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21. Dezember 2013, 11:49 Uhr

S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle

Nicht aufgeben, das Gute siegt!

Eine Kolumne von

Anteilnahme muss man sich erlauben können. Selbstlos kann nur derjenige sein, der kein Bluffer ist. Die Welt ist verblüffend voll mit guten Menschen. Ihr Leben ist anstrengender. Macht aber entschieden mehr Spaß.

Behauptungen verdunkeln unsere Welt wie Aschewolken. Viele Manager behaupten Kompetenz, Experten behaupten, den klaren Durchblick und diverse Lösungen zu haben, Autoren behaupten zu wissen, was schon immer mal gesagt werden musste, Intendanten behaupten Leitkultur, Impfgegner und -befürworter behaupten, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, manchmal behaupten sogar Ärzte, Ärzte zu sein. Und nachts, denke ich, müssen sie alle doch mit rasendem Herz liegen, vom Schlaf nicht bedacht, und befürchten, dass irgendjemand ihnen auf die Schliche kommt. Und sagt: Wir haben herausgefunden, dass du keine Ahnung hast und jeder deinen Job spielend erledigen kann.

Bluffer, so meine heutige verwegene Theorie, nehmen andere nicht wahr, weil die Aufrechterhaltung eines Status so eine fragile Angelegenheit ist. Nur nicht innehalten und stolpern, nur nichts vom eigenen Zweifel zeigen. Von der Ahnung der Sterblichkeit. Anteilnahme muss man sich erlauben können. Selbstlosigkeit hat, wer weiß, dass es seiner großartigen Persönlichkeit nichts nimmt, sich nicht nur mit sich selber zu beschäftigen.

In diesem Fall lohnte die Nachfrage

Darrell Barton ist ein rundlicher Busfahrer in Buffalo, USA. Aus dem Augenwinkel bemerkt er auf seiner Tour, weiß der Geier von wo nach wo, eine Frau, die über die Gitter einer Brücke geklettert ist und springen will. Vermutlich. Der Busfahrer stoppt mitten auf der Straße, zieht die Frau zurück auf die sichere Seite der Absperrung und beginnt, mit ihr zu reden.

Das Recht zur Selbsttötung ist unantastbar, aber in diesem Fall lohnte die Nachfrage. Die junge Frau war noch nicht so weit, vielleicht wird sie es nie sein und die kurze Zeit bis zum Tod einfach absitzen. Vielleicht wird sie irgendwann wieder versuchen, sich aus dem Leben zu befördern, dann aber zu einem entschiedenerem Zeitpunkt. Egal, wir werden es nicht erfahren. Jetzt aber gibt es das Video von Bartons Hilfsaktion, aufgenommen von einer Überwachungskamera. Die klatschenden Leute im Bus, die Rührung, hervorgerufen durch die kurze kollektive Idee, dass es das Gute gibt. Und dass es siegt, so wie wir es alle von diversen Märchen und Religionen gelernt haben.

Diese erstaunlichen Momente, in denen Menschen selbstlos handeln, erschüttern so fundamental, weil sie wie eine Fata Morgana sind. Etwas, das sein könnte. Es rührt mich bereits, wenn Menschen in Chören singen, einfach so, und in Fußgängerpassagen Blasmusik spielen, ohne etwas zu erwarten. Einfach, weil es ihnen gute Laune macht, die sie an andere weitergeben wollen. Im Chor singende Menschen, die über sich wachsen, ein vollkommen aus der Zeit gefallenes Phänomen, fast so wie hilfsbereite Menschen. Die sich vor andere stellen, ihnen auf die Beine helfen, die handeln, ohne zuerst an sich zu denken oder an den Nutzen, den sie aus etwas ziehen können.

Die Welt ist voll von ihnen. Jeder ein fleischgewordenes "Nicht aufgeben", das er anderen zuflüstert. Statt zu beschimpfen und zu hassen. Etwas Freundliches sagen. Es ist anstrengender, als einen Tunnelblick einzustellen, nichts zu sehen außer der eigenen Behauptung. Es ist anstrengender, macht aber entschieden mehr Spaß. Das war mein Wort zum Sonntag. Jetzt Sie.

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