"Körper" in Berlin Tanz die Leber!

Kann man biologische Betrachtungen auch tanzen? Das so nüchterne wie großartige Stück "Körper" der Choreografin Sasha Waltz, entstanden an der Berliner Schaubühne, wurde in aller Welt gefeiert. Jetzt kommt es als Gastspiel zurück in die Hauptstadt.


Es war ein Zeichen, und es wurde auch so wahrgenommen, damals, ganz zu Anfang des neuen Jahrtausends: Die Berliner Schaubühne, bis dahin ein Hort des kunstvoll gesprochenen Wortes, begann unter neuer Leitung - und dieser Neubeginn war sprachlos. Die Choreografin Sasha Waltz, einzige Frau im neuen Leitungsquartett, eröffnete die Spielzeit mit ihrem Stück "Körper". Es ging um die menschliche Gestalt in all ihren Facetten, auch darum, dass die Körpersprache oft mehr Wahrheiten vermittelt als das bis dahin hier so heilige gesprochene Wort.

Jetzt, gut zehn Jahre später, kehren Sasha Waltz' "Körper" für ein viertägiges Gastspiel an die Schaubühne zurück. Der zeitliche Abstand öffnet einen neuen Blick auf den Tanzabend: War die Wirkung damals nur so stark, weil die Kargheit, nicht nur an Worten, in so scharfem Kontrast stand zu dem, was vorher hier zu sehen gewesen war? Oder ist der Abend auch für sich gesehen eine Wucht? Eine erste Antwort gibt bereits die Erfolgsbilanz von "Körper": Es ist das meistgespielte und am weitesten gereiste Stück von Sasha Waltz' Compagnie.

Der Beton ist fast spürbar

Die Choreografin untersucht in ihrem Stück den menschlichen Körper, eigentlich ja der Rohstoff all ihrer Arbeiten, mit großer Nüchternheit: Es geht um "Organe, Knochen, Haut, Nervensystem, Blutbahnen", schrieb SPIEGEL ONLINE nach der Premiere. Das Thema Sex bleibt ausgespart - damit befasste sich Waltz im Folgestück "S". Die Bühne ist bei "Körper" ähnlich nüchtern wie der Blick; sie ist bis auf eine schwarze, im Raum stehende Wand leer, der runde, hohe Beton des ungewöhnlichen Theaterbaus ist mit seiner ganzen Macht sichtbar, fast spürbar. Dieses Konzept, Choreografie und Raum sichtbar aufeinander zu beziehen, hat Waltz später in ihren Arbeiten für verschiedene Museumsneubauten perfektioniert.

"Körper" war für die Choreografin aber auch in anderer Hinsicht eine Zäsur: Das Stück war ein großer Schritt in Richtung Abstraktion. Bekannt geworden war Waltz mit anekdotischen, leicht zugänglichen Stücken, zum Beispiel über das Leben im Plattenbau ("Allee der Kosmonauten"). Einigen Kritikern fehlte denn bei "Körper" auch das narrative Element, sie sahen die Inszenierung in Einzelteile zerfallen. Der "Tagesspiegel"-Autor Peter von Becker erkannte in der Arbeit aber auch die "radikale Verneinung gegen die Körperbilder der Werbung und Medien", ein "Theater der Biomechanik, cool, heftig, kalt".

Und selbst diejenigen, die Waltz auf ihrem neuen Weg partout nicht folgen mochten, mussten zugeben, dass "Körper" großartige Bilder bietet - etwa dann, wenn die 14 Tänzerinnen und Tänzer fast nackt in einen großen senkrecht aufgestellten Glaskasten kriechen, wenn ihre Leiber sich umeinander winden und an den Scheiben plattgedrückt werden. Wie große Reptilien in einem Aquarium ohne Wasser, von unheimlicher Intimität und Befremdlichkeit zugleich.

Es gibt nicht viele Theaterbilder, die man auch noch ein Jahrzehnt später vor Augen hat. Wer sein Gedächtnis auffrischen will - oder die Arbeit tatsächlich noch nicht gesehen hat -, sollte die Chance nutzen.


Körper. Zu sehen vom 26. bis zum 29.8. in Berlin, Schaubühne am Lehniner Platz, Tel. 030/89 00 23.



© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.