S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Softporno oder Vampire? Was darf's sein?

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Nach dem Tod der Kulturkritik: Es lese das Volk! Fotos
Corbis

Kakerlaken und Leserforen im Netz wird es auch dann noch geben, wenn Vierbeiner und Feuilletons längst ausgestorben sind. Und das ist absolut in Ordnung so. Wer braucht schon Kulturkritiker für die Wahl zwischen Vampirromanen und SM-Kitsch?

Die Zeichen sind so klar, dass man wirklich nicht mehr von eleganten Hinweisen eines höheren Wesens reden kann. Täglich sterben 130 Tier- und Pflanzenarten aus, das Klima, der verschwindende Lebensraum, der Tourismus, die Pestizide. Sie wissen schon: Die Stärksten überleben!

Es werden wohl die Kakerlaken sein. Statt Hundesalons eben Läden, die Kakerlaken-Shampoo und kleine Anzüge verkaufen, mit denen wir unsere sechsbeinigen Lieblinge vor dem Matschwetter schützen, das mit Ausnahme dreier Hitzewochen herrscht.

Intellektueller Sprung: Der britische "Independent" hat die Kulturkritiker seiner Sonntagszeitung entlassen, andere Zeitungen werden ihm folgen, bevor sie völlig zu Grunde gehen. Unter Buchbloggern wird das absehbare Sterben der herkömmlichen Kritik mit einem Schulterzucken kommentiert. Twitterin @annisLesezimmer schreibt in @Buchkolumne: "Kann ich nur bestätigen. Verlasse mich auch lieber auf die Meinung meiner Mitleser, als auf die eines verkopften Buchkritikers".

Früher hätte ich mich über solche Grabgespräche gefreut, denn lange galten mir, wie den meisten Autorinnen und Autoren, Kritiker als Feinde. In 99 Prozent der Rezensionen fühlt man sich falsch verstanden, einem Prozent fühlt man sich oft in lebenslangem Hass verbunden, der drollig ist - beziehungsweise war. Und Kritiker, die sich in einen verbissen haben und nicht ruhen, ehe einer der beiden übrigbleibt: Jeder, der etwas auf sich hält, hat davon ein oder zwei. Meiner hieß Herr Böttiger. Ob er noch lebt? Oder inzwischen eine Umschulung macht?

Die Artenvielfalt stirbt weiter aus

Die Dünkelhaftigkeit des Literaturbetriebs, das Vorbeischreiben am Leser, die verzweifelte Eitelkeit, die Schiebereien, Klüngeleien, das kann man alles furchtbar finden. Und dennoch ist es nun, kurz vor dem Ende, ein wenig traurig, denn es bedeutet: Die Artenvielfalt stirbt weiter aus. Es bleibt: das Netz. Das Volk. Das Blog.

Es gibt gute Buchblogs und erfolgreiche. Die erfolgreichen widmen sich der Besprechung von Fantasy-, Liebes- und Kriminalbüchern. Es überlebt: das Forum. Die Amazon-Bewertungen sind ein Durchschnitt durch das mittelmäßige Menschenhirn. "Zu kompliziert", "verstehe die Aussage nicht", "viel zu deprimierend" heißt es bei Büchern, die mir Freunde sind.

Jubelnd äußern sich die Leser über ein neues drolliges Hitler- oder Pferdebuch. Wunderbar, dass man es kann - grauenhaft, wenn Verbrauchermeinungen das einzige Korrektiv in der Kultur werden. Hatte ich mir mit meiner Aussage, zeitgenössische Kunst würde von Experten in den Kanon befördert, schon viele Freunde gemacht, gilt es doch auch in allen anderen Bereichen unseres Lebens. Für irgendetwas werden Studien doch gut gewesen sein. Zum Beispiel, um sich in Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Raketenbau ein wenig auszukennen.

Keiner muss den Empfehlungen eines Literaturwissenschaftlers folgen, aber als Gegenentwurf zur eigenen Meinung war sie ab und zu hilfreich. Es gab sogar immer wieder Kritiker, die sich neben "Shades of Grey" und "Harry Potter" anstrengender Bücher annahmen, die sie einigen Lesern zugänglich machten. Ich bezweifle, dass es "Ulysses" und "Der Mann ohne Eigenschaften" heute gäbe. Kein großer Verlust, werden die meisten sagen. Es gibt doch tolle Vampirbücher, die unsere Sprache sprechen. Und so ist es eben jetzt.

Spitzen und Tiefen unserer Gesellschaft werden von der Evolution beseitigt. Was bleiben wird, sind die Kakerlaken und der durchschnittliche Mensch mit einem durchschnittlichen Gehirn. Mit Tischmanieren und einer kompletten Nicht-Infragestellung des regulativen kapitalistischen Systems, das uns gerade umgibt.

Zombies, die arbeiten und im Anschluss organisches Essen verzehren, Unterhaltungsbücher konsumieren, Unterhaltungsfilme schauen, Rad fahren und sterben.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 107 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Schnurzelburli 24.08.2013
Jüngere Autoren müssen sich eben auf die Crowd einlassen. Im Übrigen war Vulpius auch schon erfogreicher als Goethe.
2.
niska 24.08.2013
Zitat von sysopKakerlaken und Leserforen im Netz wird es auch dann noch geben, wenn Vierbeiner und Feuilletons längst ausgestorben sind. Und das ist absolut in Ordnung so. Wer braucht schon Kulturkritiker für die Wahl zwischen Vampirromanen und SM-Kitsch? Kolumne von Sibylle Berg über das Ende der Literaturkritik - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-sibylle-berg-ueber-das-ende-der-literaturkritik-a-917615.html)
Sehr richtig und angemessen zynisch wie kulturpessimistisch-melancholisch verpackt. Mehr möchte ich Ihnen heute nicht schreiben Frau Berg, damit sie mich nicht zu den 99% (wenn auch unprofessionellen) Missverstehern stecken müssen.
3. E gibt auch viele Forenten, die so etwas empfehlen
twister-at 24.08.2013
Die annahme, dass es keine Kulturkritik mehr gibt weil die selbsternannten Kulturkritiker nicht mehr Vollzeitjobs innehaben, ist falsch. Zwar mg es viele geben, die bei Amazon Harry Potter und Co rezensieren, auch deshalb weil es so einfach ist. Dennoch gibt es auch viele, die eben die "anspruchsvollen" Bücher rezensieren - und so ie es Leute gab, die den Kulturteil lesen, so gibt und gab es auch Leute, die immer wieder schauen, welche Rezensionen neu sind, welche z.B. wenig gelesen werden usw. oder sich konkret auf weniger "verdauliche" Bücher konzentrieren. Es gibt nur weniger Leute, die dadurch Geld verdienen, diese Bücher zu empfehlen.
4. Schade ...
habmeinemeinung 24.08.2013
... um die Parallelwelt aus kulturschaffenden und kulturkritisierenden Eliten. Schade auch um Postkutsche, Rittertum und die Pocken.
5. Vielleicht sollte der "typische" Kulturkritiker mal umdenken
kingcole 24.08.2013
Es ist doch wirklich wahr. Nahezu jede Kulturkritik ist völlig überintellektualisiert, voreingenommen, verschwurbelt geschrieben. Selbst für an dem Thema Interessierten und Informierten bringen die allermeisten Kulturkritiken kaum Mehrwert oder Erkenntniswert aus Sich des Lesers. Natürlich ist deshalb die Bewertung des durchschnittlichen Amazon Kundens alleine nicht maßgebend und bereichernd. Ich bin froh für jeden sich die intellektuellen Eier schaukeln lassenden Kulturkritiker, der wegrationalisiert wird. Ich wäre dankbar für jede Kulturkritik, die fachlich versiert und zumindest etwas neutraler geschrieben wäre. Gerade beim Spiegel online sind die Kulturkritiken oftmal katastrophal.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 107 Kommentare
  • Zur Startseite
Sibylle Berg

Facebook