Eine Kolumne von Sibylle Berg
"Lass uns das mal ausdiskutieren" war das "nachhaltig auf Augenhöhe" des letzten Jahrtausends. An Holztischen wurde gequatscht bis zum Morgengrauen, Lösungen gab es selten. Denn Diskussionen dienen meist nur dazu, einen anderen von seiner Meinung zu überzeugen, was bei der Mindestbeteiligung zweier Diskutanten bereits problematisch ist.
Heute wird selten viel Zeit vertrödelt, für Tische ist kein Platz, in der überfüllten Welt. Auseinandersetzungen finden vornehmlich im Netz, in der demokratischen Freiheit des Internets statt. In dem man auch immer wieder auf gruppenbezogenen Menschenhass (Tolle Formulierung. Habe ich aus dem Netz geklaut. Danke, liebe Urheberrechtsgesetzgegner und Beinbruch allen Abmahnanwälten. Wobei diese Aussage vermutlich schwer abmahnpflichtig ist) trifft.
Leider ist dem, seit der Erfindung der Worte "Nazi- und Antisemitismuskeule" schwer zu begegnen. Wie widerspricht man einem Nazi politisch korrekt, wie diskutiert man mit Ausländerfeinden, die doch nur mal die Wahrheit zu (bei Zutreffendem leise nicken) dem Islam, den Juden, den Roma, den Türken, den Ostblocklern, den Russen, den Religiösen und den Anderen sagen wollen und bitte nicht mit Keulen unterbrochen werden möchten.
Das bedeutet: Theoretisch verbietet sich jeder warnende, scharfe Ton, jeder Vergleich mit faschistischen Strömungen oder Verweisen zur Nazizeit, der deutschen Spielart des Faschismus. Denn das würde einen sofortigen Abwehrreflex des Kritisierten erzeugen und das Ende der Diskussion bedeuten. Eine schlüssige Begründung liefert Autor Stadler in einem Beitrag zu einer aktuellen Debatte.
Will man einem, der gegen Menschengruppen hetzt, zum Einhalten bewegen, sollte man als Kritiker seine Worte unbedingt sorgsam wählen. Vor allem aber sollte man sich bemühen, zu verstehen. Kein Ding, wenn man sich nur ein bisschen Mühe gibt.
Der Veränderung der Welt mit Gelassenheit zu begegnen, erfordert eine immense Anstrengung. Selbst wenn das eigene Leben von außen als vergeigter Lebensentwurf bezeichnet werden kann, hängt man doch an ihm. Man hat ja nur den einen. Je schneller die Welt zusammenwächst, Einwanderer nach einer besseren Zukunft oder Universitäten nach guten Professoren suchen, heißt es Abschied von Gewohntem zu nehmen.
Vorbei die Zeiten, in denen ein Land seine Grenzen geschlossen und die Sprache rein halten konnte. Wo man hinschaut: thailändische Ehefrauen, türkische Tour-Veranstalter, chinesische Ärztinnen, mongolische Restaurants, Mate. Kurz, die Überfremdung (von den Schweizern geklaut) droht, unsicher wird der Eingeborene und hat doch eine große Angst vor Unbekanntem. Es könnte den Tod bedeuten.
Und dann dreht er durch, der Mensch, in der Panik, seine Kultur zu verlieren und die Wurzeln. Und schon brennen Asylantenheime. Unterlassen wir abgenutzte Nazivergleiche, dieses ermüdende Wehret-den-Anfängen-Gelaber. Das macht den Ausländerfeind, den Hasser der Moderne, nur trotzig und bestätigt ihn. Verstehen wir den Fundamentalisten, streicheln wir den Nationalisten, es ist nur einer, der Angst hat und um Hilfe ruft.
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