird, jede Wette, ein Flop.
mein.ung 24.10.2008
3. Erbärmlich
Intelligente Unterhaltung? Also, also, also... nö. Es ist - wie bereits richtig angemerkt - der Versuch, die Erfolgsserie "Dr. House" in jeder Hinsicht möglichst 1:1 ins deutsche Fernsehen zu kopieren. Nur Dr. House ist hier eine Frau, heißt "Dr. Molly" und ist, nein: soll sein, eine "Koryphäe auf dem Gebiet der Neurochirogie". Verständlich, wenn Fernsehmacher den House-Boom ausnutzen wollen, aber das hier ist einfach nur überflüssig und dünne. Die Story der ersten Folge ist langatmig, vorhersehbar und so oder so ähnlich schon hundertmal bei "House" besser erzählt worden. "Dr. Molly" könnte ich mir in ihrem Auftreten ganz gut als Kassiererin im Supermarkt vorstellen, die "geniale Ärztin" nehme ich ihr allerdings nicht eine Sekunde lang ab. Medizinische Fachausdrücke spricht sie jedenfalls aus, als höre sie die selbst zum ersten Mal. Schön den Text gelernt, dann kann ja nix mehr schiefgehen. Auch die ach so bösen Sprüche, die sie ihren Kollegen "entgegenschmettert" sind leider weder sonderlich lustig, noch (und das ist das ganz große Dilemma) sind sie halbwegs gut getimt. Das wirkt alles grausam aufgesetzt. Da passt die Bezeichnung "Monster aus der Hirnabteilung" fast wieder. Die Gründe für die bescheinigte "soziale Unfähigkeit" der großen Medizinerin bleibt ebenfalls im Dunkeln: Zu Hause ist sie offenbar eine liebevolle Mutter und Ehefrau... Über Karl und alle übrigen kann ich jetzt leider gar nichts mehr schreiben, ich habe ihr Gesicht und Auftreten bereits vergessen. Und da ich besagter Serie jetzt schon mehr als genug persönliche Zeit gespendet habe (hatte ich die schlechte Kameraführung eigentlich erwähnt?), nur noch kurz ein Fazit: Abschalten.
iris-serien-gucker 24.10.2008
4. Und noch mehr Dr. Molly und Karl, als ob die Serie nicht ausreicht...
Aber Irgendwie finde ich Dr. Molberg und Karl interressant, anders, oder ich weiss auch nichr, jeden Fall hat Sie noch ein paar Tips für uns: > Video von Dr. Molly wie man Kopfschmerzen erkennt und Behandelt: http://de.youtube.com/watch?v=85ax2JLMJo0 > Video von Dr. Molly warum wir Rückenschmerzen haben und was wir dagegen tun können: http://de.youtube.com/watch?v=J8NvO_rV2gE > Video von Dr. Molly was wir jetzt in Zeiten der Finanzkrise tun können: http://de.youtube.com/watch?v=Q2-NP61xgzE Also ich bin trotzdem mal gespannt wie es weiter geht... grüße
kreativmaschine.de 24.10.2008
5. ernüchternd...
Ich muss vorrausschicken, dass ich Dr.-House-Fan bin, obgleich ich mich an den Staffeln ehrlich gesagt bereits etwas satt gesehen habe. Deshalb haben die ach doch so knall harten Sprüche der Dr. Molly erst einmal ein tiefes Stirnrunzeln hervorgerufen. Vielleicht hätte sie statt dessen in den ersten Szenen eine Beinverletzung vortäuschen müssen, um den Stock, kurz danach einfach wegzuschmeißen...frei nach dem Motto "Dr. House? Wer ist das?" Ich mag die technische Durchführung von Molly und Karl, auch wenn jedes Bild quasi schreit "Wir können auch amerikanisch!". Da wurde meine Fernseh Estetik scheinbar von Farbspektren a la CSI-Miami unterwandert. Bah! Muss doch nicht sein, oder? Vielleicht sollte ich mir mal wieder ein paar alte Tatorts rein tun. Dennoch: klasse gemacht. NUr war bringt das, wenn sonst nicht viel da ist, was man zeigen kann... Für mich hatte die erste Folge eben wenig Spannung, keine (!) große Substanz und nur einen ehrlichen Lacher, als der kleine Molly-Gehilfe kommentarlos und ohne Vorwarnung mit dem Kopf auf den Tisch geknallt ist. Was war jetzt genau das Problem? Dr. Molly war böse mit einer Mutter? Oh. Ja, wir haben hier einen sehr ernsten und tragischen Fall, aber diese folge verschwendet keine Minute das glaubhaft zu verdeutlichen, außer mit dem geschnieften Satz "...wir werden noch viele Schneemänner bauen!" der Mutter. ARGH! Der Versuch alle Rosinen der Erfolgsserien in eine Folge zu pressen, ist meiner Meinung nach echt schief gegangen. Und was war mit dem Timing? Die Schauschpieler rasen durch ihren Text, der runtergebetet und vernuschelt daher kommt. Schultheater. Dipl.Psych. Frau Karl überzeichnet die Szene mit der Mutter so dermaßen, dass es unfreiwillig komisch wirkt. Ich werd mir die nächsten Folgen erstmal nicht ansehen. Naja. Meine Freundin mags :-)
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