S.P.O.N. - Der Kritiker: Die Schönheit des coolen Castro
Man kann sagen: Im 20. Jahrhundert ließen sich die kulturellen Eliten von der Ästhetisierung der Politik berauschen und benebeln. Oder man kann erst einmal hinschauen auf diese Bilder, man kann versuchen, diesen Rausch zu verstehen und die Euphorie, die aus diesen Bildern spricht.
Neulich habe ich Fidel Castro gesehen. Er hatte seinen zauseligen Castro-Bart, er trug seine lächerliche Castro-Kappe, er hielt eine seiner ewigen Castro-Reden und tänzelte dabei an seinem Rednerpult herum, von links nach rechts und wieder zurück, er schaute ab und zu versonnen die Mikrofone an, die vor ihm aufgebaut waren, es waren genau fünf, und manchmal streichelte er diese Mikrofone auch, als seien es die Köpfe von Kindern oder von CIA-Agenten, die nicht wissen, ob Castro sie gleich hinrichten lässt oder auf einen Cuba libre einlädt.
Er sang im Grunde mehr, als dass er redete, er flehte, er verführte, er verkündete die Botschaft, dass zehn Millionen Tonnen Zuckerrohr geerntet werden müssten bis zum Ende des Jahres, sonst seien die Ehre Kubas und die Zukunft des Kommunismus verloren. Er schien jung und ein wenig unsicher, es war 1965, ein paar Jahre nur nach der Revolution - und wie der Filmemacher Chris Marker ihn filmte, wie er ihn mit der Kamera anhimmelte, wie er die Maschinen feierte im MTV-Rhythmus der Bilder und wie er den Zuckerrohrkrieg der Kubaner begleitete: Das war nicht direkt Propaganda, das war erst einmal Schönheit.
Chris Marker war selbst verführt. Der Mann, der ein paar Jahre vorher in dem immer noch atemberaubenden Film "La Jetée" seine Welt, sein Leben, seine Erinnerung mit Trauer, Pathos, Liebe in den Abgrund schob, der diesen extrem stilvollen, existentialistischen Thriller drehte, der davon erzählte, dass die Apokalypse zuerst einmal immer der eigene Untergang ist - dieser Mann, der so sorgfältig darauf achtete, wie die Haare der Frauen im Wind wehen und welche Brille die Männer tragen, dieser Mann war auf einmal fasziniert vom Kampf eines Volkes um Zucker.
Den Film mit Castro zeigte die Künstlerin Filipa César gerade in Berlin bei einer Filmreihe über das Kino der Dekolonialisierung mit dem auch im größeren Zusammenhang treffenden Titel "Gespenster der Freiheit". "La Jetée" sollte man sich immer mal wieder auf YouTube anschauen - und die Verbindung, das Gemeinsame in den Bildern der beiden Filme, das ist eben die Schönheit.
Politische Ästhetisierung oder Ästhetisierung der Politik
Nun kann man sagen, ja, genau, diese Verführung unter anderem ist das Schlimme an diesem schlimmen 20. Jahrhundert, in dem sich die kulturellen Eliten von der politischen Ästhetisierung oder von der Ästhetisierung der Politik berauschen und benebeln ließen - oder man kann erst einmal hinschauen auf diese Bilder, man kann versuchen, diesen Rausch zu verstehen und die Euphorie, die aus diesen Bildern spricht, und sie mit der Traurigkeit zu verbinden, die Chris Marker ein paar Jahre vorher befallen hatte: Es war die Traurigkeit, die Müdigkeit, die Erschöpfung einer Moderne, die so gut aussah, dass sie anfing, sich selbst zu misstrauen.
Die Filme von Godard und Antonioni erzählen davon, die Bücher von Alberto Moravia und Roland Barthes erzählen davon: All die schmalen Krawatten, all die schnellen Autos, all die eleganten Bauten aus Beton und Glas - hier war ein Versprechen ohne Ideologie, die Möglichkeit eines Morgen ohne Umsturz, und vielleicht war es das, was fehlte. Die Traurigkeit entstand aus den Tragödien oder der Trägheit des Privaten. Die Trance dann, die Erweckung, für Chris Marker in diesem Fall, aber eben auch für viele andere, erwuchs aus einer linken Politik, die auch kulturell codiert war.
Das war vielleicht der Irrtum, jedenfalls die Verführbarkeit, was Castro und den Kommunismus angeht. Aber diese Bilder, dieser Stil, dieses Weltgefühl, die eine kulturelle Linke ausmachen: Das also, was in den beiden Marker-Filmen zu sehen ist, ist doch vor dem Hintergrund der WagenknechtSteinbrückGeißlerBlüm-Linken und der BetreuungsgeldEurorettungsEnergiewende-Ratlosigkeit extrem interessant und sogar inspirierend. Das Projekt einer KerouacSartreOderBesserCamusMilesDavisDerridaRenéPollesch-Linken also. Einer PaulWellerDirkvonLowtzowHeaven17RainaldGoetz-Linken. Einer PierPaoloPasoliniAlfredoJaarBobDylanJohnBergerChristopherHitchens-Linken.
Was wäre das aber? Es wären erst einmal ein paar andere Begriffe für das, was links sein kann oder eben nicht. Wachheit zum Beispiel versus Nostalgie. Oder Freiheit versus Zwang. Oder Abenteuer versus Sicherheit. Oder Ethik versus Moral. Oder Offenheit versus Verpackung. Oder Vorwärts versus Wohnzimmer. Oder Bruch versus Erbe. Oder Würde versus Anspruch. Oder Schönheit versus Square.
Denn cool, das kann man von Chris Marker, das kann man von seinem Fidel Castro lernen, cool war immer links.
Am Ende also wieder, mit anderen Worten, das coole, alte Projekt der Aufklärung? In der Enge der Gegenwart jedenfalls, das zeigt dieser Filmblick 50 Jahre zurück auf Castro und Chris Marker, sollten wir uns die Politik mal wieder von den Parteien zurückholen.
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- Freitag, 30.11.2012 – 15:32 Uhr
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Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Seine Bücher handeln von den Beatles, den Rolling Stones, vom Theater oder von Berlin. Gemeinsam mit Christopher Roth veröffentlicht er eine Buchreihe über den Epochenbruch der Jahre 1980 und 1981 ("www.8081.biz"). Bei Kiepenheuer & Witsch erschien 2009 sein autobiografischer Bericht "Der Tod meiner Mutter" (im SPIEGEL-Shop...).
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