"Nafri"-Debatte Fragen bleiben erlaubt

Kaum stellt Grünen-Chefin Simone Peter eine Nachfrage zum Kölner Polizeieinsatz, wirft man ihr Weltfremdheit vor. Dabei sind tatsächlich noch einige Fragen zu dem Vorgehen offen.

Silvesternacht in Köln
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Silvesternacht in Köln

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Wenn man Räuber und Gendarm spielt, muss man sich entscheiden, auf welcher Seite man steht, sonst funktioniert das Spiel nicht. Aber die restliche Zeit des Jahres darf man eine differenzierte Haltung zur Polizei haben. Das ist schön, aber offenbar auch kompliziert.

Tina Hassel, Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios, schrieb auf Twitter, nachdem Grünen-Chefin Simone Peter die Frage nach einem Racial Profiling der Polizei aufgeworfen hatte: "Wie weltfremd kann man sein, jetzt den Polizeieinsatz in Köln zu kritisieren?" Im "Flensburger Tageblatt" hieß es: "Nein, statt öffentlicher Kritik gebührt den Polizeibeamten nur eines: Ein Dankeschön."

Das ist ein bisschen bizarr angesichts der Tatsache, dass Simone Peter nicht gesagt hatte, dass die Polizei aus lauter Rassisten besteht, sondern zunächst, dass sie erfolgreich gearbeitet hat. Und dann noch den Satz: "Allerdings stellt sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit, wenn insgesamt knapp 1000 Personen allein aufgrund ihres Aussehens überprüft und teilweise festgesetzt wurden."

Das ist ein Satz mit "wenn". Heißt auch: Wenn sich herausstellt, dass die Leute nicht nur nach Aussehen beurteilt wurden, stellt sich die Frage nach der Verhältnis- und Rechtmäßigkeit vielleicht gar nicht. Eigentlich hat Peters also nichts besonders Heftiges gesagt. Trotzdem wurde sie vielfach kritisiert und beleidigt, und fühlte sich gezwungen, ihre Haltung noch mal auf Facebook klarzustellen: Gute Arbeit von der Polizei, bitte kein Racial Profiling, danke.

Vielleicht ist das ein besonders typisches Beispiel dafür, wie aufgeladen die Diskussion um Rassismus verläuft. Peter sagt, es könnte sein, dass die Polizei rassistisch gehandelt hat, zack, jemand postet ein Bild auf ihrer Facebookseite, wo steht, dass jetzt wohl auch weiße Schneemänner verboten werden, weil, haha, Rassismusverdacht. Und dann gibt es natürlich noch Beatrix von Storch, die suggeriert, dass die Alternative zu Racial Profiling eben "Massenvergewaltigung deutscher Frauen" sei, und man ahnt, dass dazwischen irgendwo ein paar Nuancen verloren gegangen sind.

"Nordafrikaner" oder "kriminelle Nordafrikaner"

Zwischen "Die Polizei besteht ausschließlich aus Heldinnen und Helden" und "Die Polizei ist rassistisch und verdächtigt unschuldige Nordafrikaner" gibt es noch die Möglichkeit, dass die Kölner Polizei es erfolgreich geschafft hat, die Menge von Verbrechen weitaus niedriger zu halten als im letzten Jahr, aber gleichzeitig möglicherweise zumindest in Einzelfällen auch ein Problem mit Rassismus hat.

Man kann der Polizei für ihren Einsatz danken und trotzdem Fragen haben. Es ist aus logischen Gründen schon nicht klar, ob das Verhalten der Polizei an Silvester das Einzige war, das eine Eskalation der Gewalt verhindern konnte, oder ob es auch auf eine Art gegangen wäre, die weniger Grund zur Beunruhigung geboten hätte.

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Ein Hinweis auf Probleme könnte die Tatsache sein, dass die Polizei sich nicht einig ist, was mit dem versehentlich rausgerutschten Wort "Nafri" gemeint ist: "Nordafrikaner" oder "kriminelle Nordafrikaner". Denn als "Nafri" bezeichnet man bei der Polizei offenbar manchmal "Menschen eines bestimmten Phänotyps" im Allgemeinen und manchmal nordafrikanische Intensivtäter, und es gibt da offenbar einen Unterschied, der relevant ist.

Falls es Rassismus bei der Polizei gibt, dann äußert er sich - wie beim Rest der Gesellschaft - nicht allein in einer falschen Wortwahl, die man bloß korrigieren müsste, sondern ist tief verankert und möglicherweise auch unbewusst. Es gibt nicht erst seit Silvester Berichte, die nahelegen, dass in Deutschland etwas stattfindet, das für Betroffene ziemlich klar nach Racial Profiling aussieht, aber von der Polizei natürlich nicht so benannt wird, weil es verboten ist. Wir wären dann jetzt wohl so weit, darüber zu reden.

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insgesamt 294 Beiträge
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Seite 1
Marvel Master 03.01.2017
1. Eigentlich sind keine Fragen offen
Die Polizei scheint dieses Jahr alles unter Kontrolle gehabt zu haben. Was will man mehr? Von daher: Lob an die Polizei. Ihr habt einen guten Job gemacht. Kein Lob für Politiker. Ihr habt einen schlechten Job gemacht. Warum? Weil wegen euch jetzt jedes Jahr überall Polizisten rumstehen müssen, anstatt das sie mit ihren Freunden feiern können. Mfg
KV491 03.01.2017
2. Ganz toll
Nachdem Frau Peters einen schnellen Rückzieher machte, was überhaupt nicht ehrenrührig, sondern klüger ist, als ich ihr zugetraut hatte, ist es besonders verdienstvoll diese "Debatte" jetzt weiterzuführen. Anliegen, mit denen man Frau Stokowski - wenn auch unverdient - assoziiert (Feminismus, Menschenrechte, Flüchtlingshilfe) wird es sehr helfen, wenn hier schonungslos weitergemacht wird. Vor allem, wenn die Autorin sich durch kluge, diffenzierte und faktensatte Beiträge zur sexuellen Gewalt Silvester 2015 (Stichwort "Oktoberfest-Vergleich") einen allseits geschätzen Namen gemacht hat und großes Vertrauen über alle Meinungsgrenzen hinweg genießt.
Falcon030 03.01.2017
3. Ihr Vorschlag bitte
"Es ist aus logischen Gründen schon nicht klar, ob das Verhalten der Polizei an Silvester das einzige war, das eine Eskalation der Gewalt verhindern konnte, oder ob es auch auf eine Art gegangen wäre, die weniger Grund zur Beunruhigung geboten hätte." - dann schlagen Sie doch bitte einmal eine Lösung vor, die Ihrer Meinung nach unter den gegebenen Umständen (begrenzte Personalkapazitäten, Eintreffen zahlreicher größerer, offenbar agressiv auftretender Männergruppen) zum selben Ergebnis (weitestgehend friedliche Silvesterfeier) führt. Ich bin gespannt.
TLB 03.01.2017
4.
Vor ungefähr einem Jahr, am 07.01.2016 schrieb Frau Stokowski diesen Satz in ihre Kolumne: "Die eigenen Frauen will der gute Deutsche immer noch selbst belästigen dürfen." Wahrscheinlich saß sie dabei zu Hause in der Stuba an ihrem Laptop weitab vom geschehen und hatte die Gelegenheit, sich jeden Satz gut zu überlegen. Es war keine Gefahr im Verzug und keine größeren gruppen Betrunkener rollten mit dem nächsten Nahverkehrszug auf sie zu. Und die gleiche Frau Stokowski möchte jetzt eine Lanze für differenzierte Betrachtung von Situationen brechen? Ich wäre jetzt erst mal so weit. über den Satz des letzten Jahres zu reden, und wenn wir da zu einer Einigung gekommen sind, können wir das nächste Thema beginnen. Gutes Neues Jahr
Max Super-Powers 03.01.2017
5.
Klar, dass Frau Stokowski die Dame noch verteidigt - war ja nicht anders zu erwarten. Allerdings macht es eben die Aussage von Frau Peter nicht weniger weltfremd. Und es zeigt auch, dass Frau Stokowski ebenfalls in einer bedenklich dichten Blase zu leben scheint. Darauf zumindest deuten Aussagen im Text wie "s ist aus logischen Gründen schon nicht klar, ob das Verhalten der Polizei an Silvester das einzige war, das eine Eskalation der Gewalt verhindern konnte" Zur Klärung: Die Polizei sprach von rd. 1000 "Nafris", ein Großteil davon gewaltbereit. Das Verhalten der Polizei an Silvester war also das einzige, das eine Eskalation der Gewalt verhindern konnte - ohne die Beamten wären diese Menschen nämlich ungehindert auf Domplatte und Co. geströmt - mit den gleichen Folgen wie im vergangenen Jahr.
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