S.P.O.N. - Der Kritiker Ein Scherz namens Till Lindemann

Hart und hölzern sind Till Lindemanns Gedichte. Kaum zu glauben, dass der dichtende Rammstein-Sänger sie selbst verfasst hat, sie lesen sich wie ein böser Witz von David Lynch und Slavoj Zizek. Ist das deutsche Feuilleton auf einen Fake hereingefallen?

Eine Kolumne von


Ich möchte heute mal ein Missverständnis aufklären: Till Lindemann, den Sänger der Clowns-Band Rammstein, gibt es gar nicht - er ist ein Kunstprojekt, das sich David Lynch und Slavoj Zizek ausgedacht haben, um zu sehen, wie leicht die westdeutschen Bürgerkinder zu verführen sind, die in Großstädten aufwuchsen, mit nichts als Nena und Nutella unter dem Kopfkissen.

Von Lynch, dem Filmemacher der Selbstzerstörung, hat er die polymorph perverse Traurigkeit, die rasch mal in die Depression kippt, wenn man nicht gerade eine Frau erwürgen kann oder ein Tier vergewaltigen. Von Zizek, dem Philosophen der stalinschen Ironie, hat er die Härte und den Humor, manchmal verwechselt er allerdings, wie Zizek, das eine mit dem anderen.

Dass Rammstein-Lindemann dann so ein Welterfolg wurde, von Japan bis ins hinterste Amerika, ist leicht zu erklären: Der böse Deutsche ist seit 1945 eine eigene Marke. Stechschritt, Angst und harte deutsche Worte verkaufen sich wie von selbst. Das alles zeigt vor allem, wie geil es viele Menschen immer finden werden, sich grölenden und Feuer spuckenden Dompteuren zu unterwerfen.

Aber Lynch und Zizek, zwei Witzbolde der Postmoderne, reichte das nicht, all das Geld, die Genugtuung und der geglückte Großversuch mit der Verführbarkeit von Wohlstandshirnen - sie wollten den ultimativen Prank, den Scherz aller Scherze: Sie wollten, dass die Deutschen selbst glauben, Lindemann sei etwas anderes als ein Golem der Popkultur, Lindemann habe eine Seele, Lindemann könne weinen, Lindemann sei der neue Eichendorff.

"Die Romantik, dieses scheußliche Ding", schimpfte Zizek - aber er fand dann auch den Gedanken lustig, dass zum Beispiel in der "Zeit" mal ein Text auf Seite eins des Feuilletons gedruckt werden würde, in der das, was sich Lynch und er mit Google zusammengesucht hatten, als Lyrik bezeichnet werden könnte:

Geh ich vor der Nacht zur Ruh
Deck ich mich mit Schwermut zu
Die helle Welt will mir nicht glücken
Muß mich mit Finsternis verzücken

"Das glaubt uns niemand", maulte Zizek. "Das muss härter sein." Also starteten sie eine neue Google-Suche und gaben nun nicht mehr nur Brentano, Benn und Brecht ein, sondern Sex, Verstümmelung und Arschficken.

"Yes", schrie Zizek, "yes, das ist es: Tanz den Ernst Jünger":

Deine Augen
Ich würde sie gerne in den Mund nehmen
Ständig lutschen daran lecken
Sie unbedingt an meine Eier hängen
Unter meine Vorhaut stecken

Es dauerte einen Nachmittag und eine Nacht, und dann hatten sie das Buch beisammen. Sie schickten es an einen deutschen Verlag und warteten. Sie wussten ja selbst, wie schlecht, wie erbärmlich schlecht diese Gedichte waren - "gerade deshalb werden sie sie lieben", sagte Lynch, "in ihrem Selbsthass, in ihrem Hass auf Kultur, in ihrer Verehrung für Kultur, in ihrer Angst vor der Bestie in sich, die sie nur in dieser Comic-Figur, in diesen Comic-Versen ertragen können, du wirst sehen, lieber Slavoj, du wirst sehen".

Und so kam es dann auch. Der Verlag von Rolf Dieter Brinkmann macht jetzt Geschichts-Porno-Kitsch:

Madam
Läßt Sie sich informieren
Gar Schreckliches wird ihr passieren
Man möchte Sie vor Menschenreihen
Alsbald von Ihrem Kopf befreien
Ist so Geschichte
wird passieren
Darf ich hernach Sie penetrieren
Ins Wortloch über Ihrem Kinn
Auch halte ich Sie gut im Sinn

Er macht Hi-Hi-Erotik:

Holde Maid
Darf ich wagen
So ihr Ränzelein zu tragen
Ihre Unschuld scheint zu trüben
So bitt ich recht mich zu entbüben

Er macht Altmännergeseier:

In stillen Nächten weint ein Mann
weil er sich erinnern kann

Er macht ratlos:

Wenn irgendwer mich reiten will?
die Leute streiten aus der Still
weilt ein wenig und doch schon
meldet sich des Nachbars Sohn
du alte Schlampe mußt auch kaun
für den kaputtgetretenen Zaun

Hart sind diese Gedichte, so hart und hölzern, dass man seine Jacke daran aufhängen kann, wenn man von einem verregneten Herbstspaziergang zurückkommt - Laubsägearbeiten, wenn sie wirklich Lyrik sein wollten, tatsächlich aber Konzeptkunst nach RTL-II-Art.

Und so lachen sie und lachen, Lynch und Zizek, wie ihnen dieser Scherz gelungen ist, und sind doch etwas traurig, leer, enttäuscht von ihren Deutschen. Dass es so leicht gehen würde, hätten sie nicht gedacht.

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insgesamt 55 Beiträge
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volker_morales 04.10.2013
1. Wow,
habe zwar nichts verstanden, klingt aber alles very sophisticated. Wahnsinnig anspruchsvoll der Text, nichts für kleine Dummerchen. Soviel Brillianz war selten, seit Loriot.
jayjayjayjay 04.10.2013
2. optional
das wirklich Interessante daran ist, dass Rammsteins Werk vorallem im Ausland Erfolg hat, und hierzulande ob seiner härte eher verschmäht wird, egal ob nun von Lynch und Žižek oder dem Lindemann. Interessant allerdings, dass sie hinter dem Werk Lindemanns eine Synthese gerade dieser Beiden Vermuten, wo das Lebenswerk Lindemanns eher an Poe gereift in Eiche erinnert. Fraglich ist bloß warum ihre Kritik erst nach seinem Zweiten Band kommt, hat ihnen "Messer" besser gefallen, sehen sie gar eine Abnahme seines Lyrischen könnens?
phillyst 04.10.2013
3. Hat dieser Artikel...
... auch irgendeinen Inhalt? Trotz sehr vieler Schlagworte, die mich aufhorchen lassen (Rammstein, Lynch, Zizek) kann ich in dieser Kolumne weder einen Sinn noch irgendetwas entdecken, was mich für die 5 Minuten verschwendete Lebenszeit, die fürs Lesen draufging, entschädigen kann.
barlog 04.10.2013
4.
Interessante Betrachtungsweise. Die Band Rammstein habe ich (in dieser Beziehung sehr isoliert von meinem Freundeskreis) immer als amüsante (speziell für unsere amerikanischen Freunde zusammengerührte) Marketingidee gesehen, angefangen vom, an Geschmacklosigkeit kaum überbietbaren Bandnamen (Ok, da ist ein m dazugekommen) über die martialische, offenbar wohl speziell für Rechtsradikalismus witternde Kulturwächer erdachte, Aufmachung, "tabubrechende" Texte bis hin zum modischen, zum heavy-metal-ähnlichem Geschrammel passenden Grunzgesang. Ich hör' lieber ehrlichen Punk . ....
jomo17 04.10.2013
5. Ignorant oder arrogant oder beides
Ich kenne das Gedichtband nicht, das Herr Diez gelesen hat, aber seine Kommentare zu Rammstein lassen vermuten, dass er sich nie wirklich mit der Musik oder den doppeldeutigen Texten der Band auseinandergesetzt hat. Vielleicht hätte er vorher den großartigen Bericht des SZ Magazins vom 5.7.2012 über die USA-Tournee lesen sollen... Habe jedenfalls danach aufgehört zu lesen.
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