Eine Kolumne von Georg Diez
Und wieder daneben. Ich hatte ja auf Herbert Achternbusch getippt, im Grunde schien es fast zu offensichtlich: Es hat schon lange kein Bayer mehr den Literaturnobelpreis gewonnen - noch nie, wenn wir ehrlich sind; Achternbuschs Werk ist ziemlich vergessen, was manchmal hilft; und gerade "Die Alexanderschlacht", "Das Ambacher Exil" oder "Das Buch Arschi" sind Bücher, in denen dieser Autor "mit halluzinatorischem Realismus Märchen, Geschichte und Gegenwart vereint" - mit einer "Mischung aus Phantasie und Wirklichkeit, aus historischen und sozialen Perspektiven" hat Achternbusch in seinem Werk eine "Welt erschaffen, die in ihrer Komplexität an William Faulkner und Gabriel García Márquez erinnert".
So haben das die Leute aus Stockholm gerade im Fall von Mo Yan formuliert, und das trifft natürlich auch auf den großartigen Chuck Palahniuk zu, der in "Fight Club" gezeigt hat, wie eine diabolische Phantasie aus der Wirklichkeit des Kapitalismus ein paar prügelnde Zombies entspringen lässt, und in "Das letzte Protokoll" und "Guts" eine Welt der Komplexität entworfen hat, die einigen Leuten ganz buchstäblich den Atem raubte, amerikanische Kritiker bezeichnen das als "transgressional fiction": Dieses Mal gehörte Palahniuk nicht zu den Nobelpreis-Favoriten - wie auch?
Es ist ja seit 112 Jahren das gleiche Spiel. Die einen sagen: Literatur - und meinen den "besseren Menschen". Die anderen sagen: Literatur - und meinen den "schlechteren Menschen". Die Nobelpreiser verstehen sich auf Weltverbesserung, das liegt schon im schlechten Gewissen des Spenders begründet. Wer sich also immer noch wundert, warum Philip Roth den Preis nicht bekommt oder Thomas Pynchon oder Don DeLillo oder von mir aus Michel Houellebecq, der soll mal aufhören sich zu wundern, und sich nur mal anschauen, was die so schreiben: Sex, Krankheit, Tod, Paranoia, Verschwörungen, Pop und kunstvoll zerlegte Körper - ein besserer Mensch wird niemand, der diese Romane gelesen hat.
Literatur als ethischer Picknickkorb
Das sind keine Bücher für die Bewohner einer verängstigten Moderne, die im Roman etwas suchen, was ihnen sonst abhanden gekommen ist - eine Welt, die politisch fassbar, formbar und hoffentlich verbesserungsfähig ist: Literatur als ethischer Picknickkorb. Das gibt dem Nobelpreis immerhin eine klare Kontur - man kann dann aber auch mal daneben liegen, und in diesem Jahr sieht es fast so aus. Ich zum Beispiel halte Ai Wei Wei für einen ehrenwerten Mann, und wenn der sich so aufregt über den Opportunismus des Mo Yan, der ja vor ein paar Jahren auch beim Frankfurter Buchmesseneklat mitgemacht hat, dann scheint es dieses Mal keine besonders moralisch überzeugende Wahl gewesen zu sein.
Wie Mo Yans Romane literarisch einzuschätzen sind, kann ich leider nicht sagen, weil ich erstens nicht wusste, dass er den Nobelpreis bekommt, und deshalb zweitens diese Woche damit verbracht habe, mich durch den Roman der anderen Preisträgerin dieser Woche zu quälen - 500 Seiten hat "Landgericht" von Ursula Krechel, und jede einzelne dieser Seiten habe ich verdammt. Wie kann jemand so langweilig schreiben, wie kann jemand so schief schreiben, so steif, so ungenau - und dafür dann auch noch, eine aberwitzige Entscheidung, den Deutschen Buchpreis bekommen?
Krechel hat sich ihren Richter Konitzer, der in der Hitler-Zeit emigrieren muss und nach dem Krieg nicht mehr recht zurückfindet in ein Deutschland, das vergessen will, halb zusammen recherchiert und halb zusammen erfunden - einen Roman ergibt das noch nicht, und dass man auf jeder Seite über die Sprache stolpert, macht das "Landgericht" auch nicht zu einem modernen Roman, wie die Jury meint. Wenn man sehen will, was ein moderner Roman in jeweils seiner Zeit ist, dann sollte man lieber "Das Phantom des Alexander Wolf" lesen von Gaito Gasdanow oder "Open City" von Teju Cole.
Weinerlich, wie Deutschland nie war
Wie erklärt man zum Beispiel das: "Er war in eine Landschaft gebettet, wie er sie sich nicht hatte träumen lassen können, viel frische Luft, so dass sie ihn fast betäubte. Der Sonnenaufgangshimmel, wenn er aus dem Fenster sah, hatte einen feinen Haarflaum."
Oder das: "Wir, sagte sie, haben doch Überlegungen anstellen können, Richard, sagte sie, und die Überlegungen waren nicht so falsch. Ja, wenn du an die Schornsteine denkst, waren sie nicht falsch, antwortete Kornitzer, und dann wollte er nicht mehr sprechen, wollte eine Decke über den Kopf ziehen, aber die Decke, die Claire hatte, war zu kurz und nicht breit genug, so war sein Verschwindenwollen, Verstecken eine belanglose, hilflose, ja kindische Angelegenheit, die seine Frau mit ruhiger Hand aufdeckte."
Oder das: "Das Objekt des Übergriffs wollte nicht Subjekt des einverständigen Schauens, des gegenseitigen Sich-Anschauens werden." Da wird "vor Lachen" geprustet, da sind die Kinder und die Äpfel "rotbackig", da ist die "unsinnige Anzettelung des Krieges", da kann Kornitzer "nicht umhin, sich die roten Fahnen mit dem Nazi-Emblem in der Gasse wehend vorzustellen" - wenn es jemals einen Roman gab, der so spießig war wie diese Zeit, dann ist es "Landgericht": Ein in jeder Hinsicht gescheitertes Buch, ein Roman so weinerlich, wie es das Nachkriegsdeutschland am Ende nie war, ein Dokument dafür, was passieren kann, wenn man Preise zu einer volkspädagogische Angelegenheit macht, mit einer klaren Erziehungsaufgabe.
Hier gibt es nichts aufzuklären
Denn im Grunde bleibt hier alles an seinem Platz. Das "Judenproblem" in Anführungszeichen, der Jude Kornitzer maximal unjüdisch und erst anpassungswillig, dann nervig auf seine Wiedergutmachung fixiert, die er in Besoldungsgruppen und Karriereschritten misst - und dass nun fast überall davon die Rede ist, dass dieser Roman ein unbekanntes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte beschreibt, verwundert mich doch: Es ist doch keine verblüffende Neuigkeit, dass es in Deutschland Nazis in höchsten Ämtern gab, eine Unwilligkeit, zur eigenen Schuld, zur eigenen Biografie zu stehen, eine Verabredung zu Schweigen, Wohlstand, Weitermachen. Gibt es hier also etwas aufzuklären? Oder gibt es etwas auszustaffieren?
"Landgericht" bietet einen harmlosen Blick auf ein moralisch leicht zu beschreibendes Problem. Die Figur hinter diesem Problem versinkt im Nebel, je länger Krechel sie beschreibt. Ihr Kornitzer ist wahlweise verloren, verstört oder einfach ein Versager, dem das Haus nicht gefällt, in dem er wohnt, dem die Frau nicht gefällt, mit der er lebt, dem die Kinder nicht fehlen, die er ab und zu und sehr routinemäßig zu vermissen vorgibt. Wie so viele historischen Romane ist auch "Landgericht" insoweit restaurativ, als er den Leser mit sich selbst versöhnt.
Ist das die Absicht dieses Preises?
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gesellschaft | RSS |
| alles zum Thema S.P.O.N. - Der Kritiker | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH