S.P.O.N. - Der Kritiker: Aufstand der Zombies

Eine Kolumne von Georg Diez

Grundsteinlegung am Berliner Stadtschloss: Der geistige Schaden ist vollzogen, der finanzielle kommt noch Zur Großansicht
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Grundsteinlegung am Berliner Stadtschloss: Der geistige Schaden ist vollzogen, der finanzielle kommt noch

Das eine Baudesaster ist noch nicht bewältigt, da stürzt sich Berlin ins nächste: Das Stadtschloss wird gebaut, und schon jetzt zeigt sich, dass es das Reden und Denken über die Hauptstadt auf Jahre vergiften wird.

Der Witz geht so: Kommt ein Mann zur Demokratie und sagt: "Ich will ein Schloss bauen." Sagt die Demokratie: "Aber ich bin doch keine Monarchie." Sagt der Mann: "trotzdem". Sagt die Demokratie: "Aber ich weiß doch gar nicht, was wir mit einem Schloss machen sollen." Sagt der Mann: "trotzdem". Sagt die Demokratie: "Aber ich habe auch gar kein Geld." Sagt der Mann: "trotzdem". Sagt die Demokratie: "Vergiss es!" Und natürlich wird das Schloss gebaut.

Der Witz geht aber noch weiter. Denn das Schloss ist erst der Anfang. "Berlin soll wieder wilhelminisch werden", sagt der Mann, von Boddien heißt die Nervensäge, und die Demokratie zuckt nur ratlos mit den Schultern. "Berlin soll wieder wilhelminisch werden", sagt auf einmal auch die Berliner SPD, Stöß heißt der Hoffnungsträger, der das sagt, er ist nicht mehr jung und doch nicht weise, so wie die SPD nicht mehr links ist und auch nichts anderes.

Dem Mann, der Stöß heißt und von der Partei kommt, die sich mal um anderes gekümmert hat als um Repräsentationsfragen einer restaurativen Republik, um Arme zum Beispiel oder Arbeiter oder wenigstens Angestellte, diesem Mann geht es um einen Ort, an dem ein paar Bäume stehen und das Denkmal von Marx und Engels. Das ist natürlich gefährlich. Bäume. Marx. Engels. Gegenüber von dem Schloss, das sich unsere Demokratie baut, um zu tun, als sei nichts gewesen?

"Weg mit dem Freiraum", sagt der Mann, "her mit den Häusern. Hier soll sie wieder sein, die, tatam: historische Mitte von Berlin."

Ach ja? Und was ist als Nächstes dran? Der Fernsehturm? Warum den nicht eigentlich auch gleich abreißen? Den Palast der Republik haben sie ja schon weggekriegt, das war auch bitter nötig: Denn so ein Symbol für deutsche Feigheit und Opportunismus mitten in der neuen, schönen, tapferen Hauptstadt, wo heute alle irgendwie von Moltke heißen und am 20. Juli 1944 geboren wurden, das darf wirklich nicht sein.

Der geistige Schaden ist vollzogen, der finanzielle kommt noch

Ein ganzes Viertel wollen sie also an der Spree wieder aufbauen, obwohl überhaupt nicht klar ist, wem die Grundstücke gehören, auf denen sie bauen wollen, aber das ist ihnen egal. Sie wollen sogar die IBA 2020, die Internationale Bauausstellung, die doch für fortschrittliches Bauen gedacht ist, kapern, so plant es SPD-Stöß - um ausgerechnet hier, wo doch ein Raum wäre für alle Bürger, ausgerechnet Wohnungen zu bauen für wenige.

Eine IBA sollte die Stadt neu denken. Was macht Berlin daraus: Die Stadt alt denken.

Schon zeigt sich also, dass das Stadtschloss, das jetzt gebaut wird, das Reden und Denken über Berlin auf Jahre vergiften wird: Das Neue hat es schwer, das Alte triumphiert. Die "Süddeutsche Zeitung" etwa, auch irgendwie mal links-liberal, hat bereits in einem kuriosen Akt der feuilletonistischen Selbstentleibung den Grundstein freundlich beklatscht. Der geistige Schaden ist also vollzogen, der finanzielle kommt noch.

Denn wie diese Stadt baut, das wissen wir. Aber schon jetzt wird viel Geld verschwendet, ein paar Millionen immerhin, die gebraucht werden für die Entwicklung eines Konzepts für das Schloss, das niemand braucht - gerade wurde das Konzept vorgestellt, zum allgemeinen Achselzucken: Dafür also gibt es Geld, das auch sehr gut anders verwendet werden könnte, für darbende Berliner Kulturinstitutionen wie die Tanzkompanie von Sasha Waltz oder die Kunst-Werke. Aber wer braucht schon eine komplizierte Gegenwart, wenn er sich eine heile Vergangenheit kaufen kann?

Und weil sie merken, dass die Stimmung gerade gut ist, kriechen auch all die Retrorhetoriker aus ihren Kellern, die im Herzen nur Steine haben und statt einem Hirn ein Lineal, sie waren weg die lustigen Nullerjahre über, die Stimmanns und Kollhoffs und Kleihues, als Berlin eine herrliche, lebendige, wilde Stadt zu werden drohte, und nun poltern sie wieder herum, die Herren Architekten, als sei es immer noch 1993 und ein Hohenzollern-Dorf aus Pappmaché der letzte Schrei.

Die Demokratie wurde nicht gefragt

Es ist ein wahrer Zombieaufstand, den Berlin da gerade erlebt. Untote Ideen kommen ans Licht, ewige Wiedergänger wie die leidige Traufhöhe, das sogenannte Ensemble, all die Kampfworte aus dem Kalten Krieg des Bauens, der ausgetragen wurde, nachdem die Mauer gefallen war und doch die Demokratie mal hätte gefragt werden können, was ihre Form ist, was ihre Schönheit ist, was sie will und verlangt, Offenheit vielleicht und Orte für alle und eine echte Bürgerlichkeit.

Aber stattdessen: Adelsarchitektur, DDR-Exorzismus, Preußen-Protz. Das Ganze wirkt so, als sei Nico Hoffmann Stadtbaudirektor.

Es ist grotesk: Berlin hat das eine Baudesaster noch nicht mal wirklich verstanden, da wird schon das andere Baudesaster in Angriff genommen. Chuzpe haben sie.

Und natürlich kam in dieser Woche nicht nur die Nachricht, dass am Flughafen alles viel schlimmer ist, als gedacht, es kam auch die Nachricht, dass Wowereit, der alte Chaos-Bruder, weiter regieren will.

Was für ein Wahnwitz.

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insgesamt 275 Beiträge
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    Seite 1    
1. grandios
Notion 14.06.2013
Im Spiegel habe ich lange nicht mehr eine so schöne Glosse gelesen. Und sie spricht mir aus dem Herzen.
2. Spitzenidee...
fridolinkiesewetter 14.06.2013
als wenn man so ein Ding dort brauchen würde. Von der freiheitlich-demokratischen DDR-Regierung gesprengt sollte man dort viel eher ein Mahnmal gegen totalitäre Regime errichten oder ein Museum. Aber ein bischen Disneyland kann in Berlin nicht schaden ...
3.
SohnDesMars 14.06.2013
Von mir aus können Sie rechthaben; wir bauen das Schloss trotzdem. Nicht, weil der Adel oder irgend ein anderer Geist aus seinen muffigen Gruften auferstehen soll, sondern, weil es schön ist - viel schöner als all die Zombiearchitektur, die Sie, Herr Diez, mit Ihrem Artikel propagieren.
4. Luftschloßschreiber schreibt Schloß nieder...
wtawfit 14.06.2013
Luftschloßschreiber schreibt Schloß nieder...
5. Hetze …
kaitou1412 14.06.2013
Es ist nur ein Gebäude, was mal ein Schloss war und im Krieg zerstört wurde. In Dresden wurde dieses Religionsding, was auch nicht Teil einer Demokratie ist, wieder aufgebaut und niemand hat sich beschwert. Außerdem gibt es Nutzung. Und im Endeffekt kann man froh sein, dass im Land Arbeit geschaffen wird. Die ganzen Bauarbeiter und ihre Familien bekommen was zu essen. Aber ja, bauen wir lieber nichts da hin und verzocken das Geld an der Börse, wovon vlt alle nur Schaden nehmen oder nur eine hand voll Leute profitieren. Das Schloss wird sicherlich gut angenommenens Touristenziel werden so direkt neben Dom und anderem Zeugs. Und Touristen bringen Geld in die Stadt …
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Georg Diez

Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).

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