S.P.O.N. - Helden der Gegenwart: Wir filtern uns die Welt schön
Pornografie, Fast Food, Tabakgenuss: Politiker wollen mit Filtern im Internet aufräumen. Angeblich der Kinder zuliebe. Wollen sie sich etwa den perfekten Bürger und Wähler züchten?
Manchmal frage ich mich, wie Politiker und Politikerinnen es aushalten, so viel Gutes zu wollen und mit Undank und Boshaftigkeiten belohnt zu werden. Unablässig sorgen sie sich. Um die Kinder. Kümmern sich. Um die Kinder. Haben nur deren Wohl im Auge. Übernehmen Verantwortung. Und was ist der Lohn? Nicht einmal diese Bemühungen werden mit dem Respekt und Dank bedacht, der ihnen gebührt.
Die Russen zum Beispiel. Wenn deren Politiker beschließen, das Sprechen über gleichgeschlechtliche Liebe und Liebesbekundungen wie Küssen unter Strafe zu stellen, dann tun die das ja nicht, weil sie was gegen Lesben und Schwule haben. Sondern weil sie vermeiden möchten, dass ihre Kinder denken könnten, jemanden des eigenen Geschlechts zu lieben oder mit ihm Sex zu haben, könnte doch auch ganz schön sein. Schließlich wissen die Russen gut genug, wie mies in ihrem Land mit Homosexuellen umgegangen wird. Schlimme, Körper und Seele verletzende Erfahrungen möchten sie ihrem Nachwuchs ersparen. So einfach ist das.
Oder David Cameron. Nächstes Jahr will der britische Premier eine Porno-Sperre im Internet einführen. Das tut er für die Kinder. Obwohl die Maßnahme auch Opfer für ihn bedeuten. Mal ein hübscher, kleiner Blowjob vor der Sitzung im Oberhaus auf dem Bildschirm, ein Mittagsquickie auf dem Parkplatz nach dem Essen, abends ein gepflegter Gangbang unter Bankern - das mannigfaltige Angebot von youporn geht an ihm vorbei, wenn er das Risiko eliminieren will, dass seine Kinder Pornos sehen könnten, wenn sie an seinem Rechner rumfummeln.
Und weil überall das Unheil lauert, das die Kinder verdirbt, werden die Internetfilter, die in Computern und Telefonen vorinstalliert sein werden, auch noch ganz andere Dinge sperren, die sich schädlich auf so eine junge Seele auswirken können.
Schützt die Kleinen
Seiten zum Thema Essstörungen zum Beispiel. Wenn die Kinder im Fernsehen Model- und Castingshows gesehen haben, in denen es nur darum geht, attraktiv, also rattendünn zu sein, und in denen die Mädels weiterkommen, die ihrem Körper die höchstmögliche erotische Attraktivität abzugewinnen verstehen - dann sollen die Zehnjährigen nicht im Internet lesen, wo sie den Bandwurm kaufen können, der sie schlank hält oder mit welchen Aromen versehen, Watte am ehesten genießbar ist.
Und natürlich soll vom Nachwuchs alles fern gehalten werden, das den westlichen Herrschaftsanspruch in Frage stellt, weswegen es nur gut ist, dass die Worte "extremistisch" und "Terrorismus" so flächendeckend verbreitet sind. Auch vor "esoterischen" Inhalten werden die Kleinen auf diese Weise bewahrt. Nicht, dass sie auf die Idee kommen, lieber den ein oder anderen Bachblütentropfen zu schlucken statt der Pharmaindustrie zu vertrauen.
Ganz wichtig ist natürlich auch, die Jugend vor dem Rauchen zu schützen. Weswegen nicht nur die Film-Klassiker aus dem Fernsehprogramm zu verbannen sind, sondern eben auch ein Rauchfilter im Netz installiert wird. Ebenso wie es gilt, den Alkohol und die schlimme, schlimme Gewalt, die Erwachsenen tagtäglich in die Welt bringen, von ihnen fernzuhalten.
Leistungsverweigerer allesamt
Und vor allem den Selbstmord. Nicht, dass sie am Ende noch die Information erhalten, dass man sich der traurigen Situation - fettgefressen bei McDonald's, ruhiggestellt mit Ritalin, die vom besoffenen Vater blau geschlagene, mit Psychopharmaka abgefüllte Mutter im Zigarettendunst kaum auf dem Sofa ausmachen könnend, nur die Politiker in der Ferne, die sich kümmern - durch Selbsttötung entkommen könnte.
Der Blick auf die Erwachsenen von heute zeigt doch, wie wichtig es ist, Kindern Zugänge zu blockieren. Das wird deutlich, wenn man auf die degenerierten Fast-Food-Fresser schaut, ebenso wie auf diejenigen, die auf die irre Idee kommen, die Welt verändern zu wollen und den Kapitalismus kritisieren. Leistungsverweigerer allesamt. Jeder auf seine Art. Da muss ein Staat eingreifen und eben nur das übrig lassen, was aus Kindern leicht zu führende, angepasste Leistungsträger macht, die nicht auf die Idee kommen, sich dem Machthabertraum von einer "Brave New World" zu widersetzen.
Wirklich, Internetfilter sind nur zum Besten unserer Kinder. Politiker wissen das. Das sind weitsichtige Menschen. Deshalb ist es auch richtig und wichtig, dass die Engländer und Amerikaner alle Lebensbereiche ausspionieren. Kontrolle ist wichtig. Damit man denen helfen kann, die vom Weg abkommen. Nur, wenn die Machthabenden wissen, wer wo welches Problem hat, wer welche Interessen verfolgt, die fern ihres Interesses liegen, können sie dem Einzelnen etwa durch Internetfilter helfen, sich den schlimmen Einflüssen zu erwehren und auf Linie zu bleiben. Oder auf die Linie zu finden.
Ehrlich, Politiker reiben sich auf in ihrem Bemühen, Gutes zu tun. Und dass sie so viel für Kinder, die Zukunft einer jeden Gesellschaft, tun, ist einfach bewundernswert. Es ist an der Zeit, dass das mal gewürdigt wird.
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Silke Burmester lebt als freie Journalistin und Dozentin in Hamburg. Sie schreibt über kulturelle und gesellschaftspolitische Themen für verschiedene Publikationen, darunter "Die Zeit" und "Zeit-Magazin". Ihre Medien-Kolumne "Die Kriegsreporterin" veröffentlicht sie jeden Mittwoch in der "taz", ihre satirische Kolumne "Das geheime Tagebuch der Carla Bruni" (im SPIEGEL-Shop) ist bei Kiepenheuer & Witsch als Buch erschienen. Dort ist im Februar 2012 auch "Beruhigt Euch!" (im SPIEGEL-Shop) erschienen, Burmesters Pamphlet gegen die Medien-Hysterie.- "Die Kriegsreporterin" auf Twitter
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