S.P.O.N. - Der Kritiker Wahrheit in der Tat

Die Not hat ihn zum Denken gebracht. Bald wäre Albert Camus hundert Jahre alt geworden, doch seine Fragen sind die gleichen, die sich heute Edward Snowden stellt: Was sind Lüge und totale Kontrolle - und was tue ich dagegen?


Albert Camus ist der Edward Snowden der Philosophie. Er weiß, dass er nichts tun kann, also tut er es.

Wer das heute noch absurd nennt, der verharmlost Camus' Philosophie der Tat - eine Radikalität, die auch Snowden befeuerte. Denn absurd ist ein Wort, das schlecht gealtert ist. Es bedeutet nichts mehr. Es klingt nach Clownerie. Nach Ausweglosigkeit, Ratlosigkeit, Sinnlosigkeit.

Aber das Gegenteil meinte Camus. Der Mensch ist allein, und die Welt ist fremd, und der Mensch ist ein Fremder in ihr. Das ist keine gute Nachricht, aber auch keine schlechte. Nennen wir es erst einmal Freiheit. So ist der Anfangspunkt von Camus: Was bleibt in der fremden Welt, ist die Tat. Sie alleine hat Bedeutung. Sie alleine schafft sich Wahrheit, Gesetz, Begründung.

Es ist eine Philosophie des Engagements, die daraus entsteht, ohne ideologisches Geländer, ohne ethisches Erbe, nackt und roh und in jedem Moment neu. Denn der Mensch, schreibt Camus in "Der Mythos des Sisyphos", "fühlt in sich sein Verlangen nach Glück und Vernunft. Das Absurde entsteht aus diesem Zusammenstoß zwischen dem Ruf des Menschen und dem vernunftlosen Schweigen der Welt".

Ein früher Whistleblower

100 Jahre wäre Camus am 7. November geworden, 100 Jahre ermöglichen im schematischen Tamtam der Jahrestage immerhin einen Vergleich, einen Blick auf die Zeit, die auch unsere Zeit ist: Was ist Not, was ist Unterdrückung, was sind Lüge und totale Kontrolle - und was tue ich dagegen?

Denn Camus war ja zuerst einmal ein Gerechtigkeitsfanatiker. Er begann als Journalist, sein erster wichtiger Text war die Reportage über "das Elend der Kabylen", erschienen im Juni 1939 in der Zeitung "Alger Républicain". "Eines Morgens", so beginnt Camus seinen Bericht aus dieser Gegend im Nordosten Algeriens, "sah ich in Tizi-Ouzou ein paar Kinder in Lumpen, die sich mit kabylischen Hunden um den Inhalt eines Abfalleimers stritten".

Es war die Not, die Camus zum Denken brachte - heute wären es die Leichen von Lampedusa oder die Toten von Niger, 92 Männer, Frauen und Kinder, verdurstet auf dem Weg dorthin, wo sie die Freiheit vermuteten.

Camus musste Algerien verlassen, nachdem sein Text erschienen war, er hatte die Wahrheit gesagt, das war zu viel. Ein Whistleblower. Was sich später im Begriff der Revolte bündelte, beginnt hier - eine Abkehr von allen Sinnsystemen, Ideologien und den Wahrheiten, die allzu übermächtig und von außen in die Welt hineinragen und den Menschen in die Passivität stoßen, weil es Wahrheiten sind, die er nicht selbst geschaffen hat.

Scheitern, Aufgeben, Resignation ist keine Option

Seine Freiheit aber ist eine andere: Der Mensch kann nichts erreichen, sagt Camus, aber er ist der Herr seiner selbst. Das ist der harte, fast grausame Humanismus seiner Philosophie.

Er ist frei von Sentimentalität, er ist auch frei vom Glauben an das Gute, weil das ein Versprechen ist, das auf die Zukunft verweist - "es gibt aber kein Morgen", schreibt Camus, und auch das ist ein Akt der Befreiung.

Denn was wir tun können, können wir nur heute tun, "hic et nunc". Die Tat mag dabei willkürlich erscheinen, wie der Mord von Meursault in "Der Fremde", sie mag sogar unmoralisch erscheinen - aber das Gesetz, von dem Camus erzählt, ist etwas, das in jedem Moment und von jedem Menschen neu erfunden werden muss: Das ist der anarchische, aber auch der emanzipatorische Kern von Camus' Philosophie.

Er war ein Kämpfer gegen die Macht, die immer größer ist als man selbst: Und weil Erfolg unmöglich ist, ist Scheitern, Aufgeben, Resignation keine Option.

Das bedeutet der berühmte Satz, dass wir uns Sisyphos als "glücklichen Menschen" vorstellen müssen, der sich von der Lüge befreit hat, die ihn vom klaren, direkten Blick auf die Welt abgehalten hat - und so müssen wir uns vielleicht auch Snowden als glücklichen Menschen vorstellen.

Glücklich im Sinne von Camus: Snowden hat das "vernunftlose Schweigen der Welt" gebrochen.

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
pi26 01.11.2013
1. Und als das vernunftlose Schweigen...
brach, wurde fast nur vernunftloses Geschwätz offenbar - jedenfalls ist die Handlung immer noch weit oberhalb des Redens.
califactor 01.11.2013
2. Deutungshochheit
Zitat von pi26brach, wurde fast nur vernunftloses Geschwätz offenbar - jedenfalls ist die Handlung immer noch weit oberhalb des Redens.
Vermeintlich absurde Handlungen werden gemeinhin als Symptome psychischer Erkrankungen gedeutet und "behandelt". An sich ist es auch nicht unbedingt eine falsche Sicht, nur richtet sich die Therapie nicht gegen den/die Erreger, sondern GEGEN die Symptomträger. Der Mensch sollte sich Gedanken über die Frage eines artgerechten Menschenlebens machen, obwohl auch die Sorge um die Hühnerkäfighaltung, bzw. Massentierhaltung im Allgemeinen ihre Berechtigung hat.
suckylucky 01.11.2013
3.
Beruht die Welt auf einem Trugbild in Bezug auf den gesunden Menschenverstand?
marcuspüschel 01.11.2013
4. lassen wir das
Dieser Ansatz von Camus ist etwas beliebig. Selbst gezielte Tötungen mittels Drohnen können sich darauf stützen, sogar vielmehr als Snowdens flüstern. Und Sisyphos selbst, das Oberschlitzohr, ist bestimmt nicht glücklich mit seinem Felsbrocken. An anderer Stelle verglich jemand den Herrn Snowden mit Prometheus. Die Geschichte passt schon besser, und hat nach langem Elend sogar ein Happy End gefunden dank Herkules - der heute von Ströbele gespielt wird. Also lassen wir einfach diese Vergleiche.
pi26 01.11.2013
5.
Zitat von califactorVermeintlich absurde Handlungen werden gemeinhin als Symptome psychischer Erkrankungen gedeutet und "behandelt". An sich ist es auch nicht unbedingt eine falsche Sicht, nur richtet sich die Therapie nicht gegen den/die Erreger, sondern GEGEN die Symptomträger. Der Mensch sollte sich Gedanken über die Frage eines artgerechten Menschenlebens machen, obwohl auch die Sorge um die Hühnerkäfighaltung, bzw. Massentierhaltung im Allgemeinen ihre Berechtigung hat.
Dabei unterscheiden wir aktuell im wesentlichen zwei Artgerechtheiten - die Passivierten und Passivierenden. Tatsächlich sind ab einer bestimmten technischen Entwicklungsstufe Radikale aus beiden Gruppen gefährlich, indem sie die Technik missbrauchen respektive sich missbrauchen lassen. Die nun offenbare Passiviertheit muss daher von einer Minderheit gebrochen werden, was demokratisch eben paradox ist.
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