S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Das Geschlecht, das gerne hupt
Sie singen schlecht und streicheln ihren Computer. Sie können oft nicht tanzen. Und weinen erst recht nicht. Sie klopfen sich auf den Rücken, weil sie nicht wissen, wie eine Umarmung geht, trinken Bier, weil sie nicht wissen, wohin mit den Händen - kann man Männer eigentlich lieben?
Der Freund einer Bekannten sagte ihr, dass ich ja wohl eine Männerhasserin sei. Der Vorwurf war von so einer Ungeheuerlichkeit, dass ich verstört war. Nicht getroffene Hunde bellen, die sind ja dann tot, sondern das Vorbeischießen macht sie ungehalten. Wie kam der Mann auf diese abenteuerliche Idee? Kannte er mich? Hatte ich ihn nicht gegrüßt?
Falls er noch lebt, möchte ich ihm heute schreibend mitteilen, dass ich Männer liebe. Frauen liebe ich auch, alte Menschen, kleine, große, ich liebe Menschen stehend und liegend, und ich wüsste nicht, wie man anders leben kann. Ich möchte keinen Tresor, in dem Munch-Bilder liegen, über die ich mit bebenden Fingern streichen kann. Ich möchte nicht allein auf einer Insel sein, ich möchte nicht erregt auf meine Goldbarren blicken. Sondern ich möchte weiter durch den Austausch von Freundlichkeit mit anderen am Leben erhalten werden. Zu sehen, wie Fremde einander helfen, wie sie sich umeinander sorgen. Wie glücklich einer ist, wenn er unerwartet eine Anteilnahme erfährt. Das ist es, was einen Tag zu einem guten werden lässt.
Ich liebe Männer, zugegeben ein wenig mehr, wenn sie nicht in Gruppen auftreten oder hupen. Ich habe sie sehr gerne, wenn sie frieren oder schwitzen, wenn sie Angst haben und lieb zu ihren Kindern sind, wenn sie stolpern oder nachdenklich in den Himmel schauen. Ich habe sie gerne, wenn sie sich vor dem Tod fürchten oder Sorge haben, sie könnten nicht klug genug sein oder schön genug. Wenn sie sich fragen, was sie auf der Welt sollen, ob es einen Sinn im Leben gibt, und warum ausgerechnet sie nicht wissen, welchen. Ich liebe Männer, wenn sie essen und trinken, wenn sie sich in Anzügen albern vorkommen, wenn sie schlecht singen oder ihren Computer streicheln.
Wohin mit den Händen?
Ich liebe Männer, die aufmerksam sind und Alten helfen. Wenn sie sich auf den Rücken klopfen, weil sie sich nicht umarmen können, wenn sie sich Sorgen machen, wenn sie sich versprechen, wenn sie über sich lachen können. Weinen, weinen müssen sie nicht können, und tanzen erst recht nicht. Sie können stumm sein und nicht reden wollen, über Gefühle schon gar nicht, wer will schon über Gefühle reden.
Ich liebe Männer, wenn sie krank sind und nicht krank sein wollen, wenn sie Angst haben, alt zu werden, dick zu werden oder zu dünn. Wenn sie nicht wissen, wohin mit ihren Händen, wenn sie traurig sind am Ende des Sommers und nicht wissen wieso, wenn sie nicht über Gefühle reden, weil es ihnen blöd vorkommt. Dann lesen sie eben oder hören eine Musik und weinen nicht und sehen Fußball und erregen sich und fragen sich nicht, warum. Ich liebe Männer, die Angst vor dem Arzt haben und unordentlich sind, nicht kochen können und Bier trinken, weil sie nicht wissen, wohin sonst mit ihren Händen. Und der Bauch ist zu dick und der Chef ein Idiot, und das macht ihnen schlechte Laune, und dann hupen sie, und dann hasse ich sie kurz.
Ich liebe Männer, wenn sie jung sind und außer groß werden nichts wollen, und wenn sie alt sind und ihre Muskeln trainieren, und wenn sie zu viel reden und nicht aufhören können. Und wenn sie stolz auf sich sind, und wenn sie immer noch nicht weinen, weil doch vieles zum Weinen ist, aber es doch nicht weiterhilft, das Geweine. Ich liebe Männer, die Frauen gefallen wollen oder anderen Männern und die Angst um ihre Kinder haben und ihre Frauen oder ihre Männer. Ich liebe sie gesund und krank, in allen Aggregatzuständen, so wie ich alle Menschen liebe, die mich umgeben, die mein Leben zu einem machen, das mir gefällt, und ich möchte keinen von euch missen. Jeden, der anderen nicht schaden will oder die Schädigung anderer nicht billigend in Kauf nimmt.
Das würde ich dem Bekannten der Bekannten gerne sagen, an diesem Tag im ausgehenden Sommer, und werde ihn nicht erreichen. Schade, denn nichts ist unangenehmer als das Gefühl, sich von einem anderen gehasst zu fühlen.
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- Samstag, 01.09.2012 – 10:45 Uhr
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Sibylle Berg lebt heute in Zürich. Sie hat bislang zwölf Bücher veröffentlicht. Ihr aktueller Roman "Vielen Dank für das Leben" (im SPIEGEL-Shop...) wird gerade ins englische und französische übersetzt. Die zwölf Theaterstücke von Sibylle Berg werden an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland gespielt. Seit ihrer letzten Co-Regie ("Angst reist mit") im Staatstheater Stuttgart ist sie Teil des Regiekollektivs Berg & Förster.- Homepage von Sibylle Berg
- Buchtrailer "Vielen Dank für das Leben"
- Autorenseite des Hanser Verlags
- Sibylle Berg auf Twitter
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