S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Zieht die Freier zur Rechenschaft
Anfahrt, Akt, Abfahrt: Die sogenannten Verrichtungsboxen gelten als humanes Mittel im Kampf gegen den unmenschlichen Straßenstrich. Das ist Unsinn. Die einzige Lösung ist, die Prostitution zu verbieten - und die Freier zur Rechenschaft zu ziehen.
Schau nur, was für hübsche Verschläge. Und sogar Luft kommt rein! Zufrieden klopfen sich Politiker auf die Schultern. Haben sie doch endlich auch in der Schweiz ein humanes, aufgeräumtes und sicheres Mittel gegen die Problematik des Straßenstrichs gefunden. Die Verrichtungsboxen.
Diese grauengewordene Mischung aus Straflager und Gnadenhofverschlag lädt an den Rändern der Städte zum bequemen Benutzen von Frauenkörpern ein. Abspritzen, abwischen und unbeobachtetes Wegrollen im heimischen Pkw. Alle sind zufrieden. Ein Sozialarbeiter wartet im mobilen Wägelchen und verteilt Kondome, näht eingerissene Vaginas wieder zu, entlässt geputzte Frauen ins Freie.
Seid ihr eigentlich alle verrückt geworden? Wie soll es wirkliche Gleichberechtigung geben, wenn um die Ecke Frauen auf einen Besamer warten, für ein paar Scheine? Wie sollen wir jemals Respekt von einer Hälfte der Menschheit für die andere erreichen, wenn die eine Hälfte die andere zum Besteigen kaufen kann? Wie soll ein Mann unterscheiden können, welche Frau er kaufen kann und welche nicht? Wie sollen Männer lernen, dass es nicht in Ordnung ist, Frauen für den Gegenwert einer guten Socke zu benutzen, wenn sie es doch immer noch können?
Demonstrieren Sie! Regen Sie sich auf!
Seid ihr alle noch zu retten? Die einzig richtige Konsequenz gegen die Prostitution ist, sie zu verbieten und die Freier zu bestrafen. Das läuft in Schweden ganz hervorragend. Freier zu kriminalisieren ist eine prächtige Idee. Menschen sind begrenzt lernfähig, und oftmals genügt ein properes Gesetz, um sie zum Umdenken zu bewegen.
Nach einigem Genörgel, dem ewig gleichen Ableiern ewig gleicher Nullsätze vom ältesten Gewerbe der Welt, unbedacht der Tatsache, dass es vielleicht tausend Jahre normal war, Frauen zum Gebrauch zu kaufen, aber es auch erst seit 50 Jahren so etwas wie eine gesetzlich verankerte Gleichberechtigung in einigen Teilen der Welt gibt, ändert sich manches eben nur durch Verbote.
Dazu gibt es Regierungen. Nicht zum sozialdemokratisch verständnisvollen Kopfnicken, der Auflistung von Bedürfnissen, dem unglaublichen Fortschritt, Prostitution zu legalisieren und von Prostituierten Steuern einzutreiben, sondern schlicht in der Bestrafung derer, die von der Legalisierung der Prostitution profitieren. In Schweden hat sich die Straßenprostitution halbiert. Sie ist für den Menschenhandel unattraktiver geworden. Und ein Umdenken hat begonnen.
Vielleicht ist es ja nicht normal, den Körper eines anderen Menschen, meist sind es Frauen, zu kaufen und zu benutzen. Richtig. Es sollte eine Straftat sein, und zwar nicht für die Prostituierten. Die wir ohne nachzudenken als Huren oder Nutten bezeichnen. Verstört sehe ich Massen gegen Netzsperren demonstrieren, aber keiner steht mit Anonymous-Masken vor den Verrichtungsverschlägen. Vermutlich wäre die Entrüstung der Bevölkerung größer, würden in ihnen Tiere zur sexuellen Benützung angeboten.
Verbote lösen Probleme nicht völlig. Aber sie helfen auf dem Weg in eine Gesellschaft, in der die Vernunft sich mehr und mehr durchsetzt. Das Züchtigungsrecht des Ehemanns gegenüber seiner Frau wurde in Deutschland 1928 abgeschafft. Das Recht zur "väterlichen Zucht" des Lehrherren gegenüber den Lehrlingen wurde am 27. Dezember 1951 aufgehoben. Im Jahr 2013 wäre es an der Zeit, die gekaufte Verfügungsgewalt einer Menschengruppe über eine andere definitiv unter Strafe zu stellen. Schauen Sie sich die Verrichtungsboxen im Internet an. Fragen Sie sich, ob Sie, Ihre Tochter, Ihre Mutter dort als Entsamerin arbeiten sollte. Demonstrieren Sie! Regen Sie sich auf! Danke.
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- Samstag, 20.10.2012 – 15:46 Uhr
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- Fragen Sie Frau Sibylle: Alle Kolumnen
Sibylle Berg lebt heute in Zürich. Sie hat bislang zwölf Bücher veröffentlicht. Ihr aktueller Roman "Vielen Dank für das Leben" (im SPIEGEL-Shop...) wird gerade ins englische und französische übersetzt. Die zwölf Theaterstücke von Sibylle Berg werden an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland gespielt. Seit ihrer letzten Co-Regie ("Angst reist mit") im Staatstheater Stuttgart ist sie Teil des Regiekollektivs Berg & Förster.- Homepage von Sibylle Berg
- Buchtrailer "Vielen Dank für das Leben"
- Autorenseite des Hanser Verlags
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