Knasttheater Morden unter Applaus

Mord im Gefängnis, und keiner griff ein - so geschehen in der Justizvollzugsanstalt Berlin Tegel. Am Ende klatschten sogar alle eifrig. Kein Wunder: Es handelte sich um ein blutiges Theaterstück, aufgeführt von leidenschaftlichen Darstellern.

Von Corinna Schulz


Volker Ullmann hält die schwarze Axt fest in beiden Händen. Sein Gesicht ist fahl und angespannt, er atmet schwer. In den Augen des 41-Jährigen lodert die Wut. Auch seine zehn Mitstreiter, die mit hoch erhobenen Äxten hinter ihm stehen, sind bereit für den Kampf. Sie tragen lange schwarze Roben ohne Ärmel und schwarze Springerstiefel. Tätowierungen spannen sich über kräftige Muskelpakete.

Volker Ullmann und seine Männer sind Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Berlin Tegel. Wenn sie sich mit Gebrüll auf ihre Feinde stürzen, fließt kein Tropfen Blut, denn die 24 Beteiligten an der Massenkeilerei im Knast bilden das Theaterensemble von Deutschlands größtem Männergefängnis. Unter den Augen der Vollzugsbeamten wird das historische Lehrstück "Der Horatier" des Dramatikers Heiner Müller gespielt.Fast alle Schauspieler verbüßen in Tegel lange Haftstrafen, einige lebenslänglich. Sie sitzen wegen Raub, Mord, Totschlag, Sexualstraftaten oder Steuerhinterziehung - ein Querschnitt durch das Strafgesetzbuch.

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Bau-Kunst : Helden hinter Gittern

"aufBruch" nennt sich das Projekt, das 1997 von jungen professionellen Theaterleuten ins Leben gerufen wurde. Bis zu zwei Premieren und mehr als zehn Aufführungen finden im Durchschnitt jedes Jahr im Kultursaal der über hundert Jahre alten Haftanstalt statt.

Die Vorstellung ist wie fast immer ausverkauft. Rund 120 Zuschauer sitzen auf kargen Tribünenbänken. Am Eingang haben sie alle portablen Insignien bürgerlicher Existenz abgeben müssen: Portemonnaie, Handy, Schlüssel und Taschen. In der neonbeleuchteten Halle, wo sonst LKW entladen werden, wird jeder Theatergast noch mal gründlich gefilzt. Nur mit einer grünen Besucherkarte, dem Rückfahrschein in die Freiheit, betreten die Besucher die fremde Welt.

Das Müller-Stück von 1968, das zu großen Teilen von Sprechchören erzählt wird, ist keine leichte Kost. Der Horatier-Stoff ist zweieinhalbtausend Jahre alt. Es geht um die Verurteilung von Verbrechen und den vermeintlichen Widerspruch, gleichzeitig Held und Mörder zu sein. Ein Römer wird im Stück auserkoren, um gegen einen Abgesandten der verfeindeten Bruderstadt Alba zu kämpfen. Der Stellvertreterkampf soll die Heere der beiden Städte schonen. Der Horatier tötet nicht nur seinen Gegner, sondern auch die eigene Schwester, weil sie die Verlobte des Feindes war und trauert. Ist er jetzt Held oder Mörder?

Mit nacktem Oberkörper, schwarzem Rock und weit ausgebreiteten Armen nimmt Hauptdarsteller Ali Nebioglu (28) den Urteilsspruch auf der Bühne entgegen. Eigentlich wollte er gar nicht mitmachen. Der junge Türke spielt den siegreichen römischen Helden, der am Ende von seinem Volk als Mörder hingerichtet wird. Dass er dennoch mitspielt, ist vor allem Peter Atanassow Engagement zu danken. Der Regisseur und frühere Berliner-Ensemble-Darsteller ist die langen Monologe mit ihm durchgegangen. Seit 2001 inszeniert er in Tegel. "Ich muss hier im Gefängnis sehr schnell entscheiden. Wer zu lange zögert, verliert die Autorität", sagt der 37-Jährige. Den Respekt und das Vertrauen der Häftlinge hat er sich hart erarbeitet.

Sechs Wochen haben die 24 Insassen für "Horatier 1 nach dem krieg = vor dem krieg" geprobt, jeden Tag mehr als fünf Stunden. Sie haben Texte gepaukt, immer wieder die Sprechchöre repetiert und sich bei der anspruchsvollen Choreografie die Glieder verrenkt. "Dass der Erfolg eines Stücks von der ganzen Gruppe abhängt, haben viele hier erst lernen müssen", sagt Peter Atanassow. Teamarbeit ist für viele in Tegel völlig ungewohnt.

Denn im Knast geht man sich in der Regel aus dem Weg. Viele Häftlinge werden im Vollzug zu echten Einzelgängern. Außerdem herrscht immer noch eine strenge Knasthierarchie, in der Sexualstraftäter ganz unten und Widerstand gegen die Staatsgewalt ganz oben stehen. Bei den Proben sind die Delikte tabu. "Hier sind die Häftlinge plötzlich aufeinander angewiesen. Dass es bei soviel ungewohnter Nähe auch mal ordentlich kracht, ist völlig normal", sagt Atanassow.

Trotzdem: Ausschreitungen gab es noch nie. Jeder der Darsteller weiß, Handgreiflichkeiten wären das sichere Ende des Projektes. Und das will hier keiner. Denn die Theaterarbeit ist nicht nur ein Stück Ausbruch aus dem Gefängnisalltag, sondern auch Selbstbestätigung. "Die Männer stehen auf der Verliererseite. Sie können hier drinnen nichts richtiges leisten, für das sie Lob und Anerkennung bekommen", sagt Anstaltsleiter Klaus Lange-Lehngut, 63. "Außerdem beeinflusst das Theaterspielen das soziale Verhalten unter den Häftlingen enorm positiv." Immer wieder musste er sich gegen interne Kritik durchsetzen, schließlich muss die JVA zusätzliches Personal abstellen, und das kostet. Nach fast acht Jahren sind aber selbst hartnäckige Kritiker von dem Erfolg des Projekts überzeugt.

Für jemanden wie Matthias Donwen, 41, ist der streng reglementierte Knastalltag ohne die regelmäßigen Auftritte nicht mehr vorstellbar. Er ist von Anfang an dabei. Seit 14 Jahren sitzt er schon. Die Zeit vergeht langsam in Tegel. "Ick hab schon mehrmals gesagt, ick hör uff mit dem Theater und dann schaff ich es doch nicht", erzählt der Theaterfan.

Kurt Lummert, 56, steht zum ersten Mal auf Bühnenbrettern. Mit Theater hatte der gebürtige Berliner vorher nichts am Hut, wie die meisten in der Gruppe. "Ich wollte nur sehen, ob ich das hinkriege. "Wenn das Publikum nach der Vorstellung minutenlang applaudiert und sich die 24 Männer immer wieder verbeugen, strahlen die Augen des kleinen grauhaarigen Mannes.

In diesen Momenten sind alle Zweifel und die Angst sich lächerlich zu machen, bei den Schauspielern vergessen. Rechtsanwalt Frank gratuliert Silvio, der in weißem Seidenkleid und Schleier die einzige Frauenrolle spielen musste. "Ich würde es immer wieder tun, obwohl ich echt Angst hatte, als Schwuchtel beschimpft zu werden", gibt der 32-Jährige zu. Die Knastkollegen bewundern seinen Mut.

Zwanzig Minuten bleiben Gefangenen und Besuchern nach jeder Vorstellung zu einem kurzen Gespräch, einem Austausch zwischen zwei Parallelwelten. Dann führen die Wachleute die Schauspieler wieder über den verlassenen Gefängnishof, zurück in ihre Zellen.



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