S.P.O.N. - Der Kritiker Angst vor unsittlicher Berührung

Fast schien es, als fänden es alle in Ordnung, dass sich der Ex-Fußballprofi Thomas Hitzlsperger als schwul geoutet hat. Doch dann dokumentierte die "FAZ" auf Seite eins eine längst ausgestorben geglaubte Homophobie. Das ist ein Grund zum Jubeln.

Eine Kolumne von


Ich dachte schon, es gäbe nichts mehr zu sagen, ich dachte schon, zwei Tage "Wir sind alle schwul"-Ausnahmezustand wären genug, ich dachte schon, ich könnte herrlich langweilig und super kritisch über den Fall Gurlitt schreiben oder den Freispruch für einen SS-Mann oder den NSU-Prozess und die ewige Wiederkehr der deutschen Vergangenheit - und dann kam doch die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") und haute auf Seite eins ein paar Sätze hin, die mich laut jubeln ließen: Es gibt sie noch, die guten Reaktionäre.

Jasper von Altenbockum heißt der Autor, das klingt schon nach Manufaktum-Journalismus - und so schreibt der Innenpolitik-Chef der Zeitung dann auch: Er fühlt sich von der "Hitzlsperger-Show" bedroht, bedrängt, beleidigt, Sossenheim sei nicht Sotschi, das war seine Botschaft, diese ganze Diskussion sei "ein Schlag ins Gesicht" für die "große Mehrheit der Deutschen", sei eine "Diskriminierung", wenn man etwa Menschen, die glauben, dass Homosexualität zu Selbstmord oder Alkoholismus führt, gleich Homophobie unterstelle.

Das sind ein paar der Ausfälligkeiten aus der Petition des Realschullehrers Gabriel Stängle gegen die Pläne der grün-roten Regierung in Baden-Württemberg, die "Akzeptanz sexueller Vielfalt" an den Schulen zu fördern. 70.000 Unterschriften hat er schon beisammen, und die "FAZ" assistiert: Die "Schwulen-und-Lesben-Lobby" müsse Toleranz lernen und auf die Rechte und Gefühle der Mehrheit achten, denn "nicht alles, was da gefordert wird, muss schon deshalb richtig sein, weil es um Schwule und Lesben geht".

Das ist nun eine ganz andere Fankurve als die, von der Maybrit Illner in ihrer Sendung sprach. Das sind auch nicht die "sozialen Brennpunkte", wo die "Süddeutsche Zeitung" Schwulenfeindlichkeit vermutet - wie natürlich auch in den "Sportvereinen, Motorradclubs, Whiskey-Verkostungen, den letzten Domänen also, die Männern noch bleiben". Das ist das Aufwallen einer fast physisch spürbaren Angst davor, irgendwie unsittlich berührt zu werden, das ist Panik und bürgerlich-konservative Paranoia. "Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen", schreibt Altenbockum: "Ich bin heterosexuell, und das ist gut so."

Die kleindeutsche Paranoia des Reaktionärs

Bis dahin hatte ich ja gedacht: Mal wieder eine Diskussion über Nachrichten ohne Neuigkeitswert, mal wieder eine überraschungsfreie Selbstbespiegelung der Medien untereinander, mal wieder eine Verstärkung des ewig Gleichen zum Getöse - dass es Schwule gibt, war bekannt und scheinbar selbstverständlich, dass Fußball schwulenfeindlich ist, war bekannt und eine Sauerei, dass es trotzdem schwule Fußballer geben musste, war eine statistische Rechnung, und die Jagd nach dem Ersten, der sich outet, hatte sich mir nie erschlossen, weil Fußball letztlich doch Fußball ist und ich ernsthaft bezweifle, dass gesellschaftlich gesehen dieses Statement von Thomas Hitzlsperger so viel ändert, wie jetzt vermutet wird.

Aber erst der Feind gibt einer Tat letztlich ihre Kontur. Ein Lob also auf den Reaktionär, der sich angegriffen fühlt, nur weil jemand tut, was er in einer freien Gesellschaft eigentlich nicht tun müsste: Über seine Sexualität zu reden, die zugleich extrem politisch ist, weil sie so ziemlich alle gesellschaftlichen und rechtlichen Zusammenhänge durchdringt, die aber vor allem immer privat sein sollte und weder den Staat noch die Öffentlichkeit etwas angeht - insofern war es kein guter Tag, an dem Thomas Hitzlsperger sagte, dass er Männer liebt, und die Reaktion der Medien steigerte dieses Unbehagen noch.

Ein Lob auch auf die Angst des Reaktionärs, der in seiner kleinlichen Paranoia zeigt, worauf Thomas Hitzlsperger eigentlich abzielte: Ihn interessiert nicht der moralische Schrebergarten, sondern "the bigger picture" und die Frage, wie wir als Gesellschaft und wie die deutsche Politik darauf reagieren sollen, wenn in Ländern wie Russland der Staat Front macht gegen Homosexuelle, wenn in Ländern wie Saudi-Arabien die Todesstrafe für Homosexuelle droht, wenn die westlichen Werte, die so entwertet wurden durch die Kriege, die in ihrem Namen geführt wurden, bedroht sind.

Ein Lob also auf alle möglichen Feinde der Freiheit, die uns jeden Tag zeigen, dass die liberale Demokratie nichts Selbstverständliches ist, nicht in Sossenheim und nicht in Sotschi.

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insgesamt 182 Beiträge
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Seite 1
ulf-kirsten 10.01.2014
1. ...
Die ganze Welt weiß mittlerweile, dass Hitzlsperger homosexuell ist. Na und? Von allen Seiten hört man, wie mutig Herr Hitzlsperger ist, dass er sich geoutet hat! Mutig? Sein Leben zu Leben wie man es möchte? Was ist daran mutig? Meiner Meinung nach zeigt es eher das Gegenteil! Mutig wäre es, sich während seiner Karriere zu outen...Hoffe, das Thema wird bald ad acta gelegt. Unerklärlich, dass täglich 100.000 neue Artikel zu dem Thema veröffentlicht werden müssen. Auch dieser Artikel ist nur eine Aneinanderreihung von Belanglosigkeiten und einer mehr, den kein Mensch braucht!
taglöhner 10.01.2014
2. Äh
Schön, dass Herr Diez dann doch noch ein paar Dissidenten aufgetrieben hat, um uns klarzumachen, dass es bei uns eigentlich auch nicht besser aussieht, als in Saudi Arabien oder Russland. Jedenfalls solange solche Figuren es noch wagen, den Mund aufzumachen. Schließlich gibt es nur eine richtige, wirklich wahre Meinung dazu.
dennis.gottschalk 10.01.2014
3.
So habe ich den FAZ Artikel beim besten Willen nicht verstanden.
AYZYO_ 10.01.2014
4. Was versuchte Georg Diez ...
... uns hier eigentlich zu sagen? Ausser verquastem Gesülze kann ich in seiner Kolumne keine Aussage ausmachen. Wo ist hier noch etwas Fleisch an den abgefressenen Worthülsen?
Tanja Krienen 10.01.2014
5. Aber
Das alles ist doch nicht neu. Es gab den Fall Amarell und das Outing vieler Frauenfußballerinas, aber auch jenes von Pele vor schon einer Dekade! In Deutschland schmeckt man die Erregung und den politischen Willen. Das stößt ab.
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