Koch-Tipp: Braten von der Rampensau

Von Hobbykoch Peter Wagner

Mit TV-Köchen ist es wie mit manchen Pop-Bands: Man muss sie live gesehen haben, um sie lieben zu können. Nach einem Koch-Konzert von Tim Mälzer kann man sogar die bekennende Hackfresse aus Pinneberg ein bisschen ins Herz schließen.

Götz George grollte: "Wenn man zu einem Event eingeladen wird, steht man plötzlich neben Friseuren, Köchen und Telenovela-Sternen und anderen Knalltüten." Andererseits – ist es nicht begrüßenswert, dass Handwerk in Deutschland wieder einen goldenen Boden hat?

Starkoch Mälzer: Tim geblieben
Philipp Rathmer/ VOX

Starkoch Mälzer: Tim geblieben

Mit Tim Mälzer hat das Handwerk sogar einen goldenen Boten: Wenn im Oktober sein neues Werk "Es kann nur ein Kochbuch geben!" erscheint, werden allein in der Startauflage 350.000 Exemplare in den Buchhandel gepumpt. Mälzers letzte Rezeptsammlung "Born To Cook II" ging insgesamt 650.000-mal über die Theke. Wenn er keinen völlig unfähigen Manager bezahlt, wird seine Autorentantieme acht Prozent vom Brutto-Verkaufspreis nicht unterschreiten. Von den rund 700.000 Euro kann sich der Kochbulle dann endlich die Felgen seines 68er Ford Mustang Fastback vergolden.

Wird er aber nicht. Denn im Grunde seines Herzens ist er der Tim geblieben, der sich noch immer für das Autokennzeichen seines Elternhauses schämt. Pinneberg ist für Hamburg das, was Bergheim für Köln, Main-Taunus-Kreis für Frankfurt oder Fürstenfeldbruck für München bedeutet: Provinzheinis, die am Samstagabend mit peinlich aufgemotzten Karren Großstadtluft schnuppern wollen.

Mälzer schnupperte in seinen Koch-Lehrjahren Londoner Luft (Jamie Oliver), beobachtete aber auch 1998 als Souschef beim Hamburger Sternekünstler Christian Rach (Tafelhaus), dass Herd, Herz und Hirn gemeinsam Großes erschaffen können.

In Hunderten Vox-Folgen von "Schmeckt nicht, gibt’s nicht" kochte und knödelte, kalauerte und karamellisierte er eher die kleine Kost. Ich konnte mit dieser Sendung wenig anfangen. Mälzer ist mir zu fahrig, kann nicht länger als 2,73 Sekunden zuhören, wirft unmoralisch viel brauchbares Essen weg, wäscht sich fast nie die Hände, schneidet erst rohes Geflügel und dann Gemüse auf dem selben Brett und schmeißt, wenn ihm mal wieder nichts einfällt, auch das zarteste Aroma noch mit einer Handvoll Chilis tot.

Bei dieser Meinung blieb ich, bis ich Mälzer bei einer kleinen Publikumsmesse in Hamburg live erlebte. Mit Lightshow, Video-Intro, "We Are The Champions"-Donner-Tusch, Headset, T-Shirt und Jeans mit Totenkopfgürtelschnalle und dem eisernen Willen, die gut 800 Fans in der Halle trotz seiner immensen rhetorischen und physiognomischen Handicaps zu rocken, wie ich es zuletzt bei Billy Idols Revival-Tour 2005 erlebt habe.

Er matscht fröhlich plappernd einen pappigen Labskaus-Brei zusammen, kratzt grinsend die Asche vom völlig verkokelten Lammrücken und hinterlässt nach 90 Minuten ein Showküchenschlachtfeld, als habe hier eine antiautoritäre Krabbelgruppe Backe-Backe-Kuchen gespielt.

Im November und Dezember mälzert er bei 25 Gigs von Dresden bis Bielefeld mit seiner "Hackfressen-Tour" die Republik so platt wie die Feigen in der Gefriertüte, die er mit dem Pfannenboden zu "Carpaccio" verflacht. Und wenn es dabei mal Bohnen gibt, werden seine Fans nicht erfahren, dass man sie kochen muss, um das giftige Protein Phasin zu zersetzen, oder dass die bohnenbedingte Flatulenz durch kurzes Wässern des Gemüses vor dem Kochen gelindert werden kann.

Mälzer wird lieber als Rampensau durchs Publikum galoppieren, sich zwei Opfer krallen, diese mit seinen "Grüne Bohnen Italienisch" mästen – und ihnen von der Technik heimlich Mikrofone an den Hintern heften lassen. Denn der Tim mit seiner Struppifrisur ist nur ein begnadigter Koch. Aber er ist ein begnadeter Entertainer.

Das nachfolgende Rezept für "Toskanischen Schnittbohneneintopf" ist zwar nicht von Mälzer, entspricht aber seiner Denke: Wurst aus Kalabrien? Speck aus Südtirol? Und: Gibt es denn in der Toskana überhaupt Schnittbohnen? Egal – woher soll ich denn das wissen? Hauptsache Italienisch, und das knallt dermaßen rein, Alter!

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insgesamt 4 Beiträge
nillivanmilli 16.09.2007
Nachdem ich den Herrn Mälzer vor einiger Zeit im TV das Schälen eines Kohlrabi vorführen sah, bin ich geheilt. Das Beste hat der gute Mälzer abgeschnitten. Lag wohl daran, daß man solch Niederes in "die Kreise" sonst [...]
Nachdem ich den Herrn Mälzer vor einiger Zeit im TV das Schälen eines Kohlrabi vorführen sah, bin ich geheilt. Das Beste hat der gute Mälzer abgeschnitten. Lag wohl daran, daß man solch Niederes in "die Kreise" sonst nicht so oft macht. Peinlich!
Mikel_2005 16.09.2007
Irgendwie komisch. Nachdem man jahrelang von Biolek über Jamie Oliver bis hin zu brutzelnden Perfektes-Dinner-Amateuren die Fernsehköche gehypet hat, wie sonst die öffenlich rechtlichen nur ihre Volksmusikanten scheint es [...]
Irgendwie komisch. Nachdem man jahrelang von Biolek über Jamie Oliver bis hin zu brutzelnden Perfektes-Dinner-Amateuren die Fernsehköche gehypet hat, wie sonst die öffenlich rechtlichen nur ihre Volksmusikanten scheint es jetzt angesagt, zum großen Halali auf die Vorreiter dieser Welle zu trompeten. Was haben die denn plötzlich verbrochen, dass man sie jetzt in die mediale Pfanne haut? Ist das plattklopfen von Feigen mit Hilfe einer Pfanne wirklich eine Sünde? Natürlich ist der Artikel witzig usw. aber gestern lamentiert man darüber, wie Personen erst hochgejazzt und dann verheizt werden (Britney Spears) und einen Tag später haut man in eine zumindest benachbarte Kerbe. Verstehe einer diese Medienleute...
ms82 16.09.2007
durch die aufforderung "diskutieren sie diesen artikel" ermutigt und nach dem lesen des artikels entsetzt über die plattheiten von peter wagner möchte ich nicht hinterm berg halten mit der einsicht, dass sich der autor [...]
durch die aufforderung "diskutieren sie diesen artikel" ermutigt und nach dem lesen des artikels entsetzt über die plattheiten von peter wagner möchte ich nicht hinterm berg halten mit der einsicht, dass sich der autor hier ziemlich vergallopiert hat. haben götz george oder ein fiktives bohnen-gericht wirklich etwas mit tim mälzer zu tun? und bleibt am ende dieses artikels nicht ein gefühl von stückwerk und panscherei in der magengegend zurück, ebenso wie nach einer der unzähligen schlechten folgen von mälzers show? ich schätze tim mälzer als tv-figur sehr, er wirkt fast schon zu authentisch für einen hochglanzsender wie vox, und ich ließ mir von ausgebildeten köchen sagen, dass er durchaus die basics des kochhandwerks kurzweilig und korrekt vermittele (wenn das konzept nach zehn folgen eigentlich ausgelutscht und spröde ist), aber nach derartigen berichten über die "hackfresse aus pinneberch", wo die sehnsucht nach ein bisschen glamour und integrität wagners allein durch schmalzerei und kuriose wortwahl überdeutlich zu tage treten, da verliert man sogar die lust an mälzer und spiegel online. wie kann man dünnpfiff durch das lesen schlechter lektüre bekommen? ich dachte, dies passiert meistens nach dem verzehr verdorbener kost.
Foul Breitner 16.09.2007
Ich bekenne, ich bin bei dieser Kochsendung auch schon mal hängen geblieben. Was habe ich gesehen. Zerschnittene Lebensmittel, die vom Schneidbret in Töpfe gewischt werden, Schnitzel und Steaks, die angebraten werden. [...]
Ich bekenne, ich bin bei dieser Kochsendung auch schon mal hängen geblieben. Was habe ich gesehen. Zerschnittene Lebensmittel, die vom Schneidbret in Töpfe gewischt werden, Schnitzel und Steaks, die angebraten werden. Kochgeschirr, das zufällig im Moment auch in Küchenzubehörläden liegt. N Blondchen, das Zwiebeln schält, weiß der Himmel wofür und ansonsten wohl nur für, ja für was eigentlich, da ist. Sinnvolle Einblendungen " Schnitzel...sollte man vor dem Braten Klopfen..." und einen super Koch, der sich für Geld zm Deppen macht. Alfons Schuhbeck - bitte übernehmen
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  • Sonntag, 16.09.2007 – 09:09 Uhr
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