S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Im Unterholz der Hipsters

Eine Kolumne von Silke Burmester

Modebewusstsein und Arbeitslosigkeit machen haarig: Der moderne Mann rasiert sich nur noch höchst ungenügend - und gefährdet damit die Existenz eines Traditionsunternehmens. Nun sollen Aufklärungsfilme die Rettung bringen.

Der Hipster ist das Springkraut der Moderne. Das graue Eichhörnchen, die spanische Wegschnecke: Er verdrängt die angestammten Arten und breitet sich unaufhörlich aus. Wo er ist, bleibt das Alte fern. Egal ob in den Parks der Großstädte, den Cafés, den netten Bars - der Hipster kommt, und andere bleiben weg.

Dem Hipster wohnt die subversive Kraft der Verdrängung inne, des Tötens durch Umarmung. Lange Zeit belächelt, als vorübergehende Modeerscheinung eingestuft, könnte das trendige Gewächs nun an einer Entwicklung Mitschuld tragen, die größer ist als ihre Strahlkraft: dem Niedergang der Firma Gillette.

Die Erfolgsgeschichte von Gillette, dem Rasiererhersteller, gegründet von King C. Gillette im Jahr 1901, könnte ausgerechnet an diesen oft etwas klebrig anmutenden Jungspunden zugrunde gehen. Denn diese Nachfolger Adams haben mit ihrem Zottel-Look eine Ausdrucksweise ihrer Persönlichkeit gefunden, die dem Ziel der Firma im Wege steht. Dem Ziel, Rasierer und das nötige Zubehör zu verkaufen.

"Männer, diese schrecklichen, haarigen Biester", so Jack Lemmon in "Manche mögen's heiß", wollen wieder haarig sein. Zumindest wenn sie Hipster sind. Entsprechend lassen sie es an allen möglichen Stellen wachsen, sogar Achselhaare gelten unter den Holzfällerhemdfreunden als willkommener Ausdruck ihrer dem Archaischen zugeneigten Lebensweise.

Eine solche Haltung kann, ja muss dem Gedeihen einer Firma wie dem Rasierklingenfabrikanten zuwider laufen. Und siehe da: Die Umsätze gehen deutlich zurück. Den Rest bewirkt die Wirtschaftskrise. Männer, die morgens nicht zur Arbeit gehen müssen, rasieren sich auch nicht jeden Morgen.

Junge Männer abgreifen, bevor sie dem Hipster-Virus anheimfallen

Was also tut der Fabrikant? Arbeitsplätze schaffen. Ja, das wäre schön, aber das ist nicht gemeint. Nein, er versucht es mit Motivation. Er veröffentlicht Studien, die besagen, dass Frauen auf Männer stehen, an denen unterhalb der Augenwimpern kein Haar mehr ist. Zumindest die Frauen, die im Auftrag von Gillette befragt wurden. Wichtig ist es für den Fabrikanten nun, die jungen Männer abzugreifen, bevor sie dem Hipster-Virus anheimfallen und für seine Message verloren sind. Also stellt er eine "Sammlung von leicht verständlichen und humorvollen Videos" ins Netz, in denen Männer erfahren, warum man "überhaupt etwas anderes als seinen Bart rasieren sollte".

Zum Beispiel die Brustpartie. "Eine rasierte Brustpartie", so behauptet Gillette, "bringt die Muskeln besser zur Geltung." Was dem Hipster natürlich egal ist, denn er trägt nicht nur Jutebeutel und Schlumpfmütze, sein Körper ist dann okay, wenn er wie ein eingeknickter Laternenpfahl in der Gegend steht. Aber es gilt ja auch, die anderen abzugreifen, diejenigen, die bereit sind, sich zeigen zu lassen, "wie du alle wirklich wichtigen, international bewährten Rasurtechniken erfolgreich anwenden kannst".

Und während mit Unterstützung locker-flockiger Animationsfilmchen dem jungen Mann die international bewährten Rasurtechniken, nur die wirklich wichtigen natürlich, gezeigt werden - von oben nach unten rasieren, manchmal auch in Gegenrichtung und die Haut dabei straff ziehen - mutet das ambitionierte Unterfangen wahrlich aussichtslos an, im Angesicht dieser hippen Meute, die sich mit ihren Gesichtspullovern und Matten auf dem Kopf so gar nicht in das einfügt, was die alten Konsumgüterriesen für sie vorgesehen haben. Fast schon bekommt man Mitleid mit dem Klingengiganten, dem die Umsätze wegbrechen, nicht zuletzt wegen ein paar junger Männer, die es vorziehen, den Essensresten ein Heim zu bieten.

Aber dann gibt es noch dieses eine Feld, für dessen Versprechungen vielleicht sogar der Hipster empfänglich ist, denn es zielt auf einen Wunsch, der wohl den meisten Männern innewohnt, egal, wie lang ihr Barthaar ist. Die Intimzone. Sie zu rasieren, sei die Königsdisziplin, so der Klingenhersteller. Mit seinem tollen Apparat "und gesundem Menschenverstand" lässt sich hier alles zum Besten richten. Denn, so die alle Moden und Stilrichtungen überspannende Erkenntnis Gillettes, der sich auch kein noch so cooler Sonstwasverweigerer verschließen kann: "Ein Baum ohne Unterholz sieht einfach größer aus".

Sollte Gillette es schaffen, diese Nachricht unter den Hipstern zu verbreiten, könnte der Absatzrückgang gestoppt werden.

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insgesamt 109 Beiträge
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1. Klientelwechsel?
juttakristina 18.08.2013
Gillette könnte ja auch versuchen, den Absatzmarkt bei den Frauen zu erweitern und Wachs und Konsorten den Kampf ansagen. Da rückt man schon feinsten Flaumhärchen zu Leibe. ;-) Ich weiß, dass es da Frauen und Mädchen gibt, die da extrem auf die Körperbehaarung des Mannes achten, wahrscheinlich der Werbung und der Filmindustrie geschuldet. Aber ob ich mich in einen Mann verliebe oder nicht, hängt nun wirklich von anderen Faktoren ab als der Frage, ob er sich das Brusthaar rasiert oder nicht.
2. Kaffeewärmer
fklein 18.08.2013
Nichts gegen Modetrends. Jeder von uns, der alt genug ist, hat schon den einen oder anderen Unsinn mitgemacht. Von mir aus dürfen Sie Wollmützen und Bärte tragen soviel sie wollen. Was mich dann aber doch den Kopf schütteln ließ: Ich komme gerade aus dem Urlaub in Holland. Toller Strand, super Wetter. Und eine nicht unerhebliche Anzahl Hipster in Badehose, die trotz brütender Hitze die Wollmütze bei Beachvolleyball und Frisbee aufbehalten haben. Der Schweiß, der da unter dem Kaffeewärmer hervorquoll, war echt lecker. Vermutlich hatte die Hitze unter dem Kopfnorweger ihnen das Hirn schon so weichgekocht, dass es sie es nichtmal mehr merken. Wer schön (hip?) sein will, soll leiden...
3. Gute Unterhaltung!
spmc-129111827144864 18.08.2013
Silke deine Texte sind spitze!
4. Eines verstehe ich nicht
tuscreen 18.08.2013
Diese Hipster können doch nicht alle arbeitslos sein, oder sind das alles Studenten? Und in deutsch genormten Großraumbüros ist nach wie vor eine gescheite Rasur erwünscht. Außerdem heißt es doch immer, das weibliche Geschlecht HASSE Männer mit richtigem Bart. Hat sich diese Vorliebe nun auch zeitgeist-hipstergerecht mal eben um 180 Grad gedreht? Und laut einer kürzlich hier bei SPONB verbreiteten Studie ist der Dreitagebart angeblich bei Frauen am beliebtesten, gefolgt von Sechstagebart, gefolgt von glattrasiert, gefolgt von Rauschebart an letzter Stelle. Studie auch hinfällig? Fragen über Fragen..... ;-)
5. Entschuldigung,....
guntalk 18.08.2013
...aber was hat ein Bart mit Hipstertum zu tun? Habe ich als Mann nicht das recht darauf mir einen Bart wachsen zu lassen und meine Brust so behaart zu lassen wie sie halt ist, ohne gleich als Hipster abgestempelt zu werden?! Was ist den hier los?! Ist der Bart ab, ist man metrosexuell doch bleibt er dran, ist man Hipster! Lasst uns Männer doch bitte Männer sein!
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