Botschafter des Vorurteils Hier steht ja ne Mauer, Alter!

Der Rapper Kollegah entdeckt in einer Dokumentation den Nahen Osten. Doch statt zu zeigen, dass Israelis und Palästinenser mehr verbindet als trennt, füttert er seine jungen Fans mit den altbekannten Vorurteilen.

Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland
AFP

Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland

Eine Kolumne von


Vermutlich lässt die Globalisierung viele so wuschig werden, weil sie Zusammenhänge deutlich macht. Der ungebremste Hunger des Westens auf frischen Fisch und neue Geräte erzeugt Ausbeutung und Armut in Afrika, dessen Bewohner sich dann auf den Weg zu uns machen, um überleben zu können. Crazy Shit, denkt sich der Mensch in der westlichen Welt, so genau wollten wir es doch gar nicht wissen. So genau wollten wir nicht erfahren, dass die meisten sich im Vollbesitz der einzigen Wahrheit wähnen. So genau wollten wir nicht wissen, wie schnell es geht, dass Nachbarn oder Familien sich zu hassen beginnen.

Seit einiger Zeit bin ich als mentale Friedensbotschafterin unterwegs, mein Ziel: Ruhe im Karton. Kurz denken vor dem Posten auf Twitter. Innehalten, ehe man wieder irgendeine Meinung raushaut. Ich gebe zu - es ist schwer, denn wir alle haben recht. Dachte sich auch der deutsche Rapper Kollegah und leistete seinen Beitrag zur Aufklärung der vermutlich meist jungen, meist männlichen Fans, passend zum Erscheinen seiner neuen Disc. Er begab sich in den Nahen Osten. Kollegah entdeckte, dass es eine Mauer gibt und palästinensische Kinder. Alter!

Die Villen in Gaza besuchte er nicht. Das Böse hinter der Mauer, dito. Man hätte erfahren können, dass es dort auch Kinder gibt, Armut, Palästinenser in der Regierung, und genauso viele Idioten wie auf der anderen Seite. Leute eben. Hätte man zeigen können, wäre aber nicht so schön polemisch gewesen. Wäre so kompliziert gewesen, wie die Geschichte von Israel eben ist. Und so entstand ein Beitrag, der vor allem zwei Funktionen erfüllt: Kollegah bekommt Street Credibility, und die jungen Fans werden mit Vorurteilen gegen Israel bis zur Hutschnur gefüttert. Ach, junge Jungs lassen sich so schön beeinflussen.

Die Welt ist so komplex geworden, dass sie uns um die Ohren fliegt

Kollegah hätte eines der zahlreichen Projekte für israelische und palästinensische Jugendliche besuchen und zeigen können, dass beide Seiten mehr verbindet als trennt, er hätte seinen Einfluss nutzen können, um zu sagen: Hey - mit Hass kommen wir nicht weiter. Eine brillante Maßnahme, um der Aggression gegen Juden und Jüdinnen zu begegnen, die in Deutschland in letzter Zeit eklige Ausmaße annimmt.

Aber das wäre irgendwie Opfersprech gewesen, oder? Zu langweilig, oder es hätte einen Shitstorm gegeben? Man weiß es nicht genau. Ich weiß nur, dass es einfacher ist, Dinge, die man als gegeben gespeichert hat, nicht zu hinterfragen. Die andere Seite nicht mitzudenken, weil es mitunter auch scheint, wie in ein Klo zu greifen. Muss ich Frau Storch begreifen, Frau Le Pen? Muss ich jetzt anfangen, mich in die emotionale Welt von Nahrungsmittelspekulanten zu versetzen?

Im Zweifel: ja. Es hilft vermutlich wenig, um eigene Vorurteile abzubauen, aber man lernt etwas. Begreift, dass die verdammte Welt so komplex geworden ist, dass sie uns scheinbar um die Ohren fliegt, begreift, dass es mehr Meinungen gibt, als die eigene, so unangenehm diese Erkenntnis sein kann. Manchmal hilft das Hinterfragen eigener Reflexe sogar, andere zu verstehen und ein bisschen zum globalen Hassabbau beizutragen.

Erinnern Sie mich bitte daran, wenn ich das vergesse.

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insgesamt 59 Beiträge
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gandhiforever 10.12.2016
1. Was verbindet?
Was verbindet Israelis und Palaestinenser? Nun, primaer ist es die geografische Naehe, das Wasser des Jordans z.B. Man koennte aber auch sagen, dass die Abhaengigkeit von den Entscheidungen der Regierung Netanjahu Israelis und Palaestinenser verbindet. Denn es ist die israelische Regierung, die die Macht inne hat, die seit Jahrzehnten mit allerlei Tricks versucht, die Westbank reif fuer eine Annexion zu machen. Im meinen augen verbindet das allerdings auf sehr fragwuerdige Art, weil die Intentionen der einen Seite die Rechte der anderen Seite massiv beschneiden. Das sollte man nicht schoen reden, denn es ist nicht schoen, auch wenn es "verbindet".
stefan.p1 10.12.2016
2. Frau Berg leugnet die Wirklichkeit
Es mag stimmen das es Projekte für israelische und palästinensische Jugendliche gibt aber wenn man zum ersten mal nach Israel fährt , ist man zunächst einmal überwältigt von der Überwachung durch Militär etc,. Als nächstes ist man schockiert wenn man sich die Grenze zum Gaza oder Westjordanland oder die innerhalb Jerusalems ansieht. Wie die Palästinenser von Israelischen Militär schickaniert werden. Das alles taucht in den deutschen Medien nur sehr dosiert auf - gehört aber in Israel zum traurigen Alltag. Ebenso das daraus resultierenden Mißtrauen und der Hass zwischen den beiden Völkern die auch an jeder Ecke zu spüren ist. Das ist die Wirklichkeit in Israel.
quark2@mailinator.com 10.12.2016
3.
Vielleicht haben sich einige in diesem Land schon zu sehr daran gewöhnt, daß sie es normal finden, wenn fremde Truppen auf eigenem Territorium stehen und fremde Mächte vorschreiben, in welche Richtung man zu laufen hat. Die Palästinenser haben aber keinen Weltkrieg begonnen und müssen es nicht für normal halten, daß die besseren Teile ihres ehemaligen Landes von fremden (Schutz-)Mächten "anderweitig verteilt" wurden. Ich kann jedenfalls sehr gut nachvollziehen, daß es ihnen nicht paßt und ich finde das Vorgehen der israelischen Regierungen über die Jahrzehnte schlicht inakzeptabel, egal wie man es auch zu rechtfertigen versucht. Und viele andere empfinden vermutlich wie ich, denn sonst gäbe es öfter mal ein Forum bei SPON zu diesem Thema und von der offiziellen Linie abweichende Meinungen könnten auch veröffentlicht werden.
romansynthie 10.12.2016
4. Applaus
Sie kennen Kollegah? Den Konvertit, der Musik für den Knast macht... Das Idol der Straße, der hauptsächlich junge Männer mit Migrationshintergrund anspricht? Was glauben sie wie gut sich seine Alben verkaufen wenn er nicht aus der Seele derer spricht die sein Leben finanzieren? Warum sollte er aufklären... Er ist Rapper.
chattagam 10.12.2016
5. na und?
Der Kerl hat keinen (politischen) Bildungsauftrag. Nur eben eine andere Sicht als Frau Berg. So what? Außerdem darf und will er sich keine Kunden/Hörer/Schmerzensgeldberechtigte verprellen durch eine Aussage, die bei der Zielgruppe nicht gut ankommt. Machen so Fritzen wie Westernhagen und Grönemeyer ja auch nicht anders. Nur ist es da wohl die "richtige" Meinung.
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