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Kunst-Kochbuch: Der September in lila

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Kunst-Kochbuch: Das Farb-Menü Fotos
Prestel

Von der Künstlerin Sophie Calle und aus einem Paul-Auster-Roman kam die Anregung zu einem Kochbuch, das schön gestaltete Rezepte für Menüs in ausschließlich einer Farbe vorschlägt - vom weißen Januar mit Seezunge bis zum braunen Dezember mit Rehbraten.

Man hat es vielleicht nicht wirklich vermisst, aber ein Kochbuch mit Rezepten für 12 Menüs in jeweils einer Farbe gab es bisher noch nicht. "Kochen nach Farben. 12 Farben, 12 Menüs" schließt diese Lücke, und geschrieben haben das Kochbuch die Architektin Tatjana Reimann, Gründerin des "Kolor Studio für Gestaltung", zusammen mit den beiden Designern Caro Mantke und Tim Schober, die unter dem Namen "MS Mantober" im Kommunikations- und Interaktionsdesign arbeiten.

Die Idee stammt aus Paul Austers Roman "Leviathan". Eine der Roman-Figuren ist die Künstlerin Maria Turner, "deren Arbeit nichts damit zu tun hat, Objekte herzustellen, die man allgemein als Kunst bezeichnet", so Austers Text über Maria. Denn Maria verordnet und unterwirft sich Zwängen, die ihr Leben beeinflussen, aber auch zu konkreten Resultaten führen und in Galerien gezeigt werden können. Zum Beispiel widmet sie sich einen ganzen Tag lang nur einem einzigen Buchstaben, oder sie isst eine Woche lang täglich jeweils Mahlzeiten in nur einer monochromen Farbe - zum Beispiel rein weiße Reisgerichte.

Das Vorbild für Austers Maria war die französische Künstlerin und Freundin Sophie Calle, die die im Roman beschriebenen Aktionen wirklich durchgeführt hat, ihre monochromen Gerichte fotografiert und die Fotos ausgestellt hat. Ihr dankt Auster im Buch mit der Widmung ''for permission to mingle fact with fiction''.

Die Farben wurden sogar mit Farbkarten bestimmt

Für die drei Kochbuch-Autoren waren Maria Turner, alias Sophie Calle, und deren monochromes Essen das Vorbild, als sie sich entschlossen, ein Kochbuch zu schreiben und zu gestalten. Nach einem speziellem Thema hatten sie gesucht, "einfach nur kochen" wollten sie nicht. Und nach der "Leviathan"-Lektüre fragten sie sich, wie es wohl wäre, wenn sie der Romanfigur nacheiferten: Selbst auferlegte Zwänge gäbe es, keine Beliebigkeit, sondern genaue Auswahl bis ins Detail. Überlegung wäre gefragt, Grenzen vorgegeben. Aber würde die Beschränkung nicht gleichzeitig den Horizont erweitern? Die drei beschlossen, es auszuprobieren, und damit stand das Thema ihres Kochbuches fest: Kochen nach Farben.

Als Reimann, Mantke und Schober dann mit Freunden, alle aus dem Kreativ-Bereich, eine Kochgruppe gründeten, wurde festgelegt: Zwölf Menüs in jeweils einer anderen Farbe sollten gefunden und gekocht werden, vier Gänge wurden festgelegt, plus drei Getränke - alles in derselben Farbe. Als alle auf das monochrome Kochen eingeschworen waren, wurden die Farben festgelegt, sogar mit Farbkarte und die Farben den Monaten zugeordnet - im April fingen sie an, und der sollte Gelb sein.

Dann wurden unter den Freunden Ideen für "Gelb" eingesammelt: Welche Lebensmittel und Zutaten sind gelb, und wann und wo gibt es sie? Frisch und möglichst regional sollte alles sein und nicht zu exotisch. Immer wurde vom Hauptgericht ausgegangen, Rezepte wurden überlegt, im Vorfeld ausprobiert, verworfen oder verfeinert. Gelb ist im Kochbuch dann doch die Farbe für den Mai geworden - Hellgrün, so stellte sich heraus, passte besser in den April.

Sonntags wurde im Team geschnipselt, gekocht und gegessen - in der kleinen Küche von Tatjana Reimann, wo vieles improvisiert werden musste. Tim Schober fotografierte zuerst alle Zutaten roh, dann klein geschnitten und am Ende die fertigen Gerichte.

Auf den weißen Januar folgt der schwarze Februar

Nicht alles ging reibungslos: "Es gab Farben, die brauchten einen zweiten Kochgang, manche Zutaten veränderten ihre Farbe beim Kochen, oder sie müssen konzentriert, gefiltert oder extrahiert werden", sagt Caro Mantke. Viele Gerichte aber, wie zum Beispiel Blaukraut-Suppe, gefüllte rote Paprika-Schoten oder Hähnchenbrust mit Oliven-Pesto sind sehr preiswert und einfach zu kochen.

Mit Weiß, der Farbe des Januars, beginnt das Buch. Salziges Lassi ist der Aperitif, Sommerrollen das Entree, Pastinaken-Suppe gibt es als Vorspeise mit Weißweinschorle als Getränk, das auch zum Hauptgericht Seezunge an Weißweinsauce mit Blumenkohl-Risotto und gedünsteten Perlzwiebeln passt. Panna cotta mit Kokos und Baiser ist das Dessert und Pastis der Digestif. Links neben der Seite mit dem Menü sind die fertigen Gerichte schön, in diesem Fall etwas blass, auf weißen Tellern zu sehen. Dann finden sich auf sechs Seiten die einzelnen Rezepte, schön und übersichtlich gestaltet, gefolgt von einer Seite mit der Auflistung sämtlicher Zutaten, die auf den anschließenden Seiten sehr schön und sachlich fotografiert sind.

Auf den weißen Januar folgt ein schwarzer Februar: Belugalinsen, Maki-Sushi, schwarze Linguine mit Tapenade, Mohnkuchen, und getrunken wird Lakritz-Likör, Cola und Espresso. Der März ist beige, hellgrün der April, dem gelben Mai folgt ein hellroter Juni, ein tiefgrüner Juli, der August ist knallrot, September satt lila, der Oktober hat ein schönes Orange, nach dem auberginefarbenen November kommt der braune Dezember mit Rehbraten, karamellisierten Nüssen und Mi-Cuit au Chocolat, wozu Gewürztee, Altbier und Espresso getrunken wird.

Sehr schön ist das ganze Buch gemacht: Alle zwölf Monate sind auf passend farbigem Papier gedruckt, so dass man die Rezepte sofort findet. Trotzdem gibt es am Ende noch eine Menü-Übersicht, außerdem ein Nachwort der Autoren, ein Dank an das namentliche Koch-Team und ein Zutaten-Index.


Tatjana Reimann, Caro Mantke, Tim Schober: Kochen nach Farben. 12 Farben - 12 Menüs. Prestel Verlag, München; 208 Seiten, 400 farbige Abbildungen; 29,95 Euro.

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insgesamt 4 Beiträge
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    Seite 1    
1. Dekadent!
brummer07 25.03.2014
Ich hoffe, das Kochbuch wird auch in viele afrikanische Sprachen übersetzt - dort ist man doch Farben viel mehr aufgeschlossen als hier, damit kann man dort sicher mehr anfangen.
2. @brummer07
howa 25.03.2014
Ich empfinde Ihren Kommentar bzgl Afrika sehr unpassend. Würde das Kochbuch kaufen, aber nicht zum Nachkochen, sondern um es anzuschauen. Letztendlich geht es hier doch um ein Bild-Konzept – das auch in der Umsetzung mehr das Visuelle als das Geschmackliche in den Vordergrund rückt... Vielleicht wäre ein Kalender auch ein geeignetes Medium gewesen? Oder kommt der noch?
3. Treffer!
unglaeubig 25.03.2014
Selten hat ein Spiegel-Beitrag bei mir so eine Gänsehaut hervorgerufen. Ich habe sowohl das Buch von Paul Auster als auch das Kochbuch sofort bestellt. Ich würde es nicht einen "Zwang" nennen, aber Kochen nach Farben ist toll!
4. Naja, brummer...
cyrill3000 25.03.2014
Sie dürften sich nicht über diese Dekadenz erheben, wenn Sie Sich die Zusammenhänge des Gerätes klar machen, mit dem sie den Vorwurf geschrieben haben. Denn Elektroschrott, und die Rohstoffe aus denen es gemacht ist, verursachen in Teilen Afrikas erhebliche Probleme und ich gehe davon aus, dass Sie sich selber nicht ausschließlich von Maismehlbrei ernähren...
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