S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Die Letzten ihrer Art

Auf einem Fest des Hanser Verlags standen sie beisammen, saßen am Boden, rauchten, tranken, freuten sich an Manuskripten: Die Vertreter einer versinkenden Welt der Bücher, die mehr sind als Bestseller und Stapelware. Prost auf den Untergang!

Eine Kolumne von


Mein Verlag - wie eitel das klingt -, der Hanser Verlag also, feierte ein Fest, ich weiß nicht genau, warum. Vielleicht feierten sie ihr Überleben oder den Herbst, es war gestern. Die mit Büchern vollgestellten, nach Papier riechenden Räume in einem Haus in einem Münchner Villenviertel in dem fast nur noch Fußballer wohnen, waren mit Menschen gefüllt, die man auf der Straße vermutlich übersehen würde. Buchmenschen, mit altem Kaschmir und Senftönen, mit Schals um den Hals und guten Manieren. Menschen, die aussehen wie Bücherregale, auf den zweiten Blick interessant. Herr Enzensberger redete mit dem Übersetzer schwieriger Eco-Werke, Joachim Kaiser las irgendwas. Alle rauchten und tranken viel, aber nicht so viel, dass es laut oder unangenehm geworden wäre. Michael Krüger saß umringt von Frauen, die sich ausschließlich für Literatur zu interessieren scheinen, und erzählte vom Osten oder vom Krieg.

Ich fühlte mich alt und aussterbend und wurde traurig, wie man es eben wird, wenn man aus der Zeit fällt und man Veränderungen begrüßen muss, weil die Alternative Altersstarrsinn wäre. Da saßen sie also, die bösen Verwerter, die Feinde der Internetgeneration, die Blutsauger, denen man das Wasser abgraben muss, beziehungsweise das Geld. Indem man es armen Underdogs wie Amazon gibt. Die senffarbenen Blutsauger bei Hanser, die alle an Werte glauben, die heute kaum mehr einen interessieren, weil sich mit ihnen kein Geld machen lässt.

Es ist der untergehende Luxus, sich mit für die Geldbeschaffung komplett Sinnlosem zu beschäftigen und es ernst zu nehmen. Es hat mit Liebe zu tun. Verleger Krüger ertappt mich und Enzensberger dabei, wie wir ein Manuskript betasten, er nimmt es uns weg mit strafendem Blick. Es ist wunderbar, es ist eine Haltung. Leichter Ekel in den Gesichtern der Verlagsmitarbeiterinnen, wenn sie darüber reden, was heute die Bestsellerlisten anführt. Vermutlich kann man ihnen Weltfremdheit vorwerfen. Aber kann man jemandem wirklich vorwerfen, mit der Welt, wie sie erscheint, nichts anfangen zu können?

Nennen Sie mich Frau Wulff

Zigarettenrauch, Rotwein, Diskussionen über die Neuübersetzung von Gustave Flaubert und Sorgen wegen der Veränderungen, die in immer schnellerer Folge in den vergangenen hundert Jahren das Leben der Menschen bereichern. Je nachdem. Das Büro von Michael Krüger, vielleicht einer der letzten Verleger Deutschlands, die noch sind, wie man sich das als Schriftstellerin früher vorstellte, Freund eines Dutzends Nobelpreisträger, ist voller Rauch. Am Boden sitzen Damen, die man nie am Boden sitzend erwarten würde. Die letzten Freaks in einer Welt, die in Europa einen Wertewandel wie noch nie erlebt, in der jeder kleine dumme Investmentbanker mehr Macht hat als ein Lektor, der jahrelang studiert und promoviert hat. Ich jammere. Nennen Sie mich Frau Wulff. Enzensberger geht zu Bett, das Buffet ist leer, ein Schnaps wird herumgereicht, Prost auf den Untergang.

Es ist nicht zu ändern, dass wir unsere Bücher heute bei Amazon herunterladen, dass kleine Büchereien mit seltsamen Buchhändlern aussterben, dass kleine Verlage zu großen Monstern zusammengelegt werden und dass das Buch einer PR-Beraterin auf den Bestsellerlisten steht, aber bedauern kann man es doch. Denkend an all die seltsamen Menschen, die in der Welt dort draußen nicht überleben könnten, weil sie in norwegischen Häusern zehn Jahre an einem Gedicht schreiben oder irgendein seltsames russisches Buch übersetzen müssen, von dem für sie das Weiterleben abhängt. Bedauern kann man, dass so etwas Wunderbares wie feine kleine Verlage solche Angst haben muss, wie wir alle vor unserer umfassenden Verblödung.

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insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
senftenberg 13.10.2012
1. Herrlicher Beitrag!
Zitat von sysopAuf einem Fest des Hanser Verlags standen sie beisammen, saßen am Boden, rauchten, tranken, freuten sich an Manuskripten: Die Vertreter einer versinkenden Welt der Bücher, die mehr sind als Bestseller und Stapelware. Prost auf den Untergang! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-sibylle-berg-ueber-den-niedergang-der-verlagswelt-a-860321.html
Ein guter, richtiger (dabei nicht verklemmt-bierernster) Beitrag!
Milmo 13.10.2012
2. Oh! Ein Sittengemälde, ...
Zitat von sysopAuf einem Fest des Hanser Verlags standen sie beisammen, saßen am Boden, rauchten, tranken, freuten sich an Manuskripten: Die Vertreter einer versinkenden Welt der Bücher, die mehr sind als Bestseller und Stapelware. Prost auf den Untergang! http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-sibylle-berg-ueber-den-niedergang-der-verlagswelt-a-860321.html
... und nicht schlecht gelungen! Aber: Wurde nun ein Schnaps (der bäurischen Art, Enzian oder so) gericht, oder ein Grappa der Mittelklasse, oder ein vornehmer Cognac, oder ein auftrumpfender Whiskey? Welche Farbe hatte der Branntwein?
majestic12 13.10.2012
3. Selbst Schuld
Hallo Frau Berg, ich habe Romane von Ihnen gelesen, die mich begeistert haben, und ich habe Sachen von Ihnen gelesen, bei denen ich mir dachte - mein Gott, schreibt die Frau einen Blödsinn. Aber alles, was ich von Ihnen gelesen habe, habe ich GERNE gelesen. Weil Sie nicht für ein paar Hipster-Literaturkritiker schreiben, sondern für MICH - den Leser. Und jetzt frage ich Sie - wievele Bücher deutscher Autoren haben Sie verschlungen, haben Sie so gefesselt, dass Sie die Nudeln auf dem Herd vergessen haben? Und durch wieviele Bücher deutscher Autoren mussten Sie sich durchquälen, alleine motiviert durch den Gedanken: irgendwann muss es ja zu Ende sein??? Eben. Da haben Sie Ihre Antwort.
kroetilein 13.10.2012
4. Liebe Dame,
dies ist für mein Empfinden das Klügste und Schönste, was Sie je geschrieben haben in dieser Sparte. Melancholisch wie der Herbst - und so wahr! Danke dafür!
xeniana 13.10.2012
5. Göttlich
Ich liebe ihre Kolumne!
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