Überwachung im Netz Wie richtig guter Sex mit vielen Zuschauern

Sie haben nichts zu verbergen? Die Debatten um Sicherheit im Internet halten Sie für nervig und übertrieben? Na, dann hoffen wir mal, dass alles gut geht.

Vermessene Pupille
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Vermessene Pupille

Eine Kolumne von


Das Netz ist kaputt. Man müsste es beerdigen und neu erfinden. Alles, was sich einige am Anfang unter Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit vorgestellt haben, die bessere Welt in der Welt, fand nicht statt. Wie auch, es sind ja Menschen am Projekt Internet beteiligt. Neben nervenden Hackern, die einfach nur kriminell sind und einen zur täglichen Neunachrüstung zwingen, und denen gerade alle Medien ihre Aufmerksamkeit widmen (klar, es geht ja auch um, Achtung: Geld), ist die Meta-Bedrohung fast vergessen. Weil: Sieht man nicht. Weil: Ich hab doch nichts zu verbergen. Sagen die Menschen, die alle Citizenfour hätten sehen können.

Nein, ich habe nichts zu verbergen, sagen also selbst vernünftige Menschen und lassen mich ratlos zurück. Und weiter geht es im Bundestag.

Gesichtserkennung, dann Speicherung; die Fingerabdrücke haben die meisten ja schon freiwillig in ihr Handy gedrückt. Was ist denn nur los? Überwachung ist doch gut, wegen der Terroristen, denken sie, und: Was kann ich schon dagegen tun? Mit Letzterem haben sie fast recht. Im Prinzip kann man wenig tun, außer die Überwachung anstrengend zu machen.

Sie haben nichts zu verbergen? Ernsthaft? Es klingelt. Ein Rudel dicker Männer steht vor der Tür, und Sie bitten die in Ihre Wohnung. Sie gruppieren sich nachts um Ihr Bett und schauen Ihnen beim Sex zu.

Klappt nicht? Na schade, dann nehmen wir mal Ihre Werte. Hm, der Blutdruck ist miserabel, also das müssen wir der Kasse melden. Hoppla, wo kommt denn die Erhöhung der Prämie her? Egal. Die Fremden in der Wohnung beobachten das Wichsen vor Youporn. Sie durchstöbern die Notizbücher, die Adresslisten, sie rufen zum Spaß mal alle Expartner an und fragen nach den Ernährungsgewohnheiten - ups, müssen sie gar nicht, die Daten sind ja auch so erfasst. Die Leute begleiten alle Ihre Einkaufstouren, ein bisschen viel Alkohol, was?

Hoffen wir einfach, dass Sie niemandem im Weg stehen

Sie wissen, wann man sich mit wem wie lange trifft, sie beobachten die Affären der Eltern, komisch, der Viagra-Spam im Postfach. Sie lesen die Mail, in der sich der Vater über den Chef beklagt (impotentes Stück Mist) und die Mails der Gattin, die sich nach Besuch einiger Verschwörungspages mit ihren Freunden über Rauschgift austauscht.

Sie bekommen eine Job-Absage nach der anderen? Komisch, oder? Die Leute beobachten Ihren BMI, die Launen, die Tränen in der Nacht (sind Sie vielleicht depressiv?), die Häufigkeit des Stuhls, das Wechseln der Geschlechtspartner und die politische Einstellung. Dann betrachten sie den Kontostand, den Versuch, bei der Steuer zu lügen, und vielleicht kommt ja morgen oder übermorgen ein neues Gesetz, das das Betrachten von Pornografie unter Strafe stellt. Sie wollten nur mal schnell schauen, oder?

Hoffen wir doch einfach darauf, dass Sie nie einen Job antreten wollen, in dem Sie erpressbar sind. Hoffen Sie einfach darauf, dass Sie nie eine Versicherung in Anspruch nehmen, dass Sie nie eine Rente beantragen. Hoffen wir, dass Sie den Kredit für Ihr Haus bekommen (als Depressive). Hoffen wir, dass Sie nie jemandem, der mächtig ist, im Weg stehen, Sie niemanden mit Ihrem Sexverhalten brüskieren, oder Ihr Gesicht oder Ihr Essverhalten sich im Rahmen der Norm bewegen.

Ihre Daten sind gesammelt, Ihre Fingerabdrücke registriert, Ihre Iris gescannt. Hoffen wir einfach, dass alles gut geht. Hoffen wir, hoffen wir.

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insgesamt 134 Beiträge
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Seite 1
sikasuu 03.06.2017
1.
Ach Sybille, schön beschrieben, werde ich gleich bei FB liken & alle meienen Bekannten parr massenmail fwd! Erklär das aber mal den Internetausdrucken! Nicht nur denen in Berlin, bei denen habe ich den Verdacht die wissen zum GROSSEN Teil schon & stellen sich bloß dumm... sondern denen im Nebenzimmer. . Was hast du für ein Betriebssystem "Firefox"... kein Witz real gehört und mit solchen Leute, die täglich mit dem Netz arbeiten, soll man ernsthaft über Netz reden, im Netz umgehen? . Mach weiter so, immer wieder die darauf hinweisen, das "sie aus ANGST& weil gefühlte Sicherheit ja SO wichtig ist, Selbstmord (h.h freiwillige Abschaffung von Freiheit&Grundrechten) fordern!". . So wie viele Menschen NICHT begreifen können, dass z.B. der Sternenhimmel einen Illusion ist, dass das, was sie im Moment sehen schon vor Jahrhunderttausenden geschehen ist, so wenig werden viele deine "guten Argumente" verstehen. . "Jetzt werde ich schon X-Jahre überwacht und habe nichts nachteiliges bemerkt!" :-(( . Hab deinen Beitrag gespeichert, ist beim täglichen Kleinkrieg ein kleines Steinchen mehr in der Argumentation! . Venceremos? Vielleicht?
schillerphone 03.06.2017
2. Fingerabdrücke und Irisscans
Fingerabdrücke und Irisscans bleiben auf den Geräten. Die werden in den Kernel geschrieben und der Hersteller hat keinen Zugriff darauf. Auch werden die Scans nicht im Backup gesichert. Aber grundsätzlich ist der Artikel natürlich richtig.
muskat51 03.06.2017
3. Endlich!
Das habe ich schon etlichen Mitbürgern gesagt, wenn auch weniger gekonnt formuliert. Die Leser bitte ich, diese Erkenntnisse weiterzutragen; es liest leider nicht jeder Frau Berg.
beob_achter 03.06.2017
4. Sehr geehrte Frau Berg,
was mache ich nur, wenn ich keine diese von Ihnen so blumig beschriebenen Tätigkeiten zulasse oder gar ausführe? Sie postulieren in Ihrem Artikel, daß "Alle" sich mehr oder weniger so verhalten. Sie können annehmen, was sie wollen, aber Sie sollten nicht das Mißtrauen und die Wachsamkeit der alten 68-er unterschätzen! Da Sie jünger sind und diese Zeit in der SBZ nicht aktiv miterleben konnten, möchte ich Sie bitten, dem Volk nicht pauschal die digitale Demenz zu "verpassen". Sascha Lobo kann das viel differenzierter, und er hat es auch nicht nötig, seine Artikel zu "fäkalisieren".
steueragent 03.06.2017
5. Mensch Berg, Volltreffer!
Ich würde meinen, so gut haben Sie es noch nie auf den Punkt gebracht. Hoffentlich wird der Kommentar oft gelesen! Wir haben hier in Deutschland viel zu viel einfältige Mitbürger, die dieses: "ich habe doch nichts zu verbergen" schon verinnerlicht haben. Sie haben in aller Kürze aufgezeigt, dass dies oftmals ein Trugschluss ist.
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