Kölner Kunstfälscher-Skandal "Wie Panzerknacker aus einem Disney-Comic"

Dümmliche Aufkleber, eine nie existierende Sammlung: Der mutmaßliche Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi hat mit gefälschten Gemälden offenbar Millionensummen verdient. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Kunstexperte Ralph Jentsch, wie die Kölner Bande um Beltracchi aufflog.

Kunstexperte Jentsch: "Wir werden noch Überraschungen erleben"
Hans-Christian Plambeck

Kunstexperte Jentsch: "Wir werden noch Überraschungen erleben"


Ende August verhaftete die Polizei das Ehepaar Helene und Wolfgang Beltracchi sowie mehrere Personen aus dessen Umfeld. Über ein Jahrzehnt lang hatten die Kölner Kunsthändler mindestens 36 angebliche Werke von weniger bekannten Künstlern der klassischen Moderne verkauft. Ihren Angaben zufolge stammten die Bilder aus einer Sammlung des Geschäftsmanns Werner Jägers, der sie Ende der Zwanziger bis Anfang der dreißiger Jahre mit Hilfe des jüdischen Kunsthändlers Alfred Flechtheims gesammelt habe. Den Geschäftsmann Jägers gab es zwar - doch war er ganz offenbar kein Kunstsammler. Wenn die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zutreffen, haben die Beltracchis Gutachter und Aktionshäuser mit einem Gaunerstück zum Narren gehalten - und davon profitiert, dass man sich auf einem heißgelaufenen Kunstmarkt nicht all zu detailliert um die Herkunft der Bilder gekümmert hat.

SPIEGEL ONLINE: Herr Jentsch, Sie haben bei der Aufdeckung des Skandals um den mutmaßlichen Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi eine wichtige Rolle gespielt. Wie kam es dazu?

Jentsch: Die Kunsthistorikerin Andrea Firmenich, Autorin des Werkkatalogs des Expressionisten Heinrich Campendonk, schickte mir im Oktober 2008 Fotos eines Aufklebers mit der Aufschrift "Sammlung Flechtheim". Sie wandte sich an mich, weil ich ein Buch über den Kunsthändler Alfred Flechtheim geschrieben habe und im Auftrag der Erben von Flechtheim versuche, dessen Sammlung zu rekonstruieren, die in den Nazi-Jahren in alle Welt verstreut wurde. Firmenich schickte mir auch Fotos des angeblich von Heinrich Campendonk gemalten Werks "Rotes Bild mit Pferden", auf dessen Rückseite sich der Aufkleber befand und dessen Echtheit sie überprüfen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Zu welcher Einschätzung kamen Sie?

Jentsch: Als ich die Fotos des Bildes sah, beschlich mich ein ungutes Gefühl. Als ich dann die Fotos des Aufklebers betrachtete, war ich sofort davon überzeugt, dass er nicht echt sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Was machte Sie so sicher?

Jentsch: Das Porträt Flechtheims auf diesem Aufkleber ist so dümmlich, es erinnert an einen Panzerknacker aus einem Walt-Disney-Comic oder an eine antisemitische Karikatur. Ein Ästhet wie der Kunsthändler Alfred Flechtheim hätte nie zugelassen, dass er so abgebildet wird.

SPIEGEL ONLINE: Wenn der Aufkleber falsch ist, spricht dies nicht auch dafür, dass das Bild gefälscht ist?

Jentsch: Es begründet zumindest einen starken Verdacht. Ich bat Frau Firmenich daraufhin um Fotos der anderen Aufkleber auf der Rückseite des Bildes und schrieb ihr, dass der Schlüssel zur Frage, ob das Bild echt sei, in einer Analyse der Aufkleber liegt. Ich begann in meinem Archiv in Rom zu recherchieren, das Bestandteil des künftigen George-Grosz-Museums sein wird und das viele Tausende von Korrespondenzen und Katalogen enthält, zum Beispiel die Kataloge der Galerie Flechtheim von 1913 bis 1933. Dann tauchte ein weiteres Bild mit diesem Aufkleber "Sammlung Flechtheim" auf, ein Gemälde, das Fernand Léger 1913 gemalt haben soll. Da wurde ich stutzig und bat alle großen Auktionshäuser: Schaut doch bitte mal nach, ob ihr Bilder mit diesen Aufklebern verkauft habt.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Resonanz hatte Ihr Aufruf?

Jentsch: Ich bekam Hinweise von allen Seiten auf Bilder mit dem falschen Flechtheim-Aufkleber. Es war schnell klar, dass etliche Bilder mit diesen Labels im Umlauf sind. Ich stand vor der Frage, ob ich sie als einstigen Bestand der Sammlung Flechtheim anerkennen sollte.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich vermutlich dagegen entschieden.

Jentsch: Ja, denn ich korrespondierte mit der Kunstwissenschaftlerin Aya Soyka, der Autorin des Werkkataloges von Max Pechstein, die zunächst zwei Bilder in das Werkverzeichnis aufnehmen wollte, aber noch einmal genau überprüfte, da die Bilder die nun verdächtigen Aufkleber trugen. Sie kam dann zu der Auffassung, dass die Bilder gefälscht sind.

SPIEGEL ONLINE: Davon gehen auch die Staatsanwaltschaft Köln und die ermittelnden Beamten des Berliner Landeskriminalamtes aus. Welche gemeinsamen Merkmale haben die Bilder, die wahrscheinlich von Wolfgang Beltracchi gefälscht worden sind?

Jentsch: Von keinem der 36 Bilder, die wohl gefälscht sind, gibt es eine von vor 1995 datierende Abbildung. Die Titel einzelner Bilder sind in den Katalogen von Alfred Flechtheim zu finden, aber da fehlen Angaben zu den Maßen, zum Entstehungsjahr und zu den jeweiligen Techniken. Zudem haben alle Bilder dieselbe Rahmung, die so genannte französische Rahmung. Viele sollen aus der Sammlung des Kölner Unternehmers Werner Jägers stammen - der aber nie Kunst gesammelt hat.

SPIEGEL ONLINE: Um Bilder von welchen Künstlern geht es?

Jentsch: Fast ausschließlich um Bilder aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von Heinrich Campendonk, Max Pechstein, Fernand Léger, Louis Marcoussis, André Derain, Raoul Dufy, und allein um sieben Gemälde von Max Ernst.

SPIEGEL ONLINE: Seit Ende August sitzen Wolfgang Beltracchi und seine Frau als mutmaßliche Täter des Fälschungsskandals in Untersuchungshaft. Gegen drei weitere Beschuldigte ermittelt die Staatsanwaltschaft ebenfalls. Eine gerichtliche Klärung der Vorwürfe steht noch aus, ein Geständnis gibt es bislang nicht.

Jentsch: Dass die beiden Schwestern Bilder in Umlauf gebracht haben, die wahrscheinlich gefälscht sind, steht außer Frage. Ich gehe davon aus, dass die derzeit laufenden chemischen Untersuchungen auch zeigen werden, dass die verdächtigen Bilder Falsifikate sind.

SPIEGEL ONLINE: Helene Beltracchi versuchte bereits 1995, ein Bild von Hans Purrmann beim Auktionshaus Lempertz in Köln einzuliefern, das als mutmaßliche Fälschung nicht angenommen wurde. Wie konnte es den Beltracchis gelingen, 15 Jahre lang dubiose Bilder einzuliefern oder über Kunsthandlungen zu verkaufen, ohne dass es irgendjemandem auffiel?

Jentsch: Wir werden noch allerhand Überraschungen erleben, denn wir haben mit 36 Bildern noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Im Vergleich zum anglo-amerikanischen Kunsthandel ist der deutsche Kunsthandel überschaubarer; es geschieht fast nichts unbeobachtet. Deshalb ist es wirklich erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis die Beltracchis aufgeflogen sind. Wenn die Sorgfaltspflichten nicht verletzt worden wären, hätte das nie so lange gehen können.

SPIEGEL ONLINE: Von Sotheby's und Christie's wurden mutmaßlich gefälschte Bilder versteigert, die von Experten zuvor für echt erklärt wurden. Aber besteht bei diesen Experten nicht die Gefahr, dass sie gegen Honorar Bilder lieber für echt erklären, als das Geschäft zu verderben, indem sie es als Fälschung bezeichnen?

Jentsch: Ich arbeite seit über 20 Jahren an dem Oeuvre-Katalog von George Grosz, und es vergeht kaum eine Woche, in der nicht die Abbildung einer Fälschung auf meinem Schreibtisch landet. Aber der große Max-Ernst-Experte Werner Spies wurde einfach ganz gemein hereingelegt, wahrscheinlich von den Beltracchis und einem Helfer.

SPIEGEL ONLINE: Die Auktionshäuser sind doch auf die Experten angewiesen. Warum Ihre Nachsicht gegenüber dem berühmten Kunsthistoriker Spies?

Jentsch: Alle Schwachstellen müssen analysiert werden. Ich weiß, dass Christie's als Konsequenz aus dem Fall Beltracchi ab sofort von allen eingelieferten Bildern auch die Rückseite fotografiert. Künftig wird auf Provenienzforschung viel mehr Wert gelegt werden. Bei wertvollen Bildern müssen die Besitzerverhältnisse genau dokumentiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Vertrauen in den Kunsthandel beschädigt?

Jentsch: Vielleicht momentan, aber im Kunsthandel wächst schnell Gras über Skandale. Die Sammler wollen kaufen, die Auktionshäuser wollen leben. The show must go on.

Das Interview führte Michael Sontheimer



insgesamt 4 Beiträge
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Gegengleich 03.12.2010
1. ?stunK
Nur ein weiteres Puzzlestück der Szene, die den Begriff Kunst ad absurdum führt. Im Tresor versteckte Sonnenblumen oder La Gioconda hinter dezimeterdickem Panzerglas ist keine Kunst, sondern eine Schande!
cigarjoe 03.12.2010
2. weniger bekannt?
Zitat von sysopDümmliche Aufkleber, eine nie existierende Sammlung: Der mutmaßliche*Kunstfälscher*Wolfgang Beltracci hat mit gefälschten Gemälden offenbar Millionensummen verdient. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Kunstexperte Ralph Jentsch, wie die Kölner Bande um Beltracci aufflog. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,731742,00.html
'Heinrich Campendonk, Max Pechstein, Fernand Léger, Louis Marcoussis, André Derain, Raoul Dufy, und allein um sieben Gemälde von Max Ernst.'...weniger bekannte Künstlern der klassischen Moderne'???? mag sein dass diese künstler dem verfasser des artikels oder leuten die nur mit der needlepoint version der betenden hände vertraut sind weniger oder nicht bekannt sind:-)
vigoleis 04.12.2010
3. Buch
Das erwähnte Buch: Ralph Jentsch: Alfred Flechtheim und George Grosz. Zwei deutsche Schicksale (Weidle Verlag)
medienquadrat, 16.12.2010
4. ...
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