S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Gewissen in Mülltüten

Die Wälder brennen, die Stürme werden stärker und wir? Trennen Abfall. Nur kurz dringt der Niedergang der Welt in unser Bewusstsein, dann wenden wir uns wichtigeren Dingen zu. Dem Chef. Der Türklingel. Dem Klimawandel?

Eine Kolumne von


Dieses unbestimmte Unbehagen, wenn wir von der Dürre in Amerika hören, von den Polarkuppen, die schmelzen. Dieses unbestimmte Grauen, wenn auch in unserer Nachbarschaft die Flüsse neuerdings über die Ufer treten, Hurrikane durch Deutschland fegen, im Süden Europas die Wälder kaum mehr zu brennen aufhören.

Und dann wenden wir uns mit dem Unbehagen in uns den Dingen zu, die wir meinen, beeinflussen zu können. Dem Boykott irgendeines politischen Knallchargen, dem Trennen von Müll und dem Protest gegen Gebäude, dem Kampf gegen Windräder. Oder wir regen uns kurz auf und dann klingelt es an der Tür, und der Chef nervt außerdem stark. Wir haben genug Ärger, wir, die wir nicht aktiv sind und die wir uns von einigen kapitalistischen Giganten die Zukunft unter dem Hintern wegreißen lassen.

Oder vielleicht ist ja alles auch nur übertrieben? Vielleicht gibt es die Ökolobby, die uns alle belügt? Ich habe keine Meinung, und ich sortiere Müll, ich fahre mit der Bahn, ich weiß es doch nicht besser, so viel ich auch lese. Ich weiß nichts, und das macht, dass ich stillhalte, ruhig bin, mich über irgendetwas aufrege, das ich verstehe. Ein Artikel macht gerade die Runde durch wenige deutschsprachige Medien.

Nach dem Lesen denkt man: Und jetzt? Jetzt also alles wieder auf Katastrophe? Was sollen wir denn noch alles erledigen, was können wir gegen die Politik Amerikas und Chinas und gegen unsere eigene... Halt! Unsere eigene Politik haben wir ja zu verantworten. Wir haben das Wachstum gewählt und das freie Recht auf Offroader. Wir haben unser Gewissen beruhigt mit verschiedenfarbigen Mülltonnen. Und die Zahlen in dem Artikel von Bill McKibben lassen sich vermutlich sofort widerlegen.

Wissenschaftler sind ja auch nur Menschen. Und bei den aufgelisteten Feinden der Welt, den Feinden, für deren Wachstum die Vernichtung der Welt nicht nur in Kauf genommen wird, sondern Bedingung ist, den Ölfirmen, arbeiten die besten von ihnen. Zahlen, die wir alle nicht begreifen. Was wir verstehen, ist das Unbehagen und den Regen zu seltsamen Jahreszeiten. Die Überschwemmungen, der Hagel, die Stürme, die in jedem Jahr stärker werden. Und Klimaexperten, die lächelnd sagen: Alles ist im normalen Mittel.

Die Dinosaurier haben auch CO2 produziert, die beruhigen uns nicht mehr. Wir müssen Experten werden, ob wir wollen oder nicht, wir müssen unsere Welt retten, denn Exxon-Chef Rex Tillerson wird es nicht tun. Die Regierungen, die weltweit über unser Leben bestimmen und die von der Wirtschaft kaum zu trennen sind, werden es nicht tun. Lesen wir uns wirklich Parteiprogramme durch? Ich selten.

Ich war überrascht von der unglaublich verpassten Chance, auf die Krise der deutschen Autoindustrie mit Weitsicht zu reagieren. Aber wer würde eine Partei wählen, die Opel mühsam umfunktioniert, die Geschwindigkeit begrenzt, Offroader besteuert? Bringt die Bevormundung des Konsumenten Wählerstimmen ein? Witze machen über die Klimaerwärmung, ist ja eh noch zu kalt bei uns, und damals das Waldsterben, erinnern Sie sich? Alles Lobby-Quatsch, Hysterie.

Was sollen wir denn noch machen? Was bekämpfen? Wogegen demonstrieren? Die Sonne scheint. Es ist warm. Wir haben ja noch Zeit. Alles in Ordnung.
(Abgang Berg auf den Balkon)

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle


insgesamt 74 Beiträge
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Seite 1
forumgehts? 25.08.2012
1. Der
Zitat von sysopDie Wälder brennen, die Stürme werden stärker und wir? Trennen Abfall. Nur kurz dringt der Niedergang der Welt in unser Bewusstsein, dann wenden wir uns wichtigeren Dingen zu. Dem Chef. Der Türklingel. Dem Klimawandel? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-sibylle-berg-ueber-unbehagen-und-engagement-a-851526.html
Weltschmerz ist der kleine Bruder der Langeweile. Wenn Sie sich erst einmal damit abgefunden haben, dass Sie den Weltuntergang durch Ihre Exixtenz höchstens um 1/10 Sekunde beschleunigen können, relativieren sich die trüben Gedankendoch recht schnell und Sie können sich einer Tätigkeit zuwenden, die Ihnen Spass macht.
Daemion 25.08.2012
2. Konkrete Lösungsmöglichkeiten fehlen
Als Weltschmerz würde ich den Artikel von Frau Berg nicht gerade bezeichnen, da er sehr akut die aktuellen Problematiken offenlegt, ebenso jedoch auch die Art, wie Menschen mit Problemen umgehen: Sie ignorieren sie, es sei denn, sie passieren anderen, dann wird darüber geredet. Dieser Artikel ist recht provokant verfasst und darin liegt auch der Fehler (ich war auch mal so :P). Menschen möchten sich keine Vorwürfe anhören, nur das, was sie alles richtig und toll machen. Und kein Umweltsünder wird sich den Text zuende lesen. Das ist ähnlich sinnvoll wie die Beschriftungen auf den Zigarettenschachteln (habe ich nicht irgendwo gelesen, die sollen bald entfernt werden?). Wenn man Menschen etwas nahe bringen will, fängt man mit Lob an. Dann kommt der Teil, indem über akute Probleme gesprochen wird. Am Ende werden Lösungsmöglichkeiten aufgezählt. Egal, wie wütend man ist, wenn man solch einen Text verfasst und wie sehr man im Recht damit ist, die Menschen wollen das nicht. Sie klicken es weg "Das betrifft mich nicht. Die anderen vielleicht." Mit so etwas muss man clever vorgehen. Man muss die Menschen sachlich überzeugen und trotzdem emotional sein, ohne sie zu kritisieren. Das Ziel ist, sie zum Nachdenken anzuregen. Auch, wenn das in vielen Fällen das einzige ist, so gibt es (noch) keine andere Möglichkeit. Viel Erfolg auch weiterhin, Frau Berg, ich bin auf Ihrer Seite. Es ist durchaus möglich, etwas für die Welt zu tun und sich hin und wieder dennoch mal auszuruhen. Grüße
Europa! 25.08.2012
3. Danke für den Link!
Zitat von sysopDie Wälder brennen, die Stürme werden stärker und wir? Trennen Abfall. Nur kurz dringt der Niedergang der Welt in unser Bewusstsein, dann wenden wir uns wichtigeren Dingen zu. Dem Chef. Der Türklingel. Dem Klimawandel? http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/kolumne-von-sibylle-berg-ueber-unbehagen-und-engagement-a-851526.html
Liebe Frau Sibylle, abgesehen von der etwas verquasten Überschrift (haben Sie womöglich gar nicht zu verantworten) ein sehr guter Kommentar, der seinen Wert vor allem durch den Link zum ROLLING STONE erhält. Es gibt so viel, worauf Deutschland stolz sein kann (z.B. Photovoltaik), warum klammern wir uns bloß an die dämlichen Autos mit immer dickeren Motoren?
spon-facebook-10000330824 25.08.2012
4. Abgang Berg auf den Balkon
Sibylle Berg hat ja recht. Nicht nur sie weiss es auch viele viele andere. Aber ist es eine Lösung wenn Frau Berg nichts mehr sagt und auf dem Balkon bleibt? Wenns hilft: Bleiben Sie liebe Frau Berg auf dem Balkon bis es Ihnen zu kalt wird aber kommen Sie bitte wieder zurück - weil wir Sie brauchen.
d.nix 25.08.2012
5. Tenor in Moll
Grundgedanken heute: entscheidungsbewußtes Leben ist kompliziert, man erkennt Probleme ohne darauf Einfluß zu haben, man kompensiert durch Riten des Korrekten, man wird gleichgültig. Eigentlich ist nichts davon speziell für die aktuelle Zeit. Auch im 16. Jh. gab es eine Informationsüberflutung durch ein neues Massenmedium, auch damals entstand Unruhe. Der Betrieb lief weiter mit den Leuten engeren Horizonts aber konkreter Aufgabe. Auch in einer Umbruchzeit ist nicht jede Hysterie Quell der Wahrheit. Die gemessenen Klimadaten sind kaum strittig, sofern sie nicht an der Universität of East Anglia oder bei der UNO frisiert wurden mit Hoffnungen auf Forschungsgelder. Der fragwürdige Punkt ist nur die Deutung. Wer behauptet, eine (allerdings normale) Trendentwicklung der Meßwerte sei direkt und unzweifelhaft von Menschen verursacht, hat bis heute keine gültigen Beweise, aber viel Glauben an die Macht des Menschen. Übrigens ist dieses Jahr El Nino. Das war letztes Jahr nicht so und wird nächstes Jahr auch nicht sein. Dann wird es andere Naturkraft-Schäden geben. Was bleibt ist die Einsicht, daß man heute zu hohe Ansprüche an Normalität hat in Dekadenzgesellschaften.
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