S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Fräulein von Klönhof macht sich frei
Immer wieder ziehen sich junge Damen für Herrenmagazine aus. Wenn gar nichts mehr geht - der "Playboy" geht immer, möchte man abschätzig meinen. Und verkennt dabei, worum es wirklich geht: um die Selbstbestimmung der Frau.
Die Familie sitzt am Kaminfeuer, im Hintergrund die Serenade Nr. 2 g-Moll op. 69 b von Sibelius, es schneit. Ulrike von Klönhof erhebt sich, wie es ihrer Erziehung geschuldet ist, mit langsam fließenden Bewegungen. Schaut, hebt sie nach ihrer Rückkehr zum Tisch aus polierter Feuerlandkirsche an, hier habe ich euch mein Vermächtnis an die Welt zu zeigen. Die junge Gräfin, die sich nicht um ihren Titel schert, allein eine Verpflichtung spürt sie da der Welt gegenüber, legt das Herrenmagazin auf den Tisch. Es sollte Kunst sein, ich wollte nichts Normales.
Die Familie beugt sich über die Aktaufnahmen der jungen Frau. Sehr ästhetisch, hier stehen deine Nippel ein wenig zu sehr ab. Aber, eindeutig, es ist Kunst, raunt der Vater. Nichts, wofür man sich schämen muss. Da ist doch nichts zum Schämen am nackten Körper, so sind wir doch geboren, pflichtet Ulrike, die Professorin für angewandte Kybernetik ist, bei.
"Wenn Frauen nicht mehr wissen, was sie tun sollen, ziehen sie sich aus, und das ist wahrscheinlich das Beste, was Frauen tun können." Sagte Samuel Beckett, sagt auch Ulrikes Großvater, schelmisch. Er mag die Bilder. Und die Vorstellung, sich später auf dem Urinal beim Anblick seiner Enkelin an seine Testikel zu greifen, die mag er auch.
Die kann ich mal meinen Kindern zeigen, sagt Ulrike und denkt an die kleinen, rotbäckigen Racker. Vielleicht wird ein Mädchen dabei sein, das mit dem Erreichen der Geschlechtsreife auch so schöne, ästhetische Aktkunstfotos von sich würde machen lassen. Dann lägen sie nebeneinander, Mutter und Tochter, mit ihren schönen, nackten Nippeln. Und hätten es geschafft.
Ulrikes Mutter ist ein wenig skeptisch. Beim Einschenken des Tees fragt sie behutsam, um die Gefühle der Tochter nicht zu verletzen, aber Kind, war das denn nötig? Du bist doch Geisteswissenschaftlerin, und du weißt, was Männer mit solcherlei Zeitungen machen. Dabei blickt sie, von einem unklaren Impuls getrieben, zu ihrem schmunzelnden Vater.
Nein, Mutter, sagt Ulrike von Klönhof, diese Zeitungen werden vornehmlich wegen der interessanten Textbeiträge gekauft von durchaus kultivierten Männern. Es ist eine Ehre, zwischen Artikeln von Nobelpreisträgern abgebildet zu werden. In diesen unvergleichlichen Kunstfotos, die die Ästhetik des weiblichen Körpers vorzüglich zeigen. Weißt du, sagt Ulrike und blickt zu ihrer Mutter, ich bin jung, mein Körper ist schön, und später werde ich ihn nicht mehr herzeigen können. Selbst Voltaire sagte: Die Frau ist ein menschliches Wesen, das sich anzieht, schwatzt und sich auszieht.
Der Vater nickt. Der Baron weiß um die Freuden, die ein Weib zu verschaffen mag. Allerdings nicht seine Gattin, die ist intellektuell und verklemmt, was nach Meinung des Barons einander bedingt. Ich finde, sagt Ulrike, die 22-Jährige, forsch, eine Frau kann zeigen, was sie hat. Es geht doch ums Frausein, um die Schönheit des Körpers.
Ja, stimmt der Großvater ein, Frauen und Pferde sind unvergleichliche Geschöpfe. Damit war alles gesagt. Die Familie beugte sich über die Kanapees.
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- Samstag, 21.04.2012 – 11:20 Uhr
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Sibylle Berg lebt heute in Zürich. Sie hat bislang zwölf Bücher veröffentlicht. Ihr aktueller Roman "Vielen Dank für das Leben" (im SPIEGEL-Shop...) wird gerade ins englische und französische übersetzt. Die zwölf Theaterstücke von Sibylle Berg werden an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland gespielt. Seit ihrer letzten Co-Regie ("Angst reist mit") im Staatstheater Stuttgart ist sie Teil des Regiekollektivs Berg & Förster.- Homepage von Sibylle Berg
- Buchtrailer "Vielen Dank für das Leben"
- Autorenseite des Hanser Verlags
- Sibylle Berg auf Twitter
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