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S.P.O.N. - Der Kritiker: Wahre Lügen

Eine Kolumne von

Pro-Snowden-Demo in Berlin: Wer kontrolliert unsere Worte? Zur Großansicht
REUTERS

Pro-Snowden-Demo in Berlin: Wer kontrolliert unsere Worte?

"Freund", "Freiheit", "Recht": Wenn deutsche und amerikanische Politiker über Edward Snowden und seine Enthüllungen sprechen, bedienen sie sich einer pervertierten Sprache, die nicht der Wahrheit dient, sondern nur ihren Interessen.

Edward Snowden hat aufgedeckt, wie die NSA arbeitet. Er hat aber auch aufgedeckt, wie die Politik arbeitet, wie Politiker denken und sich verrenken und wie sie Worte benutzen so wie andere Menschen einen Joghurtbecher: Sie machen ihn auf, löffeln ihn aus und werfen ihn dann weg.

Wenn also im Krieg das erste Opfer die Wahrheit ist, dann sind in diesem seltsamen Zustand, der kein neuer Kalter Krieg ist, die ersten Opfer die Worte. "Freund" ist so ein Wort, "Freiheit" ist so ein Wort, "Recht" ist so ein Wort.

Was meint zum Beispiel der deutsche Regierungssprecher damit, wenn er sagt: "Abhören unter Freunden, das ist inakzeptabel, das geht gar nicht"? "Freund" ist keine Kategorie des Politischen. Es ist ein offenes Wort, es ist ein schwaches Wort, weil niemand weiß, was damit genau gemeint ist: Man kann Freundschaft so oder so definieren, es gibt keine Regeln für den Umgang unter Freunden - es gibt aber Regeln für den Umgang unter Staaten und Regierungen.

Wenn man einen Vorgang, der im Bereich des Politischen spielt, ins Private zieht, verwischt man ganz gezielt die Fragen nach Verantwortung. "Das politische Reden", schreibt George Orwell 1946, und das gilt auch heute noch, "ist vor allem eine Rechtfertigung dessen, was nicht zu rechtfertigen ist."

Dieter Wiefelspütz zum Beispiel, von der SPD, einer Partei, die in historisch entscheidenden Momenten schon manchmal bereit war, sich auf die Seite der Macht und des Opportunismus zu stellen: Was meint Dieter Wiefelspütz damit, wenn er sagt, Edward Snowden "ist vielleicht ein Held der Freiheit. Das schützt aber nicht vor den rechtlichen Konsequenzen"?

Durch das System korrumpiert

Wie kann man die Kategorie des Rechts von der Idee der Freiheit trennen, ohne das Prinzip und die Praxis des Rechts fundamental zu beschädigen? "Das Denken korrumpiert die Sprache", schreibt Orwell, "aber die Sprache korrumpiert auch das Denken".

Orwell, kann man sagen, ist nicht so sehr ein Autor unserer Tage wegen der Überwachungsszenerien seines Romans "1984", sondern mehr noch wegen seiner Essays wie "Politics and the English Language", die aus der Erfahrung des Totalitarismus und des frühen Kalten Krieges kommen und dem Leser heute zeigen, welche Konsequenzen es für die Wahrheit hat, wenn man vergisst, dass Sprache immer auch Interessen birgt.

"Die Worte Demokratie, Sozialismus, Freiheit, patriotisch, realistisch, Gerechtigkeit haben alle mehrere Bedeutungen, die nicht miteinander in Einklang gebracht werden können", schreibt er: "Diese Worte werden oft auf eine bewusst unehrliche Art und Weise verwendet. Das heißt, eine Person hat ihre eigene private Definition, lässt sein Gegenüber aber in dem Glauben, dass er etwas ganz anderes damit meint."

Wie korrumpiert das Reden und das Denken durch den Fall Snowden - oder besser: durch das System, das seine Enthüllungen sowohl notwendig als auch möglich gemacht hat - schon sind, zeigt ein kurzer Dialog im amerikanischen Fernsehen zwischen zwei Journalisten: Es ist, so scheint es, keine Selbstverständlichkeit mehr, dass die Presse vor allem der Wahrheit verpflichtet ist.

Die Sprache der Politik lässt Lügen wahr klingen

Glenn Greenwald ist da zu sehen, der Mann, der getan hat, was Journalisten normalerweise tun. Er hat die Enthüllungen von Snowden an die Öffentlichkeit gebracht - und nun muss er sich von einem anderen Journalisten die Frage stellen lassen, ob er dafür nicht eigentlich ins Gefängnis muss.

Einen "Katalog der Schwindlereien und der Perversionen", so nannte George Orwell seine Analyse des Journalismus seiner Zeit: "Die Prosa", schrieb er, "besteht immer weniger aus Worten, die wegen ihrer Bedeutung gewählt wurden, und immer mehr aus Phrasen, die zusammengezimmert werden wie die Einzelteile eines vorfabrizierten Hühnerstalls".

Die Kontrolle unserer Daten durch andere, in diesem Fall die NSA, ist das eine. Die Kontrolle unserer Worte durch uns selbst ist das andere. "Die Sprache der Politik", schrieb Orwell, "ist dafür gemacht, dass Lügen wahr klingen und das Töten angemessen wirkt."

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Kolumne - Der Kritiker
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insgesamt 204 Beiträge
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1. Wittgenstein?!
derskeptiker 05.07.2013
Wie schon Wittgenstein sagte: "Die Grenzen der Sprachen sind die Grenzen der Welt". In dem Fall kann man das etwa so abwandeln: "Die verschiedenen Ansichten über die Bedeutung eines Wortes sind die Grenzen zwischen den Welten einzelner Menschen."
2.
thinkrice 05.07.2013
Eine gute Analyse einer erschreckenden gesellschaftlichen Entwicklung!
3.
ontic 05.07.2013
Volle Zustimmung, obwohl ich sagen muss, dass das der Vergleich mit Privatem nicht si unbestimmt ist. Wenn mein "Freund" mich hinter meinem Rücken bespitzelt, dann ist er nicht mein Freund. So etwas würde sich doch privat keiner bieten lassen und hinterher trotzdem noch von Freundschaft reden.
4. Dann war da noch ....
unixv 05.07.2013
Die Frau vdL, welche sich dreist vor Deutschlands Bürger stellt und ihre Lügen : Die älteren Arbeitslosen sind am 1 Arbeitsmarkt angekommen! verkündet! oder Rösler welcher die Armutsberichte mal eben fälscht! oder Müntefering der Sagte : Wie kann der Bürger nur glauben was wir vor der Wahl sagten! kann man beliebig und International anwenden und erweitern. Politiker = Lügen, Betrügen, Tricksen und Abzocken ohne gleichen! Dafür bezahlen wir die ja, oder?
5. Betrug
Izmi 05.07.2013
Zitat von sysopREUTERS"Freund", "Freiheit", "Recht": Wenn deutsche und amerikanische Politiker über Edward Snowden und seine Enthüllungen sprechen, bedienen sie sich einer pervertierten Sprache, die nicht der Wahrheit dient, sondern nur ihren Interessen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-georg-diez-zur-snowden-affaere-wahre-luegen-a-909669.html
Ein Forist - tut mir leid, ich weiß nicht mehr, welcher - nannte die Akteure der Politik "politische Hütchenspieler". Und diese Umschreibung trifft aufs Haar das, was auch wohl der Redakteur meint. Worthülsen, "Hütchen", bei denen wir vermuten, was drunter steckt, also gemeint ist. Nur sind dabei alle Hütchen im Zweifel leer, weil mit einem Taschenspielertrick ihres (intellektuellen) Gehaltes beraubt. Wir sehen, wie die Hütchen hin und her geschoben werden, glauben zu wissen, was unter welchem liegt... aber alles nur Betrug. Wie im wirklichen Leben.
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Georg Diez
Autor des SPIEGEL. Er schrieb für die "Süddeutsche Zeitung" über Theater, für die "Zeit" über Literatur und für die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" über alles. Sein Buch "Der Tod meiner Mutter" (Kiepenheuer & Witsch) wurde kontrovers diskutiert. Gerade erschienen ist sein Essay "Die letzte Freiheit" (Berlin Verlag) über Selbstbestimmung und das Recht am eigenen Tod. Georg Diez ist Mitbegründer der experimentellen Journalismus-Plattform www.60pages.com.

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