Königliche Hochzeit: Wenn das Herz das Hirn besiegt

Ein Prinz heiratet sein Mädel, na und? Diese Hochzeit ist ein überflüssiges Spektakel, ein Nicht-Ereignis, dem angesichts der Probleme dieser Welt zu viel Beachtung geschenkt wird. So Stefan Kuzmany. Doch dann hat er zugeschaut.

REUTERS

Das britische Königshaus, wie alle Adelshäuser dieser Welt, ist vollkommen überflüssig. Die Royals haben keine Funktion mehr in einer modernen Demokratie. Es ist nicht einzusehen, warum irgendein aufgeklärter Mensch einer verhätschelten Familie huldigen sollte, die sich zu Festtagen in lächerlichen bunten Uniformen zeigt und abgesehen davon nur durch den einen oder anderen Skandal auffällt.

Nichts braucht die Welt weniger als debile Blaublüter, die das Geld der arbeitenden Massen verschwenden, die niemals erfahren haben, was materielle Not bedeutet, die sich gegenseitig höchste Orden und Auszeichnungen verleihen allein für die Tatsache, dass sie miteinander verwandt sind. Die Privilegien des Adels sind abzuschaffen, besser heute als morgen.

Trotzdem sitzt man vor dem Fernsehgerät und schaut hin.

Es gab ja doch kein Entkommen, warum nicht mal reinschalten also, nur um zu sehen, was alle sehen. Eigentlich ist die königliche Hochzeit in London ein Nicht-Ereignis, denkt man sich da, keine Überraschung, kein Leben, nur Vollzug des Protokolls: Alles geschieht nach Plan, jeder Schritt, jeder Handgriff ist geprobt, folgt einer Inszenierung. Hat man eine Royal Wedding gesehen, kennt man sie alle: absurde bunte Hüte auf den Köpfen der Damen, mit Ordensschmuck herausgeputzte Herren an ihrer Seite. Reiche und noch Reichere rollen in teuren Limousinen an, Prunk und Luxus schamlos zur Schau stellend, während anderenorts bittere Armut herrscht.

Und dann erwischt es einen doch.

Es ist der Moment, in dem die Braut vor der Westminster Abbey aus dem Wagen steigt, in einem vergleichsweise schlichten Hochzeitskleid, die Schwester überreicht ihr den Brautstrauß, hilft ihr mit der Schleppe, der Vater führt sie in die Kirche, und nennen Sie mich gerne einen sentimentalen Sack, aber sie ist einfach wunderschön, diese Kate, heute, an diesem Tag, das muss selbst ein eingefleischter Anhänger der Republik zugeben.

Eben nicht nur eine verwöhnte Tochter, sondern einfach eine junge Frau auf dem Weg zum Altar, glücklich zwar, aber auch verunsichert, mit gehörigem Bammel vor dem, was da auf sie zukommen wird in den nächsten Jahren. Ebenso der Bräutigam William, klar, ein Routinier im Umgang mit weltweiter Beachtung, aber in den Momenten vor der Trauung doch auch nur ein junger Mann, der heiraten wird, der mit seinem Bruder flachst, um die Aufregung zu überspielen.

Dann heiraten sie, und die Fanfaren erklingen, und sie steigen in die Kutsche, es sieht tatsächlich aus wie im Märchen - und für einen Moment, einen kurzen nur, kann man tatsächlich vergessen, was alles Schlimmes draußen in der wirklichen Welt vor sich geht, und froh sein, dass es das eben auch gibt: zwei Menschen, die sich lieben und zusammenbleiben wollen.

Und weil das nicht so einfach ist, auch und gerade nicht für ein Paar, das für den Rest seines Lebens unter permanenter Beobachtung der Weltöffentlichkeit stehen wird, und weil die beiden im Grunde auch nichts dafür können, dass sie das sind, was sie sind, nämlich königliche Hoheiten - von dieser Stelle und von Herzen: Viel Glück, Kate und William! Ihr werdet es brauchen.

Und damit zurück zu Terror, Krieg, Koalitionskrach - und der berechtigten Forderung nach Abschaffung der vollkommen sinnlosen Monarchie.

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William und Kate in Love: Die Hochzeit des Jahres

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insgesamt 150 Beiträge
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1. ...
predator77 29.04.2011
Zitat von sysopEin Prinz heiratet sein Mädel, na und? Diese Hochzeit ist ein überflüssiges Spektakel, ein Nicht-Ereignis, dem angesichts der Probleme dieser Welt zu viel Beachtung geschenkt wird. So Stefan Kuzmany. Doch dann hat er zugeschaut. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,759698,00.html
"Brot und Spiele" haben schon in der Antike dazu beigetragen, dass das Volk den Alltag für einen kurzen Augenblick vergessen konnte. Im Prinzip ist das hier nichts anderes nur auf einer etwas neueren Art. Aber gönnen wir es der Menschheit doch ...
2. .
zottelkappe 29.04.2011
Zitat von sysopEin Prinz heiratet sein Mädel, na und? Diese Hochzeit ist ein überflüssiges Spektakel, ein Nicht-Ereignis, dem angesichts der Probleme dieser Welt zu viel Beachtung geschenkt wird. So Stefan Kuzmany. Doch dann hat er zugeschaut. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,759698,00.html
Bis dahin teile ich meine Meinung mit dem Autor. Ich denke auch nicht,das mich die Übertragung im Fernsehen umhauen könnte, mich lässt sogar die Fußball WM völlig kalt.
3. Überflüssig ?
klasl 29.04.2011
Zitat von sysopEin Prinz heiratet sein Mädel, na und? Diese Hochzeit ist ein überflüssiges Spektakel, ein Nicht-Ereignis, dem angesichts der Probleme dieser Welt zu viel Beachtung geschenkt wird. So Stefan Kuzmany. Doch dann hat er zugeschaut. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,759698,00.html
Ist doch wohl nichts gegen einzuwenden, wenn die Nation mal gemeinsam in die Operette geht?
4. .
CStonre 29.04.2011
Zitat von sysopEin Prinz heiratet sein Mädel, na und? Diese Hochzeit ist ein überflüssiges Spektakel, ein Nicht-Ereignis, dem angesichts der Probleme dieser Welt zu viel Beachtung geschenkt wird. So Stefan Kuzmany. Doch dann hat er zugeschaut. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,759698,00.html
Doch: debile Kirchenmänner, die das Geld der arbeitenden Massen verschwenden und einem vor 2000 Jahren geschriebenen Märchen nachhängen.
5. Herz?
JohnC. 29.04.2011
Keine Ahnung was die Hirne der kompletten deutschen Qualitätsmedien besiegt hat, das dieses "Ereignis" überall die Schlagzeilen beherrscht. Herz war es mit Sicherheit nicht. Eher Gier und der Verlust jeglichen journalistischen Anspruches.
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