Demonstrationen Frauenrechte, scha-la-la-la-la!

Twittern und Selfies machen ist das neue Flugblätterverteilen: Warum man "Pussyhats" und andere bunte Protestformen gegen Trump nicht madig machen sollte. Wir brauchen das alles - und noch viel mehr!

"Women's March" in Denver
DPA

"Women's March" in Denver

Eine Kolumne von


Es gibt diese Zeilen von Hölderlin, in denen es heißt: "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch." Erfahrungsgemäß stimmt das leider nicht. Das Rettende ist manchmal gar nicht da, und manchmal macht es sich auf den Weg, aber die Rettenden beschimpfen sich gegenseitig, machen sich gegenseitig ihre Rettungsringe madig und am Ende haben alle keinen Bock mehr.

Es ist eigenartig undemokratisch, für Vielfalt zu kämpfen und dann Vielfalt von Protesten nicht anzuerkennen. Seit der Widerstand gegen US-Präsident Trump einen neuen Höhepunkt erreicht hat, gibt es auch entsprechend mehr von denen, die denken, dass sie wissen, wie man es macht. Kann sein, dass es manchmal stimmt. Kann aber auch sein, dass es kontraproduktiv ist, anderen ihren Widerstand madig zu machen, und von kritisch sein zu madig machen ist der Weg oft kurz.

Für manche Leute war es die erste Demo ihres Lebens

Nach dem Women's March gegen Trump gab es, ähnlich wie bei den Demos direkt nach der Wahl, die verständliche Kritik: Warum protestiert ihr erst jetzt? Warum nicht, sagen wir mal, vor der Wahl? Guter Punkt, einerseits. Andererseits: Besser spät als nie. Und besser in der ersten Woche von vier Jahren als in der letzten. Für manche Leute war es die erste Demo ihres Lebens. Immerhin.

Eine andere Kritik zielte auf die Pussyhats, die viele der Demonstrierenden trugen, und die eine Reaktion auf die "Grab them by the pussy"-Geschichte waren: Pinke Mützen mit Katzenöhrchen, also zum einen ein Wortspiel und zum anderen etwas Niedliches mit Vulvabezug. Das kann schon wehtun. Da machen Leute jahrzehntelang politische Bildungsarbeit, Aktivismus und Wissenschaft, sie erklären in einem beachtlichen Teil ihrer Lebenszeit, was es mit Feminismus und Sex und Gender auf sich hat, und warum es nicht gut ist, Frauen auf ihren Körper oder gar auf ihre Genitalien zu reduzieren. Und dann macht ein gruseliger Typ einen scheußlichen Spruch und Abertausende Frauen setzen sich eine Muschimütze auf den Kopf, und zack: Scha-la-la-la-la-la, Frauenrechte!

Fotostrecke

22  Bilder
"Women's March": Frauen marschieren gegen Trump

Ich versuche mir seitdem, Massen von Männern mit, sagen wir mal, Phalluszylindern (ist das doppelt gemoppelt?) vorzustellen, die für Gerechtigkeit marschieren, aber es fällt mir schwer. Man kann die Pussyhats schon bizarr finden. Andererseits waren sie leicht zu kriegen und gut sichtbar, also für ein politisches Symbol nicht das Schlechteste.

Es gibt Tausende Arten, sich zu Feminismus zu bekennen. Seit ein paar Jahren gibt es diese "This is what a feminist looks like"-Shirts. Sollen die Leute machen. Ich würde so was nicht anziehen. Zum einen, weil ich gern hätte, dass es keine große Rolle mehr spielt, wie Feministinnen denn nun aussehen, denn darüber reden wir seit über hundert Jahren. Und zum anderen, weil ich es meinen Gegnern nicht gönne, mich dabei zu sehen, wie ich in einem "This is what a feminist looks like"-T-Shirt heulend an der Bushaltestelle sitze.

Apropos heulen. Eine weitere Kritik, die nicht neu, aber gerade wieder oft zu hören ist, ist die an vermeintlichem Wohlfühlprotest: Ihr geht nur auf Demos, um Selfies auf Demos machen zu können. Oder: Ihr seid zu faul für Demos und könnt nur Hashtags. Aber Widerstand muss nicht unbedingt wehtun und anstrengend sein. Er sollte wirkungsvoll sein, das ja. Aber hart ist das Leben schon, und was soll noch alles hart sein?

Niemand muss in Parteien eintreten, wenn er keinen Bock hat

Ich glaube nicht, dass man Leute damit rumkriegt, dass man ihnen sagt, sie sollen in Parteien eintreten, statt Hashtags und Selfies zu machen. Das ist so Achtzigerjahre! Twittern ist, wenn man es gut macht, eine neue Form von Flugblätterverteilen, und das haben einige große Widerstandskämpferinnen und -kämpfer getan.

Rechte Politikerinnen und Politiker schaffen es immer wieder, Leute rumzukriegen, für die sie eigentlich nicht da sind. Eigentlich würde man meinen, es verbietet sich von alleine, die AfD zu wählen, sobald man das Risiko mit sich rumträgt, eines Tages arbeitslos, alleinerziehend oder ungewollt schwanger zu sein, und das trifft für fast alle Menschen zu. Sowohl Trump als auch die AfD schaffen es, den Leuten viel vorzumachen, aber eines werden sie nie schaffen, glaubwürdig zu erzählen: dass sie für Vielfalt und Solidarität sind. Und genau das sind unsere stärksten Waffen.

Niemand muss in Parteien eintreten, wenn er keinen Bock hat. Es gibt Leute, die machen es sich zur Aufgabe, andere über die Möglichkeiten von Zivilcourage und zivilem Ungehorsam zu informieren. Es gibt Leute, die mögen es nicht, mit Schildern auf Demos zu gehen und bringen stattdessen Getränke und Erste-Hilfe-Utensilien zu den Demonstrierenden. Es gibt Leute, die es sich - unter anderem - zur Aufgabe gemacht haben, Fake News als solche zu enttarnen, wie die Leute von "Correctiv". Es gibt Leute, die keinen Fake News hinterherrecherchieren können, aber an "Correctiv" spenden. Es gibt Leute, die sich zusammentun, um Hetze im Internet zu widersprechen. Es gibt Leute, die singen am Flughafen was von Woody Guthrie, weil es gerade ganz gut passt: "This land was made for you and me." Wir brauchen die alle und noch mehr.

Eine Bewegung ist für neu dazukommende Leute nicht dann attraktiv, wenn sie die genialsten Mützen oder eloquentesten T-Shirt-Sprüche trägt, sondern wenn sie offen ist, Widersprüche auszuhalten und dazuzulernen - und auch, Fehler zu verzeihen, eigene und die von anderen. Gilt ja alles für Menschen irgendwie auch, vor allem das mit den T-Shirts.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Oben und unten


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 63 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
twistie-at 31.01.2017
1. Correctiv sollte dann aber selbst einmal ruhiger und sachlicher werden
Correctiv erhält schon sehr viele Spenden und wird auch von Bundesmitteln mitfinanziert, hinzu kommt, dass sie z.B. bei manchen Analysen auch auf Zuspitzung usw. setzen, insofern würde ich sie nicht gerade als Topangebot für Fakenews-Bekämpfung sehen.
GinaBe 31.01.2017
2. Was ist Sache?!
Ihre Kolumne tut gut, jemanden da zu lesen, die sich Gedanken macht, die allgemeine Aufregung zu lindern, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sich jede(r) engagieren kann, und nicht nach alter Punk- Sitte "gegen alles" zu sein. Der Zeitpunkt für eine große Demo wäre richtig gewählt, anzuzeigen, wie unsere Bürger sich zu verhalten gedenken bezüglich jener Werte, die zu verteidigen wären. Sicherlich zählt Frauendiskriminierung nicht dazu. Frau Stokowski,....es ist mir unangenehm, Ihnen sagen zu müssen, daß....Männer ja nicht ungewollt schwanger werden können,....Scherz beiseite. Dazu gehören immer zwei oder eine Samenbank -oder eine Vergewaltigung? Nenee, verkomplifizieren wir die Sachlage mal besser nicht. WENN Deutschland im Herbst wählen geht, möchten wir Bü+rger Parteiprogramme sehen, die eingehalten werden. Und ich etwa wäre sehr wohl damit einverstanden, wenn ein Abstand zum bisherigen Sozialabbau vorgenommen wird: Löhne rauf, Exportüberschüsse senken, Chancengleichheiten für alle wieder herstellen....wenigstens verbessern. Sollte das nicht möglich sein?
Freier.Buerger 31.01.2017
3. Protest oder Protestchen
Klar kann jede(r) protestieren wie er/sie will, wenn man aber darauf hofft, gehöhrt zu werden, oder andere von seinen Zielen zu überzeugen muss man schon selbst überzeugt sein und sich so darstellen. "Twittern ist, wenn man es gut macht, eine neue Form von Flugblätterverteilen, und das haben einige große Widerstandskämpferinnen und -kämpfer getan. " Widerstandskäpfer und -innen haben, das sagt schon das Wort, gekämft. Es gab Zeiten, da war Flugblätterverteilen ein persönliches Risiko. Wer das gemacht hat, hat also gezeigt, dass ihm die Sache viel Wert ist. Wer nur twittert, zeigt, dass der Protest nicht mehr als 140 Zeichen wert ist. Begeisterung und eigenes Engagement lässt sich nur schwer daraus entnehmen. "Eigentlich würde man meinen, es verbietet sich von alleine, die AfD zu wählen, sobald man das Risiko mit sich rumträgt, eines Tages arbeitslos, alleinerziehend oder ungewollt schwanger zu sein, und das trifft für fast alle Menschen zu." Dazu 1) Was wirtschafts- und sozialpolitisch im Afd-Programm steht, stammt noch aus den Anfängen und ist das Papier nicht wert auf dem es steht. Wir werden in den Äußerungen baldigst sehen, dass aus der nationalen eine astreine nationalsozialistische Partei wird. 2) mindestens 50% der angesprochenen werden niemals ungewollt schwanger und auf Grund der aktuellen Familienpolitik und Rechtsprechung fast genauso viele nie alleinerziehend. Auf der anderen Seite wird Mann/Frau in den seltensten Fällen ohne eigenes zutun "alleinerziehend". Auch stehen den Betroffenen alle Möglichkeiten offen, diese Lebensphase, wenn sie denn nicht gewollt ist, schnell zu beenden. Fakt ist, jeder soll leben, wie er/sie will, doch es gibt m.E. keine Veranlassung dieses durch die kompromisbereiteren in Paaren oder Familien lebenden dauerhaft in irgendeiner Form zu allimentieren.
agt69 31.01.2017
4. Zu wenig Phalluszylinder?
Dann warten Sie mal ab, bis Frau Merkel damit prahlt, sie könne jedem Mann ungestraft ans Gemächt greifen. Bis es soweit ist, gibt es keinen Grund für Phalluszylinder, zumal man sich damit sicher wieder böse Worte seitens der Feministinnen einfängt. Respekt übrigens dafür, dass Sie sich die Zeit nehmen, Politikerinnen und Politiker auszuschreiben, anstatt der Sprachverhunzung durch Gender Gaps, Binnen-Is oder Sternchen zu folgen.
pacificwanderer 31.01.2017
5. Die Autorin nimmt nicht zur Kenntnis,
dass sich Buerger von der etablierten Politik nicht vertreten fuehlen und eine Alternative suchen. Eine allein erziehende Mutter aus Neubrandenburg hat Probleme die 12 Mio Abfindung fuer eine VW-Aufsichtsratsdame, 500 Mio Geschenke seitens H/SH an einen Reeder und Baeumchen-wechsle-dich bei Vergabe von Ministerposten nachzuvollziehen. Und die 'Linke ist keine Wahl, weil sie sich an die SED-Zeit ihrer Kindheit erinnert und auch dort Millionaere die Partei anfuehren. Was tun, Madame?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.