S.P.O.N. - Der Kritiker Lustfeindlich und selbstgerecht

Der Feminismus, wie ihn Alice Schwarzer propagiert, ist ein neokonservatives Bestrafungsfest: Er lässt es nicht zu, dass Frauen und Männer selbst entscheiden, was sie mit ihrem Körper tun und wie sie mit ihrer Lust umgehen.

Eine Kolumne von


Alice Schwarzer ist eine Feindin der Freiheit. Sie ist herablassend, sie ist manipulativ, sie duldet keinen Widerspruch und hat deshalb auch kein Gespür für das, was Menschen ausmacht, in ihren Widersprüchen, in ihrem Wesen.

Bei der Debatte über Prostitution hat sie das gerade mal wieder gezeigt - sie hat Menschen den Mund verboten, die nicht ihrer Meinung waren, sie hat öffentlich über jüngere Frauen gelästert, die es wagen, einen eigenen Kopf zu haben und sich eigene Antworten auf die schwierigen Fragen zu suchen, die Schwarzer so gern mit einem wütenden Federstreich klärt.

Sie liebt es eben, die Welt in Gut und Böse zu unterteilen, in Opfer und Täter, im Zweifelsfall in Frauen und Männer. Sie hat ein manichäisches Weltbild, gerade mit Blick auf die Sexualität der Menschen und alles, was damit zusammenhängt - so ein Weltbild führt leider dazu, dass man das, was man nicht mag, duldet oder will, am liebsten verbietet.

Was soll denn die Kriminalisierung der Lust bringen?

Und so steht in diesem Fall Regelwahn gegen Realismus, was in der Debatte um Prostitution zu sehr unangenehmen Konsequenzen führt - gerade wenn es darum geht zu beschreiben, was ein Mensch ist und was ein Mensch tut: Und darum geht es beim Sex nun mal.

"Wie eigentlich wirkt sich allein die Möglichkeit zum Kauf der Ware Frau auf das Begehren der Männer aus", fragte Schwarzer in ihrem Text vergangene Woche in der "Zeit". "Wie begegnen Freier ihren Freundinnen und Ehefrauen? Und welche Blicke richten sie auf Kolleginnen und Nachbarinnen?"

Und wie begegnen Männern ihren Frauen, wenn sie sie betrogen haben? Und wie begegnen Frauen ihren Männern, wenn sie sie betrogen haben? Und wie reden Männer und Frauen über Begehren? Und wie akzeptieren sie das Begehren? Und wie regeln sie das Begehren auf ihre Art?

Aber solche privaten Überlegungen mag, duldet Alice Schwarzer nicht. Sie passen nicht in ihr Weltbild. Sie drängt sich lieber in die Schlafzimmer der Menschen. Sie hält eben alles Private für politisch, das war das Mantra von 68 - und zerrt das Private in die Politik, bis es nur noch eine leere Hülle ist, auf der sie wütend herumtrampeln kann.

In Frankreich war das eines der wichtigsten Argumente gegen das neue Prostitutionsgesetz: Der Staat hat sich gefälligst nicht in die privatesten Dinge einzumischen, das war die Position des Leitartikels von "Le Monde", das war die Position der feministischen Philosophin Elisabeth Badinter - wie soll denn auch, das ist der Kern des am Mittwoch verabschiedeten französischen Gesetzes wie auch der überraschend angeschobenen deutschen Gesetzesinitiative der nicht nur in diesem Fall sehr korporatistisch agierenden großen Koalititon, wie soll denn auch die Kriminalisierung der Freier eine Lösung sein, was soll denn die Kriminalisierung der Lust bringen?

Sie zwängt die Welt in den Schraubstock ihres Denkens

Es gibt ja Gesetze - gegen Verbrechen wie Menschenhandel, gegen Freiheitsberaubung, gegen illegale Einwanderung. Der Ruf nach "mehr Polizei", wie das in der "Frankfurter Allgemeinen" gefordert wurde, zeigt nicht nur die grassierende Verbotsfreude unserer Zeit, es zeigt auch gleich mit wörtlichem Zitat die Selbstgerechtigkeit der Verbotsfreunde.

"Strafe hat nicht in erster Linie die Funktion, das Verhalten der Täter zu ändern", schreibt Jürgen Kaube, "sondern das Weltbild derjenigen zu festigen, die (noch) nicht so handeln."

Also, da steht es ja, es geht nicht um Verbrechen, sondern um Moral. Und hier fängt der Übergang eben an von einem Rechtsstaat, der die Freiheiten sichern soll, zu einem Verbotsstaat, der den Menschen vorschreibt, wie sie denken und handeln sollen, wie sie lieben, betrügen, Sex haben sollen.

Und Alice Schwarzer ist da mit an Bord bei diesem neokonservativen Bestrafungsfest, sie zwängt die Welt in den Schraubstock ihres Denkens, was zu durchaus demagogischen Volten führt - wenn sie etwa, wie in der "Zeit", die Debatte über Prostitution mit der Debatte über Pädophilie verbindet und es in drei Sätzen schafft, gleichzeitig die Motive für den Missbrauch an Kindern fast sträflich zu vereinfachen und Männer wie Frauen zu willenlosen Wichtwesen zu degradieren.

"Der Griff zum Kind, einst dunkles Herrenrecht, ging nun ganz öffentlich weit über die zwanghaften Pädophilen hinaus und war zum Massenphänomen geworden", schreibt sie in dem Text in der "Zeit", in dem auch ein zwielichtiger Zausel namens "Zeitgeist" sein Unwesen treibt. "Der verunsicherte Mann wich seiner zu emanzipierten Frau aus, indem seine Sexualobjekte immer jünger und damit immer naiver wurden. Die Motive der Männer, die zu Prostituierten gehen, sind ähnlich."

Kein Platz für autonome, freie Menschen

Demnach wäre die Emanzipation für die Pädophilie mitverantwortlich, doch das wird selbst Alice Schwarzer nicht behaupten. Was dieser Text aber vor allem zeigt: In ihrem Denken ist kein Platz für autonome, freie Männer und autonome, freie Frauen, für Menschen, die entscheiden, dass sie selbst tun, was sie wollen - und das ist es auch, dieses Weltbild, das besonders die von Schwarzer so weggewischten Postfeministinnen stört.

Schwarzer, schreibt etwa Meredith Haaf in der "Süddeutschen Zeitung", tut damit das, was eigentlich nur echte Chauvinisten tun: Sie reduziert die Frauen auf ihren Körper, und "eben dieses Denken motiviert seit Jahrtausenden die Marginalisierung von Frauen, deren Sexualität nicht sittenkonform ist", wie Haaf schreibt. "Dieses Denken motiviert Mullahs in Saudi-Arabien, Frauen nicht ohne Niqab auf die Straße zu lassen. Dieses Denken motiviert christliche Fundamentalisten, Enthaltsamkeit zu fordern und gegen Abtreibungsrechte zu kämpfen."

Es mag ja sein, dass Alice Schwarzer in einer spezifischen historischen Situation ihre Wirkung hatte - obwohl der Monopolismus ihrer Moral und ihre nicht mal latente Lustfeindlichkeit auch in den siebziger Jahren oft schwer erträglich gewesen sein dürfte.

Von heute aus gesehen ist das Erbe ihres Feminismus bleiern. Es ist eine Schule der paternalistischen Herablassung.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 237 Beiträge
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Seite 1
vandertheken 06.12.2013
1. Die reine Wahrheit
DANKE danke danke. Für diese selten klare und wahre Analyse. Dafür werden Sie im deutschen Journalismus wahrscheinlich öffentlich als Ketzer verbrannt werden, weil Sie ein Denkverbot durchbrachen, aber - es ist die Wahrheit. Bleibt zu hoffen, dass in dieser Frage vielleicht einmal die Vernunft siegt und keine laute schrille Lobbygruppe. Bleibt zu hoffen, dass wir irgendwann einmal die Gleichberechtigung anstreben, anstatt es als Gleichmachung oder maskuline Benachteiligung zu verstehen.
hschmitter 06.12.2013
2. Es lohnt sich nicht
über diese Frau ein Wort zu verlieren, allenfalls über ihren erschreckenden Einfluß auf die gegenwärtige Politik. Früher hat man Nina Hagen in Talkshows eingeladen, wenn man Krawall haben wollte, heute ist das Alice Schwarzer. Ernst nehmen tut sie doch keiner mehr.
hemithea 06.12.2013
3. Junge Frau
Danke! Der Autor trifft größtenteils meine Gedanken! Auch für mich scheint dieses Thema zu komplex zu sein, als nur "gut" und "böse", "Opfer" und "Täter". Ich bin jetzt mit 22 irgendwie mitten drin in der Diskusion über Frauenquote, Geschlechterdiskriminierung und der seltsamen Genderstudien. Es ist ja wichtig, Misstände, die noch existieren und/oder sich aufzeigen, zu erkennen und beseitigen. Aber auf Biegen und Brechen, irgendwie nicht zu Ende gedachte Regelungen, Verbote, Gesetzen durchzusetzen scheint mir nicht der richtige Weg zu sein. Frau Schwarzer verstehe ich nicht. Ohne ihre Verdienste abzusprechen, aber ich fühle mich nicht von Ihr Vertreten.
Ty Coon, 06.12.2013
4.
Zitat von sysopDer Feminismus, wie ihn Alice Schwarzer propagiert, ist ein neokonservatives Bestrafungsfest: Er lässt es nicht zu, dass Frauen und Männer selbst entscheiden, was sie mit ihrem Körper tun und wie sie mit ihrer Lust umgehen. Kolumne von Georg Diez über Alice Schwarzer - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-georg-diez-ueber-alice-schwarzer-a-937575.html)
Alice Schwarzer steht halt für einen belehrenden, moralisierenden Steinzeitfeminismus, den die Gesellschaft nicht mehr braucht. Wir sind längst im Postfeminismus angekommen, nur die "Emma" noch nicht. Beate Uhse hat das Nachkriegsdeutschland nachhaltiger verändert als Frau Schwarzer, und das ganz ohne erhobenen Zeigefinger.
Hjorvar 06.12.2013
5. ...
Also ich bin ja nicht unbedingt ein Fan von Frau Schwarzer (macht sie einem als Mann ja auch nicht leicht). Aber was jetzt von den Prostitutionsbefürwortern gerne übersehen wird: Prostituierte ist kein Beruf wie Bäckereifachverkäuferin oder Vertriebsdirektorin, den gesunde Frauen aus gutem Elternhaus als ernsthafte Berufs-/ Karrierealternative wählen. Sich zu prostituieren hat zu sehr großen Teilen einen verzweifelten Hintergrund, und selbst wenn (!) eine junge Frau das ihrem eigenen Denken zufolge "just for fun" und wegen der (teilweise) guten Verdienstmöglichkeiten macht hat das meistens mit einer kaputten Familie, Drogen, Kriminalität, Abhängigkeit etc. zu tun. Natürlich finden sich Prostituierte, die jetzt laut rufen "Mein L... gehört mir!", aber das kann man wohl unter (notwendiger) Bestätigung der eigenen Lebensentscheidungen verbuchen. Falls sich hier Frauen finden, die sich aus einer Auswahl mehrere relevanter Berufsoptionen nach Abwägung der jeweiligen Vor- und Nachteile für eine Karriere als Prostituierte entschieden haben, bitte ich um Meldung. Das würde mich wirklich interessieren, wie es dazu gekommen ist.
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