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Kölner Intendantin Beier Heimspiel für die Drama-Queen

Schauspiel Köln: Karin Beier, die Drama Queen
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DPA

2. Teil: "Karin Beierscher Irrsinn"

Als Intendantin vertraut sie darauf, dass die Kölner ausgehungert sind nach aufregenden Theaterformen, für die es in ihrer Stadt jahrzehntelang keinen Platz gab, weder im Stadttheater noch in einem freien Produktionszentrum wie in anderen Metropolen. Sie setzt bevorzugt auf sperrige, ästhetisch gewagte und effektvolle Arbeiten, ein Konzept, das auf drei Säulen fußt: auf ausländischen Regisseuren wie Katie Mitchell, Viktor Bodó und Alvis Hermanis, auf Gruppen aus der Off-Szene wie Signa und Gob Squad, vor allem aber auf Arbeiten, die sich mit der Stadt auseinandersetzen, in der sie entstehen.

"Sie hat das Theater in die Stadt hinein geöffnet", lobt Helge Malchow, Chef von Kiepenheuer & Witsch, dem wichtigsten Kölner Verlag. "Bevor sie hier anfing, bin ich eher in München, Berlin oder Hamburg ins Theater gegangen." Jetzt sei er wieder neugierig auf das Programm in Köln: "Karin Beier hat das Publikum in Blitzeseile zurückgewonnen. Dass das so schnell funktioniert, war für mich die größte Überraschung." Geholfen hat ihr dabei sicher, dass sie gleich am Eröffnungswochenende eine Entdeckung präsentieren konnte, die den ästhetischen Diskurs auch überregional befeuerte: das dänisch-österreichische Performancepaar Signa, das in der Halle Kalk ein Hüttendorf aufbaute, in dem die Besucher zwischen die Fronten religiöser Bewohner und diktatorischer Besatzer gerieten. Es war ein soziales Experiment, ein raffiniertes Psychospiel, in das die Besucher tagelang eintauchen konnten - und das auch beim Theatertreffen 2008 für Furore sorgte. Ebenso wie 2009 die britische Regisseurin Katie Mitchell, die das Ein-Frau-Stück "Wunschkonzert" als Making-of eines Films inszenierte: Mehrere Akteure sorgten auf der Bühne simultan für Totale und Close-Up, für Geräusche und Musik - eine hochartifizielle Teamarbeit, die alle Handlungen fragmentierte und die doch erstaunlich einfühlsam war.

Menschliches, kraftvoll gespieltes Erzähltheater

Zweimal hat Beiers Bühne die Berliner Bestenschau also schon mit Experimenten versorgt, und das wird 2010 nicht anders sein: Die Kölner Inszenierung von Ödön von Horváths Volksstück "Kasimir und Karoline", die Johan Simons zur Eröffnung zeigt, ist engagiert menschliches, kraftvoll gespieltes Erzähltheater, wie man es von dem holländischen Regieschädel kennt. Die beiden anderen Abende aber haben es in sich: Als Co-Produktion des Schauspiels Köln mit dem Thalia Theater Hamburg kommt Nicolas Stemann und spielt und singt und schreit gemeinsam mit seinen Schauspielern fast vier Stunden lang, ohne Pause, Elfriede Jelineks Krisenkomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" - eine Textmaschine, bei der Ensemble und Publikum leicht die Krise bekommen könnten, wenn Stemann nicht so gekonnt die Theatermaschine anwerfen würde: Ein Display zählt die noch zu absolvierende Seitenzahl von 99 bis 0 runter, und wem das zu lange dauert, der darf rausgehen und sich was zu trinken holen.

Beim dritten Gastspiel aus Köln hingegen bleiben die Türen zu, auch für die Schauspieler: Karin Beier selbst hat Ettore Scolas Unterschichten-Kinokomödie "Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen" für die Bühne adaptiert - und den meist abschätzig benutzten Begriff Guckkastentheater einmal wörtlich genommen. Die Schauspieler sperrt sie in einen Wohncontainer mit großen Fenstern, wie in eine Ausstellungsvitrine. Was darin geschieht, ist im Saal zu sehen - aber kaum zu hören. Beier bricht die Wahrnehmung der Zuschauer, macht ihren Voyeurismus zum Thema und antwortet so auch auf all die Regiekollegen, die reale Arbeitslose, Flüchtlinge oder Häftlinge auf der Bühne ausstellen. Die Inszenierung lässt sich lesen als Eingeständnis und als Anklage: Bildungsbürgerliche Theatermacher sind sprachlos angesichts mancher Prekariatsprobleme - und bildungsbürgerliche Theaterzuschauer schenken diesen Problemen erst gar kein Gehör.

Eine weitere Arbeit ist in der Jurydiskussion nur knapp an der Einladung zum Theatertreffen gescheitert; es wäre die vierte aus Köln gewesen und die zweite von Beier selbst: eine radikale Lesart von Shakespeares Tragödie "König Lear", die Beier rein weiblich besetzt hat, auch weil eine gefühllose Frau verstörender sei als ein gefühlloser Mann. "Die Proben mit den Frauen waren ganz besonders", sagt Beier. "Mit Männern ist es lustiger, aber die sind meistens eher faul und versuchen, sich eine schöne Zeit zu machen. Frauen sind ehrgeiziger, die schonen sich nicht eine Sekunde." Es klingt wie ein Selbstporträt.

"Sie ernährt sich durch Kraftvergeudung"

Ihr alter Weggefährte Elmar Goerden spricht vom "Karin Beierschen Irrsinn" und zitiert Beuys, um diesen Irrsinn besser zu fassen: "Sie ernährt sich durch Kraftvergeudung." Nun ja, sagt Beier, sie habe schon "so eine grundsätzliche Hyperenergie", sei eben in den Achtzigern groß geworden: "Das war das Zeitalter des Narzissmus und der Leistungsstärke."

Beier ist eine der ersten Frauen auf dem Chefsessel eines großen Stadttheaters, und sie ist wohl die erste mit einem Kleinkind: Als sie ihren Posten vor knapp drei Jahren antrat, war ihre Tochter Momina, genannt Momo, gerade geboren. Beier hat sich Kinderzeiten eingerichtet, an die sie sich strikt hält: Sie verlässt das Theater um 16.30 Uhr und setzt sich erst abends wieder an den Computer, wenn Momo eingeschlafen ist. "Ich muss als Intendantin irre viel abgeben, sonst könnte ich mein Kind nicht sehen", sagt sie.

Beier vertraut auf ein starkes Team, allen voran ihre Chefdramaturgin Rita Thiele, und natürlich auf ihren Mann Michael Wittenborn, der als Schauspieler eine der Stützen des Kölner Ensembles ist. Mit ihm und Momo lebt sie in Köln im Belgischen Viertel, in derselben kleinen Wohnung, die sie sich vor 18 Jahren als Jungregisseurin genommen hat. "Die Wohnung platzt aus allen Nähten, aber es ist herrlich, dass sich mein Lebensgefühl zwischen damals und heute eigentlich nicht verändert hat." Ihre Tochter wächst nun in der Stadt auf, in der sie selbst aufgewachsen ist - und mit der sie sich so stark identifiziert, "dass ich auch in Berlin in eine Kölner Kneipe gehen und Kölsch trinken würde". Vielleicht ja schon während des Theatertreffens: "Ich hoffe, wir lassen den Sanierungsärger dort hinter uns und feiern endlich richtig."

Am besten kostümiert und "Viva Colonia" singend, so wie Beier sich das tatsächlich für Berlin vorgenommen hat. Damals, am Karnevalssonntag.


Berliner Theatertreffen. 7. bis 24. Mai, Telefon 030/25 48 91 00, www.berlinerfestspiele.de "Kasimir und Karoline"

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