Übergriffe in Köln Endlich sagt's mal keiner

Die Rede ist von einem Tabu, der Innenminister spricht von wehrlosen Frauen. Doch die verbale Überhöhung der Übergriffe von Köln führt nicht weiter, sondern in die Irre.

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Passanten vor dem Kölner Hauptbahnhof: Überfrachtete Rhetorik
DPA

Passanten vor dem Kölner Hauptbahnhof: Überfrachtete Rhetorik


Der nordafrikanische Mann ist kriminell, die deutsche Frau wehrlos, Köln kein sicherer Ort. Mit diesen Zuschreibungen werden die Übergriffe der Silvesternacht verhandelt, das Geschehen wird kategorisiert, die Komplexität kaschiert. "Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen", sagt der nordrhein-westfälische Innenminister Jäger. Harte Zuweisungen suggerieren schnelle Lösungen. Die Sätze fallen, um das Geschehen zu verkürzen. Die verbale Verstümmelung dient der Selbstvergewisserung: Wer sind wir und wenn ja wie viele?

Die Nacht zum Feiern, überladen mit Böllern, Sekt und Erwartungen, wird zu einer Nacht zum Fürchten. Die Arglosigkeit der Betroffenen macht die Übergriffe, so planvoll und strukturiert sie offenbar durchgeführt worden sind, noch perfider. Die Täter haben das Gewusel und die Feierlaune ausgenutzt. Vor dem Kölner Hauptbahnhof wurden die Frauen gedemütigt, um den Moment der Überraschung für Diebstähle zu nutzen.

Die ersten Ermittlungen offenbaren eine unheilvolle Mischung: sexuelle Erniedrigung, Gewalt, Übergriffe, Macht. Die Begriffe rufen Konnotationen hervor und die Konnotationen Bilder. Stereotype sind nicht per se schlecht, sie erleichtern uns den Alltag. Wir bewegen uns leichter in einer Welt, in der wir glauben zu wissen, was wir zu erwarten haben.

Vorurteile aber sind negative Stereotype, sie behindern den Alltag. Die Kölner Silvesternacht berührt Kernthemen der Vorurteilsforschung: Religion, Herkunft, Geschlecht, Sexualität. Die Vorurteile sagen nicht nur etwas aus über die anderen, die Angreifer vor dem Bahnhof. Sie sagen immer auch etwas aus über uns selbst. Die Ursuppe der Identität hat viele Zutaten, Vorurteile gehören dazu.

Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers betont, es gebe in Köln keinen rechtsfreien Raum. Das klingt, als würde er jemandem widersprechen. Und es klingt nach Kraft und Stärke. Doch hat überhaupt jemand behauptet, in Köln gebe es rechtsfreie Räume?

Die frühere Familienministerin Kristina Schröder, CDU, schreibt auf Twitter, "gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen" in der "muslimischen Kultur" seien "tabuisiert" worden. Das klingt nach: Endlich sagt's mal einer. Und die eine, das bin ich. Doch besteht tatsächlich eine gesellschaftliche Übereinkunft, über muslimische Männlichkeitsbilder - sofern es die denn gibt - zu schweigen?

Beide, Albers wie Schröder, folgen einem Muster: Sie konstruieren eine vermeintliche Sorge, ein vermeintliches Tabu, um sie schließlich heldenhaft zu brechen. Der Polizeipräsident steht für die Sicherheit, Schröder für die Courage, den Mund aufzumachen. Alles schweigt, eine spricht. Es geht dabei nicht um den Inhalt. In Wahrheit geht es um den Sprecher und seine Überlegenheit. Frau Schröder grenzt sich ab vom vermeintlich selbstzensierenden Mainstream. Und von den Medien, die angeblich versuchen vorzugeben, was dieser Mainstream zu denken hat.

Hinter dem vermeintlichen Tabu offenbart sich die eigentliche Frage: In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Stimmt es, dass Männlichkeitsideale nicht kritisch diskutiert, dass Wahrheiten zensiert werden? Die Überhöhung legitimiert scheinbar die Unterstellung. Die Angst wird postuliert, um sie zu widerlegen. Das Tabu konstruiert, um es zu brechen. Die Unterstellung dient dann vor allem einem: der Abgrenzung. Aber sie verhindert die Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Problemen und Ängsten.

Zur Autorin
DER SPIEGEL/ Iris Carstensen
Barbara Hans ist stellvertretende Chefredakteurin von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Barbara.Hans@spiegel.de



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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nijesh 06.01.2016
1. Toleranz?
Wer Toleranz und Respekt gegenüber Flüchtlingen fordert sollte dies m.E. auch umgekehrt einfordern. Wenn Flüchtlinge, aus welchem Kulturkreis und Glaubenssystem auch immer, unsere Kultur und Spielregeln missachten, müssen wir uns abgrenzen und konsequent handeln! Dies hat nichts mit Rassismus zu tun. Wenn wir jetzt keine Grenzen setzen, wird uns die Thematik um die Ohren fliegen. Und was sagt Merkel: "Wir schaffen das!" Ansonsten schweigen und Aussitzen. Wie immer. Ich bin entsetzt, denn dies ist erst der Anfang. Dies müssen auch die Gutmenschen bei aller Liebe und bei allem Mitgefühl begreifen. Wer Schuld auf sich nimmt muss dafür gerade stehen.
eschoeff 06.01.2016
2. Einfach mal die Fakten anschauen,
wieso muss jetzt aus kriminellen Handlungen ein Politikum gemacht werden? Da gibt es nicht zu beschönigen, die Frauen, die diesem Mob ausgeliefert waren, haben schwere Gewalt erfahren. Da gibt es kein Tabu, das waren vorwiegend junge Männer aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum, die in Massen kriminell aufgetreten sind. Auch wenn das allen Schönrednern nicht gefällt, es war offenbar so. Es geht nicht um eine Überhöhung der Angriffe, auf Kosten der Opfer, sondern um eine schnelle, rasche und wirksame Verurteilung der Kriminellen.
Leser161 06.01.2016
3. Weltbieger
Natürlich ist es ein Tabu über eine etwaige abweichende Kriminalitätsneigung von Menschen mit Migrationhintergrund zu sprechen. Die ganze Political Correctness ist ein einziges Tabusystem. Und das ist nicht gut, wie sollen wir unsere Probleme lösen, wenn unsere einzige Sorge die korrekte Wortwahl zu sein scheint?
pecos 06.01.2016
4. Also wenn man sich ...
... die SPON-Texte zu Genderthemen zu Gemüte führt, kann man nicht auf den Gedanken kommen, dass Männlichkeit unkritisch behandelt würde. Im Gegenteil: "Mann" und "Täter" sind dort immer identisch.
paula_f 06.01.2016
5. passiert ist es trotzdem
auch wenn Sie hier kompliziert argumentieren - und nicht nur in Köln.
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