S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Schlupp, schlupp, schlupp - das süße Leben
Früher waren es Trockenblumensträuße und Blumenampeln - heute geht die moderne Frau in nichts so auf wie in der Herstellung von entzückenden Cupcakes. Reine Zeitverschwendung! Oder nicht?
Mit meiner Entwicklung zur Frau ist irgendetwas schiefgegangen. Kennern dieser Kolumne ist das bekannt. Sie wissen, dass ich mich häufig mit Dingen beschäftige, die zu groben Falten, schuppiger Haut und Verstopfung führen. Dinge wie Bayern, sexistischer Mist, Politik.
Immer häufiger kommt es vor, dass sich mein Blick sehnsuchtsvoll verklärt, wenn ich auf meinem Weg an meinen von Dornen umrankten Arbeitsplatz an einem der zahlreichen Geschäfte mit Frauen- und Kindergedöns vorbeiradle. Das sind Geschäfte, die Frauen eröffnen, wenn die ein, zwei Kinder ausgepresst sind, der Mann in einer schicken Agentur arbeitet und das Leben inhaltslos zu werden droht. Dann eröffnet die moderne Frau, die vor den Kindern auch mal in einer Agentur gearbeitet hat, so einen Kleiderladen, und die Messen, zu denen sie nun fahren muss, um die neusten Fliegenpilz- und Pünktchenkreationen einzukaufen, halten sie ganz schön auf Trab.
Mein Blick also fällt auf und in diese Läden und die verpasste Chance auf ein Dasein ohne eigene Karriere, dafür mit Kindern, Häkelware und einem Werber als Mann, spiegelt sich in der geputzten Fensterscheibe des süßen Lädchens, mit seiner Auslage in Pastell. Und während hinter der Scheibe die Frauen zwischen Frucht- und Trollmotiven wählen und ich in mein funktionsorientiertes Büro fahre, um mir mit wenigen Sätzen neue Feinde zu machen, muss ich an meinen alten Englischlehrer, Mr. Dahmer, denken, der immer sagte: Auf einen abgefahrenen Zug kann man nicht aufspringen.
Und weil der Zug, in dem ich eine freundliche Häkelpilz-Boutiquen-Besitzerin bin, die T-Shirts mit Äpfelchen für Mutter und Kinder verkauft, vor meinem inneren Auge in hohem Tempo in die Ferne davonrauscht, muss ich etwas anderes finden, das mir die Chance gibt, eine normale Frau zu sein.
Dazu muss ich nicht lang suchen, denn das Cupcake-Fieber schickt seine Hitzewellen selbst in meine raue Hütte. Das, was vor 30 Jahren die Makramee-Blumenampeln waren, mit denen unsere Mütter die Bude vollhängten, die Namensschilder aus Salzteig, die sie in der Volkshochschule klebten, und die Trockenblumensträuße, sind heute die Cupcakes. In nichts geht die moderne Frau - auch in jungen Jahren - so auf wie in der Herstellung von entzückenden Küchelchen.
Ein naheliegender Wunsch, endlich mal Knöpfe zu verspeisen
Dabei, das ist mir klar, geht es weniger um das Ding an sich als darum, einen Sinn darin zu finden, seine Lebenszeit und Energie dafür einzusetzen, sich eine Puppenstube aus Zucker zu schaffen.
Anders als bei der Häkelapfel-Boutique ist hier der Einstieg jederzeit möglich. Jede Frau kann von jetzt auf gleich ihr hartes Dasein hinter sich lassen und eine Cupcake-Lady werden. So auch ich. Ich brauche dafür nur diesen wunderbaren Haushaltswarenkatalog, den der Postbote in weiser Voraussicht meiner Daseinskrise in den Briefkasten geworfen hat.
Auf den ersten 33 Seiten geht es um nichts anderes als um das süße Leben. Das macht mich froh, denn hier wird durch die Zurschaustellung weniger Produkte klar, wie schön das Leben sein kann, wenn man sich nur unablässig mit der Herstellung von Naschwerk beschäftigt. Und auf Optik achtet. Das beginnt mit dem Schaffungsprozess, bei dem es darum geht, seine Eier nicht in irgendwas zu hauen, sondern in eine "Rührschüssel mit Eulendessin". Die ist wirklich hübsch, und wäre sie aus Wolle, könnte man sie garantiert bei meinen Freundinnen mit der Häkeleulen-Boutique kaufen.
Weil heutzutage ja jeder Uhu Cupcakes macht, gibt es in der Fortgeschrittenenabteilung Tipps, wie ich Gäste "beeindrucken" kann. Und zwar, in dem ich die Kuchen in "putzigen" Blumentopf-Förmchen backe und wie Pflanzenkübel dekoriere. Für die entsprechende Dekoration kann ich Zuckergussformen kaufen, mit deren Hilfe ich "atemberaubend schöne Ergebnisse" erziele. Ich kann hier zum Beispiel Knöpfe formen, die ich auf die Kuchen klebe. Was ein naheliegender Wunsch ist, endlich mal einen Knopf zu verspeisen. Toll finde ich auch die Teig-Lollis, die ich backen und dann in Schokolade tauchen kann, bevor ich sie mit allerlei Zierrat schmücke. Alles, wovon eine Frau, die sich eben noch an sexistischer Werbung die Zähne ausgebissen hat, so träumt.
Glücklich zwischen Gedöns
Ich gebe zu, dass ich wie besessen in meinem Katalog blättere, während sich vor meinem inneren Auge das Bild formt, das ich mir immer gewünscht habe. Das Bild einer Frau, glücklich zwischen Gedöns. Und weil für eine solche Frau Lollis und Tassenkuchen bald so interessant sind wie Kissenhüllennähen, sehe ich mich schon das Karussell aus Schokolade bauen, für das ich hier die Formen erwerben kann und das auf der Abbildung so perfekt aussieht, dass es eine Kleinigkeit sein muss, das hinzubekommen.
Und weil ich durch den Erfolg und die Zufriedenheit, die ich in meinem Kopf erlebe, immer begeisterter werde, schrecke ich auch vor den anderen Produkten nicht mehr zurück und erkenne auf einmal die Sinnhaftigkeit von einem Gerät, das ich in die Erdbeere quetsche, auf dass es "denkbar einfach" den Strunk entferne. Oder die eines Gefrierbeutelhalters, der das Befüllen von Gefrierbeuteln erleichtert. Und auch die der Ärmelschoner, die ich mir überstreifen kann, damit sie meine Arme beim Spülen "immer schön trocken" halten.
Mein absolutes Lieblingsutensil aber wird "Yolk Hero", der "Eigelb-Sauger". Schon jetzt bin ich ganz aufgeregt, wenn ich daran denke, wie ich ein Ei nach dem anderen in meine Eulen-Rührschüssel gebe, und dann kommt Yolk Hero, der rote Gummikumpel, und saugt Dotter um Dotter heraus. Schlupp! Schlupp! Schlupp! Die Hühner werden gar nicht so viele Eier legen können, wie ich sie in die Schüssel hauen möchte, in dieser immensen Freude, die mit jedem "Schlupp!" größer wird.
Schon jetzt tut es mir um die Jahre leid, die ich in der Annahme verbracht habe, mit meinem Wortgeholze etwas Sinnhaftes zu tun, auf dass die Welt sich herausentwickle aus der Bequemlichkeit der Anpassung. Ich hätte schon viel früher auf meine Kritiker hören sollen, die meine Weiblichkeit in Frage stellen und meinen, in der Küche würde mein krankes Hirn heilen.
Und da ist es nun angekommen. Und da bleibt es. Bis nächste Woche. Ich habe nämlich auf Seite 80 in meinem Katalog eine "Reinigungsbürste für elektronische Geräte" entdeckt. Die ist eine "clevere Lösung", meine Dornen-Tastatur zu reinigen. Ich bin mir sicher: Wenn das Blut erst mal weg ist, kommt die Lust, sich die Finger wieder wundzuschreiben, ganz von allein.
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Silke Burmester lebt als freie Journalistin und Dozentin in Hamburg. Sie schreibt über kulturelle und gesellschaftspolitische Themen für verschiedene Publikationen, darunter "Die Zeit" und "Zeit-Magazin". Ihre Medien-Kolumne "Die Kriegsreporterin" veröffentlicht sie jeden Mittwoch in der "taz", ihre satirische Kolumne "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" (im SPIEGEL-Shop) ist bei Kiepenheuer & Witsch als Buch erschienen. Dort ist im Februar 2012 auch "Beruhigt Euch!" (im SPIEGEL-Shop) erschienen, Burmesters Pamphlet gegen die Medien-Hysterie.- "Die Kriegsreporterin" auf Twitter
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Volker Hage:
Marcel Reich-Ranicki
(1920-2013)Der Kritiker der Deutschen.
SPIEGEL E-Book 2013;
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